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Rheinisch orthodox
Karneval-Fans in Aktion: Wolfgang Bosbach (Mitte) mit SWP-Chefredakteur Ulrich Becker beim "Stippeföttche", Ulf Schlüter schaut zu. Foto: Christian Wille
Wolfgang Bosbach, CDU-Politiker alter Schule und Unterhaltungsgenie, zu Gast im SWP-Forum

Rheinisch orthodox

So viel los war beim Südwest-Presse-Forum lange nicht. Wolfgang Bosbach zieht die Leute an. Ein Abend mit einem, den sie Quertreiber nennen.

28.04.2016
  • AXEL HABERMEHL

Ulm. Am Ende, als das Publikum schon anderthalb Stunden gelacht, gezürnt und betroffen geschwiegen hat, fragt natürlich noch einer nach Griechenland. "Wie schätzen Sie die aktuelle Lage im, ich sag mal salopp, Griechenland-Desaster ein?", will der Mann wissen. Also rappelt sich Wolfgang Bosbach, CDU-Bundestagsabgeordneter und Rettungspakete-Skeptiker, der in der Griechenland-Politik wiederholt gegen seine Fraktion abgestimmt hat, in seinem Sessel zusammen, runzelt die Stirn, und schätzt die Lage ein: Unverändert verheerend - könnte man Bosbachs klar hergeleitete Analyse zusammenfassen. Sie gipfelt in dem Satz: "Es kann nicht funktionieren." Im Publikum wird genickt. Der Bosbach, steht in den Gesichtern, hat Recht und vor allem traut er sich, seine Meinung zu sagen. Von welchem Politiker kann man das heutzutage schon sagen?

Wolfgang Bosbach - 63 Jahre alt, Wahlkreis Bergisch Gladbach, seit 1994 im Bundestag - ist einer der beliebtesten Politiker Deutschlands. Fast 400 Gäste sind an diesem Dienstagabend ins Forum der SÜDWEST PRESSE gekommen. Wer spät kommt, muss stehen, das gibt es hier eigentlich nie. Es ist kurz nach 19 Uhr, als die Diskussion zwischen Bosbach und den SWP-Chefredakteuren Ulrich Becker und Ulf Schlüter mit Plaudereien über schwäbische Mundart und grüne Ministerpräsidenten beginnt. Draußen treibt es Aprilschnee über den Münsterplatz, drinnen redet sich Wolfgang Bosbach langsam warm.

"Ich bin altmodisch: Erst wählen, dann zählen", sagt er über mögliche Koalitionen mit den Grünen auf Bundesebene. In der Asylpolitik zeigt er sich als Vertreter einer Obergrenze für Flüchtlinge, die von der CSU genannte Zahl von 200 000 Menschen im Jahr halte er für realistisch. Denn: "Kein Land hat eine unbegrenzte Aufnahmefähigkeit." Vor allem aber müsse man endlich zu Recht und Ordnung zurückkehren, besonders bei der Identifizierung von Neuankömmlingen: "Die Bundesrepublik muss, wie jedes andere Land, wissen, wer da kommt."

Je länger er redet, desto enger fesselt er das Publikum. Knackig, volksnah, rheinisch-pointiert, dann wieder ruhig, sachlich, verbindlich. Wolfang Bosbach kann machen, dass ihm Menschen gerne zuhören, ohne dass man das Gefühl hat, er rede ihnen nach dem Mund.

Deshalb lädt ihn ja auch jede Talkshow ein. Und Bosbach geht hin, talkt bei Plasberg über Sicherheit, bei Illner über Radikale, bei Maischberger über Flüchtlinge. Bosbach, weiß "Bild", war in den letzten drei Jahren Deutschlands "Talkshow-König", der meisteingeladene Gast. Dazwischen setzt er - Vater dreier Töchter - sich auch mal in eine Misswahl-Jury, neulich war er bei "Zimmer frei", ständig gibt er Interviews. Bosbach ist medial omnipräsent.

Er könne sich an keinen Anruf eines Journalisten erinnern, den er nicht beantwortet habe, sagt er. Er sagt aber auch: "Wenn ich mich bei einem Thema nicht trittfest fühle, sage ich das." Nur fühlt er sich eben in vielen Themen trittfest. Doch dass er, der Innen-Experte, auch zu fast allen anderen Themen spricht, hat ihm vielleicht höhere Ämter verwehrt. 2005 wollte er Innenminister werden, doch die Kanzlerin sagte ihm ab. Passt Bosbach nicht mehr in die CDU? "In keiner meiner Entscheidungen vertrete ich eine Haltung, die in der CDU nicht einmal Beschlusslage war", sagt er. In Berlin sagen sie, Angela Merkel sei mit Bosbach nie warmgeworden. Bosbach sagt: "Es gibt Wichtigeres, als nicht Minister geworden zu sein."

