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Der Flügel des Kaninchens

Revital Herzog präsentierte in der Baisinger Synagoge Koscheres und Unkoscheres

Kurz vor Beginn der „zehn furchtbaren Tage“ im jüdischen Kalender breitete Revital Herzog in ihrem gestrigen Erzählkonzert ein humorvolles multikulturelles Mosaik aus europäischen, arabischen und israelischen Geschichten und Melodien aus in der Baisinger Synagogen-Gedenkstätte.

06.09.2010
  • Stephan Gokeler

Baisingen. Erzählkonzerte leiden gelegentlich darunter, dass krampfhaft Brücken geschlagen werden zwischen Musik und Wortbeiträgen und am Ende weder der Musikliebhaber noch der eher literarisch interessierte Zuhörer voll auf seine Kosten kommt.

Bei Revital Herzog ist das anders: Die Geschichten, die sie den Zuhörern erzählt, und ihre Akkordeonmusik sind für die in Gönningen lebende Israelin lediglich verschiedene Ausdrucksformen, um dem Publikum kleine Szenen aus ihrem multikulturellen Leben nahe zu bringen.

Ihr Vater stammte aus dem früheren Jugoslawien und verlor seine Familie im Holocaust. Die Familiengeschichte der Mutter wurzelt in Persien, sie selbst wuchs in Israel auf und heiratete einen deutschen Katholiken. Auf Reisen in viele Teile der Welt sammelte Revital Herzog weitere Mosaiksteinchen, die sie heute in ihren Konzerten und Geschichten zu einem Gesamtbild vereint.

Neher führt jetzt auch den Förderverein

Am Sonntagvormittag breitete sie dieses bunte Gemälde in der Baisinger Synagoge aus. Anlässlich des Europäischen Tags der jüdischen Kultur hatte der Förderverein der Gedenkstätte eingeladen, erstmals übrigens unter dem Vorsitz des Rottenburger Oberbürgermeisters Stephan Neher in Nachfolge des ebenfalls anwesenden Alt-OB Winfried Löffler. Gut 40 Besucher ließen sich von Herzog in Märchen aus tausendundeiner Nacht, jüdische Weisheiten, erlebte europäische Geschichte und deren musikalische Adaptionen entführen.

Ohne dass sie darauf explizit hinweisen müsste, vermitteln die Erzählungen, Anekdoten und Melodien von Revital Herzog vor allem eine Botschaft: So verschieden die Gewänder sein mögen, in denen sie daherkommen, so ähnlich sind doch die dahinter stehenden Wünsche, Sehnsüchte und Bedürfnisse der Menschen, die sie hervorgebracht haben. Dass Revital Herzog dies fernab jedes missionarischen Eifers deutlich machen kann, ist eine Wohltat.

In wenigen Tagen ist der jüdischen Rosch-Haschana-Tag: Am „Kopf des Jahres“, wie der Neujahrstag nach dem jüdischen Kalender heißt, entscheidet sich das Schicksal eines jeden Lebewesens im bevorstehenden Jahr. Noch bis Jom Kippur, dem Versöhnungstag, besteht die Möglichkeit zur Reue und inneren Umkehr – die „zehn furchtbaren Tage“ wird dieser Zeitraum der Beschäftigung mit den eigenen Verfehlungen genannt. Für Revital Herzog ist dies ein willkommener Anlass, nicht von Sünde, Buße und Zerknirschung zu erzählen, sondern von gewitzten Menschen, die ihr Schicksal in die Hand nehmen und ihm mit Charme ein Schnippchen schlagen.

Pausen-Verzicht als Kompliment

So wie der geprellte Besitzer einer teuren Ziege, der den Tausch in einen wertlosen Bock als Wunder zu vermarkten weiß. Oder ihr eigener, auch dem unkoscheren Fleisch zugeneigter Vater, der sich von der religiösen Schwiegermutter den „Flügel des Kaninchens“ zubereiten lässt. Klezmerstücke, Bauchtanzmelodien oder traditionelle südosteuropäische Weisen griffen die jeweilige Stimmungslage treffend auf. Dass das Publikum auf die angebotene Pause verzichtete, darf Revital Herzog getrost als Kompliment verstehen.

Revital Herzog präsentierte in der Baisinger Synagoge Koscheres und Unkoscheres
An der Wand sind noch die Umrisse des einstigen Synagogen-Gestühls zu erkennen, das SA-Leute bei der Plünderung am 9. November 1938 herausgerissen haben: Revital Herzog (Bildmitte) und ihr Akkordeon beim Konzert in der Gedenkstätte Baisingen.Bild: Faden

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06.09.2010, 12:00 Uhr

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