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Ein zweiter Fahrer hätte helfen können

Richter nennt nach Freispruch für Ex-KBF-Mitarbeiter politischen Spardruck als Mitursache

Für den Tod eines 29-jährigen Rollstuhlfahrers waren laut Richter Sierk Hamann der Hersteller des Beatmungsgeräts und die Gesellschaft verantwortlich – nicht der angeklagte KBF-Fahrer.

19.10.2014
  • Dorothee Hermann

Reutlingen. Der 29-jährige starb nach Auffassung des Gerichts durch einen technischen Defekt. Auf der Fahrt von der Reutlinger KBF-Tagesstätte zum Elternhaus des Mannes in Pfullingen hatte sich der Beatmungsschlauch vom Gerät gelöst (wir berichteten). Der Mann starb an einem durch Sauerstoffmangel ausgelösten Kreislauf- und Organversagen. Der damals 19-jährige Fahrer war wegen fahrlässiger Tötung angeklagt. Auch seine Vorgesetzten seien nicht verantwortlich, betonte Hamann: „Ein zweiter Fahrer hätte helfen können.“ Doch die Fahrtkosten für Menschen mit schweren Behinderungen seien eine Sozialleistung, die sich nach Mitteln der Eingliederungshilfe des Landkreises bemisst. „Wir müssen uns fragen, wofür wir als Gesellschaft Geld ausgeben.“

In einem solchen Fall sei genau zu untersuchen, ob außer technischem auch menschliches Versagen vorlag. Es sei auch strafbar, wenn ein Mensch den Tod eines anderen versehentlich verursache. Das Verfahren habe sich so komplex gestaltet, weil es zwei Menschen gerecht werden müsse: dem Angeklagten und dem Verstorbenen, sagte der Richter. „Ein junger Mensch kam in eine Situation, in der er binnen einer Minute hätte handeln sollen wie ein Rettungssanitäter.“ Eine Schulung, was der Angeklagte im Notfall hätte tun sollen, gab es nicht.

Dem damals 19-Jährigen seien weder Fahrlässigkeit noch unterlassene Hilfeleistung vorzuwerfen: Der Alarmton am Beatmungsgerät sei so leise, dass er bei laufendem Motor und voll aufgedrehtem Gebläse schwer wahrzunehmen sei. Wie laut das Autoradio war, lasse sich im Nachhinein nicht mehr feststellen. Auch der zweite Rollstuhlfahrer im Fahrzeug hatte das Signal nicht gehört. Zudem löse der Alarm, der anzeigt, dass sich der Beatmungsschlauch gelöst hat, erst mit Verzögerung von 15 Sekunden aus. Laut Gerichtsmedizinerin Dr. Adina Schweickhardt setzten jedoch bereits nach 30 Sekunden ohne Sauerstoffzufuhr irreversible Schädigungen ein. „Es ist die Frage, ob der Angeklagte den 29-Jährigen hätte retten können, auch wenn er den Alarm sofort gehört hätte.“

Der Angeklagte hätte das Fahrzeug im fließenden Verkehr erst anhalten und sich abschnallen müssen, bevor er sich um den Rollstuhlfahrer hätte kümmern können, sagte der Richter. Damit wäre höchstwahrscheinlich die knappe Frist überschritten gewesen, in der der Mann noch hätte gerettet werden können. Zudem sei kein Sauerstoffbeutel im Fahrzeug gewesen.

„Als es noch Zivildienstleistende gab, hatten wir doppelt so viele Hilfskräfte“, sagte der 48-jährige Koordinator der Tagesstätte als Zeuge. „Das ist aber nicht der Rotstift der KBF, das ist der Rotstift der Politik.“

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19.10.2014, 12:00 Uhr

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