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Durchs Schreiben die Welt verbessern

Richtung Ruhestand · Nach 35 Jahren hat Sepp Wais das TAGBLATT verlassen

Über ein Dutzend prall gefüllte Ordner ließ Sepp Wais in seinem Büroschrank zurück. In ihnen sind alle Artikel versammelt, die „sep“ jemals fürs TAGBLATT geschrieben hat. Der erste erschien 1980, war anderthalb Seiten lang und handelte von Bieringen. Er öffnete dem damals 28-jährigen Sepp Wais die Tür in die Redaktion. Nach 35 Jahren hat er sie nun wieder zugemacht und sich in den Ruhestand verabschiedet.

03.07.2015
  • Sabine Lohr

Tübingen. „Fortsetzung nächste Seite“ endet die erste Seite der Rottenburger Post vom 4. März 1980. Eng bedruckt, für heutige Verhältnisse unorthodox gesetzt und gefüllt mit einem ausführlichen Porträt über ein kleines Dorf, das acht Jahre zuvor seine Eigenständigkeit verloren hatte und zum Rottenburger Teilort erklärt worden war. In der Tübinger Redaktion fiel dieser Text zunächst niemandem auf, denn er war nur in der Rottenburger Ausgabe erschienen.

Richtung Ruhestand · Nach 35 Jahren hat Sepp Wais das TAGBLATT verlassen
Sepp Wais geht in Ruhestand.

Genau darauf hatte derjenige gesetzt, der den Artikel eingefädelt hatte. Eckhard Ströbel hieß er, ein Volontär damals, der es an der Zeit fand, der Rottenburger Schreibstube zu entfliehen und in die Tübinger Redaktion zu wechseln. „Das ging aber nur, wenn man einen Nachfolger gefunden hatte“, erinnert Ströbel sich. Ausgeguckt hatte er sich diesen Nachfolger schon eine Weile – seinen Studienfreund Sepp Wais. Langsam einschleusen, hin und wieder die Tübinger auf ihn aufmerksam machen und irgendwann den Chefredakteur Christoph Müller auf das Nachwuchstalent hinweisen, das war der Plan. Er ging schief. Müller hatte den Artikel doch entdeckt und stellte nicht nur Eckhard Ströbel in den Senkel, sondern gleich die gesamte Lokalredaktion mit, weil sie diese „Perle des Lokaljournalismus“ übersehen hatte. Sepp Wais wurde herzitiert und stante pede als Volontär eingestellt.

Ströbel erinnert sich noch ganz genau daran, wieviel Mühe sich Sepp Wais mit diesem Artikel gemacht hatte. Er war tagelang immer wieder nach Bieringen gefahren und hat sich dort nicht nur mit dem Ortsvorsteher, sondern auch mit der Rathaus-Sekretärin, Rentnern, Bauern und dem Postbeamten unterhalten. Am Ende wusste Sepp Wais so viel über das Dorf, dass er dem Rottenburger Volontär vier engbeschriebene Seiten Text übergab, als „Ideenskizze“, in der er das Meiste noch gar nicht verarbeitet habe.

Seine eigenen Texte kürzen, das war Alltagsarbeit von Sepp Wais. Kündigte er dem diensthabenden Umbruchredakteur einen Zweispalter an, zog der von vornherein einen Dreispalter auf und rechnete mit einem Vierspalter, den Sepp Wais schließlich auch ablieferte, nicht selten mit der Frage, ob er nicht doch noch ein bisschen mehr Platz haben könnte.

Das Platzproblem hatte Wais aber nicht etwa deshalb, weil er zum Schwafeln tendierte – ganz im Gegenteil. Er hatte einfach viel zu sagen, weil er viele Informationen gesammelt hatte. „Er fing immer bei Adam und Eva an“, beschreibt Eckhard Ströbel, wie Sepp Wais an Themen heranging. „Und am Ende weiß er fünfmal so viel wie er schreiben kann.“

Sepp Wais war und blieb der einzige Bayer in der Redaktion. Und er war der einzige, der eine fundierte christliche Ausbildung hatte: Die Eltern, Bauern in Dillingen, schickten den Bub auf ein katholisches Internat, auf dass er Priester werde. Die strenge Erziehung dort und die Bigotterie, die den kritischen Sepp Wais mehr und mehr zum Widerstand reizten, führten gleich mehrfach zu einem Beinah-Rausschmiss aus dem Internat.

Und schließlich genau zum Gegenteil dessen, was Nonnen und Eltern gewollt hatten: Statt sich zur Kirche zu bekennen und Schäfchen zu hüten, kehrte sich Sepp Wais widerwillig ab und zog nach Schule und Bundeswehrdienst bei den Gebirgsjägern nach Tübingen, um Politikwissenschaft zu studieren.

Richtung Ruhestand · Nach 35 Jahren hat Sepp Wais das TAGBLATT verlassen
Sepp Wais, 1980 junger Redakteur beim TAGBLATT.

