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Medien

Rezos langer Schatten

Die Parteien wollen digitaler werden und auf Plattformen wie YouTube präsent sein. Doch oft blamieren sie sich dabei. Dabei wäre ein erfolgreicher Dialog durchaus möglich.

28.09.2019

Von Jana Zahner

YouTube-Star Rezo, Armin Petschner von CSYou und der EU-Abgeordnete Tiemo Wölken (SPD) suchen auf der Videoplattform den Austausch mit jungen Nutzern. Doch die Politik im YouTube-Format kommt nicht immer gut an. Foto: Screenshot: Youtube/Rezo ja lol ey

Berlin. Ein junger Mann mit blondierten Haaren spricht aufgeregt in die Kamera: „Herzlich willkommen zu CSYou, der Social-Media-Show der CSU im Bundestag. Ich bin der Armin.“ Armin, der im echten Leben Armin Petschner heißt, steht in einem blau-weißem Studio. Schnitte, Musik und Soundeffekte wechseln sich in greller Folge ab; Effekte, die man auf der Online-Plattform YouTube kennt. Er lästert über Greta und die Grünen. „Die Groko liefert“, sagt Armin, und zählt Erfolge der Bundesregierung auf.

Die Landesgruppe in Berlin bewirbt die neue Serie „CSYou“ als Antwort auf den YouTuber Rezo. Der hatte mit dem Video „Die Zerstörung der CDU“ vor der Europawahl für Aufruhr gesorgt. Doch die Christsozialen blamieren sich nach Ansicht der jungen Netzwelt: „Wenn Armin die Antwort ist, habt ihr die Frage nicht verstanden“, kommentiert ein Nutzer. Andere werfen der CSU Populismus und mangelnde Seriosität vor. „Peinlich“ finden viele Zuschauer die schrille Darstellung und die Imitation anderer YouTuber. Zudem behaupten mehrere, die CSU habe ihre Kommentare gelöscht, was CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt vehement dementiert.

Es fehlt der richtige Stil

Dabei war die CSU mit großen Hoffnungen gestartet. „Damit beschreiten wir in der Kommunikation neue Wege.“, hatte ein Sprecher versprochen. Der bayrische Ministerpräsident Markus Söder will die CSU „jünger, cooler, offener“ machen. Auch andere Parteien wollten sich in Reaktion auf Rezo stärker der digitalen Kommunikation widmen. Junge Union und der CDU-nahe Verein Cnetz hatten gefordert, die Union müsse jungen Menschen im Netz auf Augenhöhe begegnen. Doch jetzt, vier Monate nach Rezo, fällt genau das den Verantwortlichen immer noch schwer. Es fehlt der Sinn für den richtigen Stil und vor allem, ein authentischer Präsentator.

Der EU-Abgeordnete Tiemo Wölken (SPD). Foto: Screenshot: Youtube/Tiemo Wölken

Die YouTube-Beiträge der CSU scheinen der Union mittlerweile selbst peinlich zu sein. Cnetz will sich nicht zu CSYou äußern; selbst die Pressestellen der CSU und der Landesgruppe antworten auf Anfragen nicht. JU-Bundesvorstand Tilman Kuban teilt knapp mit: „Das CSYou-Format hat große Aufmerksamkeit bekommen und wird sich noch weiter entwickeln.“

Dabei gibt es durchaus auch Lob für den Versuch, sich dem Medium zu nähern. „Die Parteien sollten keine Angst davor haben, etwas auf YouTube zu machen“, sagt Amelie Duckwitz, Professorin für Medien- und Webwissenschaft an der Technischen Hochschule Köln. Grundsätzlich finde sie den Vorstoß der CSU gut. „Die Parteien müssen auf YouTube aktiver sein, wenn sie ihre Zielgruppe künftig erreichen wollen.“ Außerdem könnten sie so ein Gegenpol zu Rechtsextremen bilden, die sich dort zunehmend inszenieren: „Die machen das sehr professionell.“ Trotzdem mache die CSU mit ihrem Format viel falsch: „Da wurde versucht, hipp und cool zu wirken, es fehlt aber einfach die Glaubwürdigkeit.“ Besser wäre ein authentisches Auftreten des Protagonisten, das zudem zur Partei passe, sagt die Medienwissenschaftlerin. Auch der Informationsgehalt der Videos sei ausbaufähig. Ein Patentrezept für Erfolg gebe es aber nicht.

Die Furcht vor einer Blamage schreckt offenbar ab. Grüne und Linke planen keine mit CSYou vergleichbaren Formate. Auf ihren YouTube-Kanälen stehen, ganz wie früher, Pressestatements und Bundestagsreden. Bei der SPD möchte man YouTube jungen Aushängeschildern überlassen, wie Juso-Chef Kevin Kühnert und dem EU-Abgeordneten Tiemo Wölken. Der 33-Jährige hat vor fast drei Jahren seinen Youtube-Kanal gestartet , lange vor der Rezo-Debatte.

Armin Petschner von CSYou. Foto: Screenshot: YouTube #CSYOU

Mit Erfolg: „So macht man als Politiker richtige Politikvideos“, kommentiert ein Zuschauer Wölkens Format. „Da kann sich die CSYOU mal ‘ne Scheibe von abschneiden.“ Der EU-Abgeordnete will Einblicke in seine Arbeit bieten. „Meine Motivation war: „Wie kann ich zeigen, dass Politik transparent ist?“ In seinen Videos klärt Wölken über EU-Politik auf: Er erläutert, wie viel Geld ein Abgeordneter bekommt oder was Uploadfilter für die Dating-App Tinder bedeuten. Die YouTuber fühlen sich hier offenbar ernst genommen; auch wenn viele in den Kommentaren angeben, nicht die SPD zu wählen.

Für Wölken die wichtigste Regel: „Dass man den Leuten, die einem folgen, zuhört und mit ihnen zusammenarbeitet.“ Nach eigenen Angaben löscht er nur beleidigende Kommentare. Von den Anregungen seiner Zuschauer habe er viel gelernt: „Es müssen nicht viele Schnitte, viele Effekte, viel Ton sein.“

Auch die CSU sucht nun den Dialog mit YouTube-Nutzern: Am Dienstag veröffentlichte die Landesgruppe ein weiteres Video. In der Reihe „CSYou Community“ arbeitet CSU-Referent Armin Petschner die Kritik am Format auf: „Euer Feedback ist uns wichtig.“ Den Inhalt von CSYou verteidigt er, aber die vielen Effekte in den Videos wolle man überdenken. „Wir werden das Rad runterdrehen“, verspricht er.

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Erstellt:
28. September 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
28. September 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 28. September 2019, 06:00 Uhr

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