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Mit Kampfmesser auf Kumpel losgegangen

Reutlinger nach Mordversuch vor Gericht

Eine Attacke aus Eifersucht, eine Abrechnung mit einem Kontrahenten oder ein Angriff im Suff? Das Tübinger Landgericht versucht seit gestern zu klären, warum ein 42-jähriger Reutlinger mit dem Messer auf einen Mitbewohner losgegangen ist.

24.11.2012
  • Fabian Ziehe

Reutlingen. Mord aus niederen Beweggründen und gefährliche Körperverletzung, diese Anklagepunkte trug Staatsanwalt Jan Vytlacil gestern dem Tübinger Landgericht vor. Vor einem Jahr soll ein Reutlinger im Streit ein Kampfmesser mit 21 Zentimeter langer Klinge gezückt haben, um damit einen Mitbewohner zu töten.

Was da in der Vierer-Wohngemeinschaft in der Reutlinger Seestraße tatsächlich passierte, bleibt nach dem ersten Prozesstag nebulös. Der Angeklagte schilderte zwar bei seiner Vernehmung vor der 5. Schwurgerichtskammer des Tübinger Landgerichts detailliert das Vorgeschehen. Doch an die eigentliche Messerattacke konnte er sich nur noch „fragmentarisch“ erinnern – eigentlich gar nicht. Auch das übrige Geschehen klingt verworren. Es war viel Alkohol im Spiel, das scheint sicher.

Der 42-Jährige habe gegen Mittag mit WG-Kollegen getrunken und dabei erfahren, dass im Zimmer eines der Mitbewohner dessen neue Freundin sei. Als eben jener sich zum Supermarkt aufgemacht habe, um Alkoholnachschub zu holen, sei der Angeklagte in das Zimmer gegangen. Er habe die Frau nicht näher gekannt. Dennoch küssten sie sich und landeten im Bett, wo sie der Mitbewohner ertappte, als er vom Einkauf zurück kam. Der drohte dem Angeklagten Schläge an und warf ihn aus dem Zimmer.

Nun tat sich der Ertappte mit dem Nachbarn zusammen und trank mit ihm weiter. Das Gespräch kam darauf, dass er inflagranti erwischt wurde, worauf der Nachbar „er will auch mal“ gesagt habe. Den Wunsch habe er wörtlich genommen und sei wieder in das Zimmer, um die Frau zu holen.

Als er dort von dem Gehörnten nicht gerade freundlich empfangen wurde, drohte der Angeklagte seinerseits mit Schlägen, habe aber übersehen, dass ein weiterer WG-Bewohner im Zimmer war. Mit dem sei er schon zwei Monate davor aneinandergeraten, wobei er den Angeklagten mit einem Messer angegriffen habe. Bei dieser neuerlichen Konfrontation warf er ihn kurzerhand aus dem Zimmer.

„Da bin ich ausgerastet“, erklärte dieser. Er sei nun in sein Zimmer und habe das Kampfmesser von der Wand genommen, um seinerseits den Peiniger zu attackieren. Was dann passierte, versucht die Anklageschrift zu erklären: Er habe den Kontrahenten schlagen oder stechen wollen, rangelte aber mit dem betrogenen WG-Genossen. Dabei verletzte er sein Gegenüber mit dem Messer am Hals. Die anderen schafften es schließlich, den Angeklagten abzudrängen. Der Hausbesitzer beruhigte ihn und nahm ihm das Messer ab.

Was sich tatsächlich abspielte, ob der Angeklagte aus Eifersucht, Rache oder Trunkenheit zum Messer griff, muss jetzt das Gericht klären. Klar ist: Die Tat steht am Ende einer Abwärtsspirale. Der deutschstämmige Angeklagte war 1990 mit Frau und Baby nach Deutschland gekommen – auf abenteuerlichen Wegen, die Grenze war noch nicht offen. Hier arbeitete er als Schreiner, später als Steinmetz. Außerdem betrieb er eine Kneipe und schaffte als Monteur.

Als 2004 seine Firma pleiteging und eine Tochter kurz nach der Geburt starb, begann er zu trinken. Die Beziehung mit seiner Frau ging in die Brüche. Allerdings hat er zu ihr wie zu seinen drei Kindern noch Kontakt, sie besuchten ihn sogar in der Untersuchungshaft.

Er selber ergab sich mehr und mehr dem Suff und dem Computerspielen. Das gelegentliche Arbeiten bekam er irgendwann gar nicht mehr hin. Therapien habe er schon versucht – aber bislang nicht, um trocken zu werden, sondern nur, um dem Körper eine Auszeit zu gönnen. Nach dem Prozess wolle er den Alkoholkonsum einschränken. Oder aber, wenn das nicht klappt, ganz trocken werden.

Info: Vorsitzender Richter: Ralf Peters; Beisitzer: Claus-Jürgen Hauf, Christoph Sandberger; Verteidiger: Christian Niederhöfer; Staatsanwalt: Jan Vytlacil

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24.11.2012, 12:00 Uhr

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