In die schwäbische Kleinstadt hatte er sich bei einem Klassenausflug 1970 verliebt. „Und ich liebe Tübingen heute noch. Nirgendwo anders will ich leben“, sagt er. Es war für ihn auch von vornherein klar, dass der Aufbruch nach Südamerika nach dem Studium ein begrenzter sein würde. Ein halbes Jahr lang war er mit dem Rucksack unterwegs, bereiste Peru und Nicaragua, traf sich mit Revolutionären und kleinen Leuten – und sein Herz blieb an Südamerika hängen.

Kaum zurück, kam er zum TAGBLATT – und lernte den Lokaljournalismus lieben. Eine Karriere, die ihn zu einer der großen Zeitungen nach Berlin, München oder Hamburg geführt hätte, lag ihm fern. In Parlamenten sitzen und endlose Debatten der „großen“ Politik anzuhören, schien ihm gar zu langweilig. Seine Themen und den Zugang zu ihnen fand Sepp Wais auch – oder sogar nur – in Tübingen mit seinen Akademikern und Kleinbürgern, Studenten, Unterstädtern, Möchtegern-Revoluzzern und Widerständlern.

Als Jungredakteur, der Sepp Wais schon nach einem Jahr Volontariat war, schuf er sich ein Ressort, das es bis dahin in keiner Zeitungsredaktion gegeben hatte: Umwelt. „Das war ein ganz neues Thema damals. Die Grünen hatten sich gerade gegründet und mich interessierten Naturwissenschaften“, sagt er rückblickend. Als Privileg empfand er es, dass er „als Null-Checker nicht irgendjemanden, sondern immer den Oberguru fragen durfte.“

Das kam ihm schon allein deshalb entgegen, weil er den Lesern kein Vorwissen zumuten, sie aber so informieren wollte, „dass sie sich an einer Debatte zum Thema beteiligen“ können. So schaffte er sich ein in ein Metier, das dem Naturburschen, als den er sich gerne sah, nahe lag. Er schrieb übers Waldsterben und die Gewässerverschmutzung, die Abgasbelastung und – später – die erneuerbaren Energien. Und er betreute jahrelang den TAGBLATT-Umweltpreis, war dessen Juror – mit Leidenschaft.

Ja, sagt Sepp Wais, er habe die Welt verbessern wollen. „Ich bin angetreten als ein Linker, der es besser machen wollte als die Generation unserer Eltern.“ Und es sei ihm und seinen Gleichgesinnten doch auch einiges gelungen: „Der Wald ist nicht gestorben und im Neckar kann man heute baden.“

Zum Ressort Umwelt kam irgendwann die Wirtschaft dazu. Sepp Wais berichtete über „das Elend der großen Tübinger Metallbetriebe“: Himmelwerke und Zanker, Maschinenfabrik Majer und Flender. Klar, dass der „gewerkschaftsnahe Polit-Praktiker“, wie Eckhard Ströbel Wais nennt, den IG-Metallern nahestand und sich nie auf die Seite der Bosse schlug. Viele, viele Kommentare schrieb Sepp Wais dazu.

Und später auch über die Kommunalpolitik. Ins Rathaus habe er sich „eingeschlichen“, sagt er. Es lag an den Tagesordnungen: Immer wieder standen dort Themen drauf, die die Umwelt betrafen. So nahmen die Kollegen ihn immer häufiger mit und schließlich, nachdem Jürgen Volk als Kommunalpolitik-Zuständiger aus der Redaktion ausgeschieden war, stieg Sepp Wais ganz ein. Zusammen mit Eckhard Ströbel saß er in Gemeinderatssitzungen, die zunächst von Eugen Schmid, dann von Brigitte Russ-Scherer und schließlich von Boris Palmer geleitet wurden.

Wer auch immer an der Spitze stand: In Sepp Wais fanden sie alle einen kritischen Beobachter und Begleiter, der dafür sorgte, dass ihnen beim Lesen eines „Übrigens“ von Sepp Wais nicht immer nur wohl war. Durchdacht, pointiert, ausdrucksstark, schnörkellos und klar rieb Wais ihnen und den ehrenamtlichen Kommunalpolitikern unter die Nase, was ihm nicht passte. Was sich so leicht und genüsslich las, was so überzeugend und plausibel klang, kostete ihn aber meistens viel Energie und Mühe. Nicht selten grübelte er nachts über ein „Übrigens“, er feilte und schliff an seinen Texten, bis er rundum zufrieden mit ihnen war. Davor gab es leidenschaftliche Debatten mit den Kollegen, die das Ressort mit ihm teilten. Oft im Büro – immer in der Mittagspause.

Die teilt Sepp Wais hin und wieder immer noch mit einigen von uns. Dann bestellt er sich mit seinem schönen, bayerischen rollenden R seinen „Hirrrtensalat“. Ansonsten – dies sei gesagt, damit er nicht immer gefragt wird – genießt er seinen Ruhestand. Er spielt Tennis und fährt Rad, kümmert sich um seinen Garten und wird sich vielleicht noch für Villa El Salvador engagieren. Und nein, er hat nicht vor, ein Buch zu schreiben.

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03.07.2015, 12:00 Uhr

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