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Reutlinger Heimatmuseum zeigt Alltagskultur der DDR
Geschichte zum Anfassen

Reutlinger Heimatmuseum zeigt Alltagskultur der DDR

Das Reutlinger Heimatmuseum stellt als „ABC des Ostens“ Objekte zur Alltagskultur in der ehemaligen DDR aus.

03.10.2010
  • Matthias Reichert

Reutlingen. Lausbube Alfons Zitterbacke oder das singende und springende Löweneckerchen: Kinder wuchsen in der DDR mit solchen „Litera“-Schallplatten auf. Ihre Mütter wuschen mit „Wok“, dem „modernen Schnellwaschmittel“. Oder sie füllten „Duplex“ in die Waschmaschinen – „mit doppelter Ergiebigkeit“. Reklame von damals gehört mit zur Ausstellung.

Man darf die Objekte auch berühren: Von „Alfi“ – Aluminium aus Fischbach – bis „Zekiwa“ – Kinderwagen aus Zeitz – stellt die Schau samt Geschichte(n) 26 Konsumgüter aus dem Osten vor. Die waren in der DDR nicht immer verfügbar: Erst nach dem Aufstand vom 17. Juni 1953 wurden sie vermehrt hergestellt.

Konzipiert hat die Wanderausstellung das Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR in Eisenhüttenstadt. Das arbeitet seit 1993 die DDR-Geschichte auf. „Wir wollen, dass die Dinge, mit denen die Menschen im Alltag umgegangen sind, bewahrt werden“, sagt Leiter Andreas Ludwig. Er glaubt: „Die DDR ist das besterforschte Thema deutscher Geschichte“. Und weiß doch: „Für Jüngere ist das so lange her wie das deutsche Kaiserreich“. Jugendliche Besucher hätten bei der Reiseschreibmaschine „Erika“ verzweifelt den Druckeranschluss gesucht.

„Heiko“ hießen Füllhalter aus Wernigerode im Harz, auch „Pionierfüller“ genannt. Der 1953 entstandene Volkseigene Betrieb (VEB) orientierte sich an „Geha“-Vorbildern aus dem Westen. Grafiker und Pädagogen entwickelten in den 1960er-Jahren eine eigene DDR-„Schulausgangsschrift“, die das Lernen und einen schönen Schreibstil fördern sollte.

„Unimix“-Haushaltsgeräte aus Dresden, unter anderem von der dortigen Kurt Rönsch KG hergestellt, beleuchten die Wirtschaftsgeschichte der DDR. In den 50er- und 60er-Jahren unterstützte der Staat Privatfirmen, gab ihnen über die Staatsbank Kredite für Investitionen. „Die Firmen konnten kein Geld ansparen, weil die Preise staatlich festgesetzt waren“, erklärt Ludwig.

Wegen der Fördermittel wurden die Betriebe halb staatlich; Ende der 60er-Jahre waren die meisten überschuldet. Ulbricht förderte die Großproduktion in VEB und Kombinaten, nach dem Wechsel zu Honecker wurden 1972 die letzten Kleinbetriebe enteignet – wegen Überschuldung. Die Folge: Es gab keine Gegenstände wie Druckknöpfe und Reißverschlüsse mehr im Handel. Und die ästhetischen und technischen Standards senkten sich immer mehr ab.

Bis heute hergestellt wird Jenaer Glas. Dort wurden seit Anfang des 20. Jahrhunderts, nach dem Zweiten Weltkrieg im VEB, hitzebeständige Haushaltsgläser, Koch- und Backgeschirr produziert. Das waren in der DDR beliebte Tauschgegenstände gegen Westpakete mit Seife, Waschpulver, Schokolade, Seidestrümpfen, erzählt Ludwig – bis die Staats-Oberen den privaten Export verboten, weil sie mit den Glasprodukten Devisen beschaffen wollten.

Glas-Objekte von Wilhelm Wagenfeld und Ilse Decho zeigen auch Design-Geschichte: „funktional und mit Bauhaus-Hintergrund“. Weiter erfährt man, wie DDR-Bürger aus Kinderwagen und Elektro-Motoren Rasenmäher konstruierten, ehe der VEB Transformatorenwerk „Karl Liebknecht“ in Berlin-Oberschöneweide ab 1963 elektrische Rasenmäher „Trolli“ baute. Man kann „Juwel“-Zigaretten aus Bulgarien bestaunen, sieht „Ines“-Fernseher aus Staßfurt.

Die Museums-Mitarbeiterin Anke Bächtiger hat mit Sponsorenhilfe ein umfangreiches Begleitprogramm erarbeitet. Zu den Führungen werden Häppchen mit Halberstädter Würstchen serviert, zur Eintrittskarte bekommt man Knusperflocken wie von einst. In einer Filmreihe sind DDR-Streifen zu sehen. Neben weiteren Vorführungen laufen am Sonntag, 7. November, ab 15 Uhr unter dem Titel „DDR entspannt“ 16 Dokumentarfilme aus den 80er-Jahren zur Freizeit- und Alltagskultur.

Eröffnung feiert auch Städtefreundschaft mit Pirna

Die Ausstellung im Heimatmuseum wird morgen um 11.15 Uhr eröffnet, zugleich wird die 20-jährige Städtefreundschaft mit Pirna in der Sächsischen Schweiz gefeiert. Reutlingen half dort bei der Neuorganisation der Verwaltung. OB Barbara Bosch begrüßt, Pirnas Bürgermeister-Stellvertreter Prof. Peter Schwerg (CDU) spricht ein Grußwort. Andreas Ludwig führt in die Schau ein; Eleonore Hochmuth aus Tübingen spielt DDR-Chansons.

Die Objekte sind dann bis 16. Januar zu sehen (Dienstag bis Samstag 11 bis 17 Uhr, Donnerstag bis 19 Uhr, Sonn- und Feiertage bis 18 Uhr).

Vom 28. November an werden im Treppenhaus Weihnachtsgeschenke aus der DDR aus dem Fundus Reutlinger Bürger/innen gezeigt.

Reutlinger Heimatmuseum zeigt Alltagskultur der DDR
Mit Kinderwagen „Zekiwa“: Ausstellungsmacher Andreas Ludwig, Museumsmitarbeiterin Anke Bächtiger und Kulturamtschef Werner Ströbele (von links). Bilder: Haas

Reutlinger Heimatmuseum zeigt Alltagskultur der DDR
DDR-Waschmittel, links der Tischfernseher „Rubens“ aus den 1950ern.

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03.10.2010, 12:00 Uhr

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