Ein leichter Satz mit schwerem Beiklang. Bosbach ist sehr krank. Seit 1994 leidet er an Herzschwäche, Folge einer im Wahlkampf verschleppten Virusinfektion, seit 2004 muss er einen Herzschrittmacher samt Defibrillator tragen. Als wäre das nicht genug, hat ihn der Krebs heimgesucht, laut eigener Aussage unheilbar. Im Job deutlich kürzertreten will er deshalb nicht, es scheint, als halte ihn die Arbeit zusammen. Montagmorgen ein CDU-Termin im Bergischen Land, Montagabend eine Rede in Döbeln bei Dresden, Dienstag Ulm, Mittwoch Hamburg. Er sagt: "Mir macht die Arbeit Spaß, ich möchte das noch lange machen." Bosbach sieht gut aus, er habe keine großen Beschwerden, sagt er, kämpfe nur leider mit chronischer Müdigkeit. Über den Tod sagt er: "Die Friedhöfe sind voll von unersetzlichen Leuten und es ist immer weitergegangen." Es ist jetzt so ruhig im Stadthaus, dass man den Wind draußen heulen hört.

Zehn Minuten später tobt der Saal. Bosbach erzählt glucksend, wie das war, als seine Schwiegermutter bei seiner Familie und ihm einzog ("Da musst Du Dich erst dran gewöhnen."), dass er den Geschmack seiner fünf Frauen zuhause beim Fernsehprogramm nicht teile ("Das geht gar nicht.") und dass er nicht verstehe, warum Frauen Stunden brauchten, um Schuhe zu kaufen. ("Ich glaube, das ist genetisch.") Als er dann noch mit Moderator Becker "Stippeföttche" vorführt, einen Karnevalstanz, bei dem man die Hintern aneinanderreibt, wird das Stadthaus fast zum Tollhaus.

Bosbach erzählt dann noch launisch von seiner Verbundenheit zum 1. FC Köln und wird schließlich nach seiner eigenen Fußballerzeit gefragt. In der Parlaments-Elf, dem FC Bundestag, hatte er die Rückennummer zwei. "Was war Ihre Aufgabe?", fragt Becker, "Filigraner Verteidiger oder Blutgrätsche?" - "Immer hinten alles in Ordnung halten", sagt Bosbach, "immer gucken, dass hinten rechts nichts passiert." Inzwischen ist Wolfgang Bosbach zu alt und zu krank, um hinten rechts alles sauber zu halten. Und in Berlin lassen sie ihn nicht mehr so recht. Die CDU ist in die Mitte gerückt. Wo Bosbach seit langem fest verwurzelt steht, lässt die Partei nun eine Lücke. Ein Lückenbüßer ist Bosbach deshalb noch nicht.

Zitate

"Die Gefahr besteht nicht, wer das schriftlich will, kann das bekommen." (Auf die Frage, ob er sich vorstellen könne, ein baden-württembergischer Grüner zu werden)

"Es geht im Kern um Vertrauen." (über Politik)

"Er ruht in sich selbst." (über Ministerpräsident Kretschmann)

"Es gibt kein Land, das EU heißt." (zum Problem der Verteilung der Flüchtlinge in Europa)

"Wer Jahr für Jahr mit größter Selbstverständlichkeit die Milliardenhilfen der EU in Anspruch nimmt, muss auch bereit sein, sich solidarisch an der Verteilung der Flüchtlinge zu beteiligen."

"Der Ehrschutz des Strafgesetzbuches gilt auch für Herrn Erdogan." (Über Jan Böhmermanns Schmähgedicht)

"Mir fehlt das Talent, meine Meinung blitzschnell zu ändern." (auf die Frage, was ihn von anderen Politikern unterscheide)

"Sie ist im kleinen Kreis schlagfertig und witzig, aber ich habe das Gefühl, es ist ihr unangenehm, wenn das bundesweit bekannt wird." (über Angela Merkel)

"Ich bin nicht bei Facebook, ich bin nicht bei Twitter, ich habe kein Smartphone, nur ein Tablet." (zu seinem Medienkonsum)

"Eine altägyptische Grabbeigabe" (über sein altes Handy)

"Ich hatte südlich des Äquators nie Probleme. In keiner Disziplin." (zu nicht vorhandenen Signalen seiner Prostatakrebserkrankung)

"Gehen Sie zur Vorsorgeuntersuchung!" (Er selbst hat das nie getan und wirft sich das vor.)

"Fan Bayern München kann jeder, das ist keine Kunst. Stuttgart oder Köln ist schon schwerer." (Bosbach ist Fan des 1. FC Köln)

"Die sind besser als wir, aber wenn wir nicht gewinnen können, dann machen wir ihnen wenigstens den Platz kaputt." (Motivationssatz, den er als Jugendfußballer von seinem Trainer Falko Brass gelernt habe und der ihm bis heute helfe.)

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28.04.2016, 06:00 Uhr

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