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Länderübergreifende Solidarität

Reutlinger Gewerkschafter demonstrieren in Italien

Gut sieben Stunden im Bus für die internationale Solidarität – 130 deutsche Metaller waren gestern in Corbetta, um gegen Entlassungen bei Automotive Lighting in Reutlingen und in einem Fiat-Werk auf Sizilien zu protestieren. Vor der Konzernzentrale forderten sie Magneti-Marelli-Chef Eugenio Razelli zum Rededuell auf. Erfolglos.

04.02.2010
  • Katharina Mayer

Corbetta. Während ihre Kollegen bei Automotive Lighting (AL) in Reutlingen Streikposten ans Werkstor schickten, machten sich am frühen Mittwoch etwa 130 Demonstranten von AL, Still-Wagner, Bosch, Walter, Elring-Klinger und Burkhardt + Weber nach Italien auf. Ihr Reiseziel: die Zentrale von Magneti-Marelli (MM) in Corbetta (bei Mailand).

Der Reisezeitpunkt war günstig, denn angesichts der drohenden Schließung des Fiat-Werks im sizilianischen Termini Imerese streikten in Corbetta auch die Fiat-Mitarbeiter. Nach rund sieben Stunden Fahrt und einigen Orientierungs-Schwierigkeiten in italienischen Kreisverkehren erreichte der Konvoi aus drei Bussen gegen zehn Uhr die Zentrale der AL-Mutterkonzerns. Die italienischen Arbeiter hatten ihren befristeten Streik zu diesem Zeitpunkt schon begonnen. Eine vergleichsweise überschaubare Gruppe von rund 30 italienischen Gewerkschaftsleuten erwartete die Reutlinger Delegation vor den Werkstoren.

Bereits am Vorabend und am frühen Morgen hatte es Gespräche zwischen Gewerkschaftern beider Länder gegeben. Reutlingens IG-Metall-Chef Gert Bauer, der AL-Betriebsratsvorsitzende Michael Jäger und andere Mitglieder der Streikleitung waren mit dem Auto schon am Dienstag nach Mailand gefahren, um, wie Bauer es formulierte, sich um eine „konkrete Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften in der Region“ zu bemühen. Angedacht sind vorläufig gemeinsame Seminare.

Ein eher unspektakulärer Anfang der Zusammenarbeit, den man auf beiden Seiten aber leicht verschmerzen konnte – mit der ersten länderübergreifende Aktion der beteiligten Gewerkschafter im Rücken. Gert Bauer: „Ein historischer Tag.“

Den ließen sich die Reutlinger auch von der bescheidenen Anzahl der italienischen Anwesenden vor der Magneti-Marelli-Zentrale nicht vermiesen. Die Stimmung war kampflustig. Mit der Aktion wolle man Konzernchef Eugenio Razelli zeigen, dass „wir um unsere Arbeitsplätze nicht nur in Reutlingen kämpfen, sondern auch hier“, sagte AL-Betriebsratschef Michael Jäger: „Die Entscheidungen werden nicht in Reutlingen getroffen.“

Deshalb verlangten die Demonstranten ein Gespräch mit dem Magneti-Marelli-Chef. Signor Razelli ließ sich aber nicht blicken. „Der hatte sich von Anfang an verpisst“, schimpfte deshalb IG Metall-Sekretär Ernst Blinzinger. Die Konzernleitung habe sich schlicht „nicht getraut, eine Erklärung abzugeben.“ Auch dies sei wieder ein Indiz für die „brutal arrogante Haltung der italienischen Geschäftsführer“, die in den vergangenen Tagen ein Stillhalteabkommen hätten platzen lassen.

Trotz Abwesenheit der Konzernchefs werteten die Streikenden die Aktion nach Abschluss als Erfolg – vor allem unter dem Stichwort internationale Solidarität. „Wir müssen aufeinander zugehen, wir müssen gemeinsam kämpfen“, hatte Gert Bauer schon in seiner Kundgebungsrede betont. Denn „das Kapital kämpft international, deshalb müssen wir auch international kämpfen.“ Man habe gemeinsame Ziele. Die anderen hingegen „haben nur den Profit im Kopf, nicht den Menschen.“ Frei nach dem römisch-lateinischen Motto „divide et impera“ würden „die Herren immer versuchen, uns gegeneinander auszuspielen.“ Da gebe es nur eins für die Belegschaften: „Nein sagen! Wenn die anderen streiken, gibt es für uns nur solidarische Unterstützung.“

Kämpferische Worte auch von italienischer Seite: Renato Esmeraldi, Bevollmächtigter der regionalen Gewerkschaft, betonte, dass die Geschichte der Arbeiterbewegung gezeigt habe, dass Lokalpatriotismus, nationalistische Gedanken und Egoismus nicht zielführend seien. „Eure Auseinandersetzung in Reutlingen ist auch unsere Auseinandersetzung in Corbetta.“ Der „außergewöhnliche Kampftag“ sei ein Botschaft an den Fiat-Konzern, zu dem MM und AL letztlich gehören. Und sollte diese nicht erhört, kein Stillhalteabkommen unterzeichnet werden, gingen die Streiks weiter.

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04.02.2010, 12:00 Uhr

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