Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Rezept gegen Ärztemangel
Mancherorts ist der Besuch beim Hausarzt schon heute mit weiten Wegen verbunden, ähnliches gilt für Termine beim Physio- oder Psychotherapeuten. Gesundheitszentren sollen künftig alle Fachleute unter einem Dach zusammenführen. Foto: colourbox
Auf der Schwäbischen Alb entsteht ein neuartiges Gesundheitszentrum

Rezept gegen Ärztemangel

Volle Versorgung unter einem Dach: Die Tübinger Medizin-Professorin Stefanie Joos plant ein neuartiges Gesundheitszentrum auf der Alb. Es soll auch ein Rezept gegen den Ärztemangel auf dem Land sein.

16.04.2016
  • MADELEINE WEGNER

Hohenstein/Tübingen. "Die hausärztliche Versorgung im Landkreis Reutlingen wird sich in den nächsten 15 Jahren dramatisch verschlechtern, falls nicht gegengesteuert wird." So lautete die Prognose des Kreises Reutlingen schon im Jahr 2010. Fast zwei Drittel der Hausärzte im Landkreis würden 2025 mindestens 65 Jahre alt sein. Die Diagnose lautet: zu wenig junge Hausärzte auf dem Land bei zugleich höherem Bedarf, steigender Lebenserwartung und einer Zunahme chronischer Erkrankungen. In vielen ländlichen Regionen drohen medizinische Versorgungslücken. Und mancherorts sind sie schon Realität.

Der Landkreis Reutlingen suchte nach einem wirkungsvollen Rezept. Gemeinsam mit verschiedenen Kooperationspartnern begann der Kreis ein neuartiges Gesundheitszentrum in Hohenstein auf der Schwäbischen Alb zu planen. "Die Zeit ist reif und der Druck ist groß für innovative Ansätze", sagt Stefanie Joos. Die Professorin für Allgemeinmedizin und Interprofessionelle Versorgung an der Uni Tübingen leitet das Modellprojekt.

Das Gesundheitszentrum soll nach angloamerikanischen und skandinavischen Modellen verschiedene Berufsgruppen unter ein Dach bringen und so die medizinische Versorgung in der Region sichern. Ein gemeinsames Angebot von Hausärzten, Physiotherapeuten, Sozialarbeitern, Psychotherapeuten und medizinischen Fachangestellten - dieser interprofessionelle Gedanke sei neu, sagt Joos.

Hinzu sollen telemedizinische Angebote kommen, damit Hausärzte über moderne Kommunikationsformen den Rat von Fachärzten einholen können und Patienten mancher weite Weg erspart bleibt. Außerdem will Joos um das Gesundheitszentrum ein enges Netzwerk knüpfen, zu dem auch Sozialarbeiter und Vereine gehören werden. So sollen sich schnell und pragmatisch passende Angebote beispielsweise zu Rückengesundheit oder Präventionskursen finden.

Dieses Konzept überzeugte auch die Robert-Bosch-Stiftung: Sie fördert das Projekt mit 50 000 Euro sowie inhaltlich. Die Stiftung hat acht Konzepte bundesweit ausgezeichnet, darunter mit Freiburg und Calw auch zwei weitere Projekte in Baden-Württemberg. Stefanie Joos wird sich zusammen mit Kollegen aus den anderen Projekten Anregungen aus dem Ausland holen. In dieser Woche sind sie mit Hilfe der Stiftung in Kanada unterwegs, um dort zehn vorbildliche Einrichtungen zu besuchen.

In Hohenstein auf der Alb gibt es bereits erste Ansätze für das Gesundheitszentrum. Ein Hausarzt, Studenten und Allgemeinmediziner der Uni Tübingen arbeiten dort zusammen, haben erste kleinere Forschungsprojekte gestartet. Das Zentrum soll auch eine Lehr- und Forschungspraxis für angehende und junge Ärzte werden.

Wenn es um den Beruf Hausarzt geht, gebe es unter Medizinstudenten "viele Mythen", sagt Joos. Etliche Studenten hätten ein falsches Bild davon. Rund um die Uhr allein in der Einzelpraxis arbeiten, das war vielleicht mal. Heute sei es gut möglich, in einer Gemeinschaftspraxis zu arbeiten, wo Teilzeitarbeit kein Problem ist. So ließen sich Familie und Beruf leichter unter einen Hut bringen. Auch könnten junge Mediziner als Hausärzte einfacher Lehre, Forschung und Praxis kombinieren. "Daran müssen wir arbeiten, dass diese Vorteile bekannter werden", sagt die Professorin.

Die Allgemeinmedizin war in Deutschland seither nicht so gut an den Uni verankert. An der Uni Tübingen gibt es erst seit vergangenem Jahr einen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin. "Wenn das Fach an der Uni präsent ist, kommt es auch bei den Studenten mehr in die Köpfe", sagt Joos. Zudem plant sie eine Weiterbildung zu betriebwirtschaftlichen Aspekten: "Die Vorstellung, auch Unternehmer zu sein, hat viele Studenten davon abgeschreckt, Hausarzt zu werden."

Was die Prognose aus dem Jahr 2010 angeht, gibt Joos leichte Entwarnung: "Es ist nicht ganz so prekär, wie man es sich vorgestellt hatte." Manche der älteren Ärzte im Landkreis hätten Nachfolger gefunden", sagt Joos. Wandel brauche aber auch Zeit. Die Ärztin schaut lieber positiv in die Zukunft: "Es wird immer viel gejammert, aber es gibt neue Konzepte."

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

16.04.2016, 06:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball