Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Ganz unten

Richtungsweisendes zur Orientierung

Es geht das Gerücht, dass Frauen im Unterschied zu Männern über einen ausgeprägten Ordnungssinn verfügten, der sich nur nicht auf die eigene Handtasche erstreckt. In der wird verzweifelt gewühlt und gekruschtelt. Während der Mann sofort weiß, wo sein Autoschlüssel steckt. Überhaupt sind die Herren der Schöpfung den weiblichen Geschöpfen turmhoch überlegen, sobald es um Richtungsweisendes geht.

10.07.2015
  • Wilhelm Triebold

Das Weib zerrt noch an der sorgsam gefalteten Wanderkarte, da sagt er schon, wo‘s langgeht. Das hängt mit der Evolution zusammen. Als der Mann hinaus ins Ungewisse strebte, um zu sammeln, zu jagen oder zum Angeln zu gehen, trug er nicht nur seinen Bloch im Herzen („Wohin gehen wir? Was erwartet uns?“). Es schärfte sich auch mit dieser täglichen Herausforderung der Sinn für gangbare Wege. Selbst wenn sie in einem Felsspalt endeten, in den der Säbelzahntiger nicht mehr hinein passte.

Daheim hingegen verkümmerten am Herd die Koordinaten der Frau. Wie sollte das auch anders gehen, zwischen Kind, Höhlenhund und kochendem Topf überm Feuer? Vor einigen Jahren stellte eine Studie der Universität in Edinburgh fest, Frauen fänden sich immer nur dann besser zurecht als Männer, wenn sie sich in geschlossenen Räumen auf wenige optische Informationen konzentrierten. Wohingegen männ liche Probanden ihre Aufmerksamkeit auf Wichtiges und auf Unwichtiges verteilten und somit verplemperten.

Das kann ich bestätigen. Ich kenne jemanden, die weiß dank ihres fotografischen Scan-Gedächtnisses ganz genau, in welcher abseitigen Ablage sich bei mir zuhause der Regenponcho fürs Dylankonzert verstecken musste. Ich wusste nicht einmal, dass ich ein solches Utensil besitze.

Dafür ist das mit dem Orientieren dann so eine Sache, aber hallo! Das wollen wir hier aber nicht weiter vertiefen . . .

Es wurde jedenfalls höchste Zeit für eine gesamtgesellschaftliche, geschlechterübergreifende Studie zum Orientierungssinn im Besonderen und im Allgemeinen, wie sie jetzt die Tübinger Uni vorlegt. Das Max-Planck-Institut, genauer die Abteilung für Kybernetik, hat sich dazu den örtlichen Gegebenheiten zugewandt und untersucht, welche Strategien eine Rolle spielen, um in Tübingen von A nach B zu kommen.

Normalerweise ist Orientierung, heißt es, nach Norden ausgerichtet. Norden ist eben oben. Auch für jemanden, der vom östlichen Altstadtrand nach Süden schaut? Die Tübinger fanden heraus, dass sich die Befragten die Innenstadt aus dem Blickwinkel heraus zurecht rückten, selbst wenn nun der Süden oben lag. So passt sich Ortswissen der Situation an. Das beansprucht zwar das Hirn, weil ordentlich genordete Karten im Kopf wieder gedreht werden müssen, erleichtert aber ungemein den Alltag, um sich zurechtzufinden.

Eine offenkundige Schwäche hat die Studie. Befragt wurden ortsansässige Gäste hiesiger Cafés und Kneipen. Kneipen! Dabei weiß man doch: Der größte Fortschritt der Evolution ist, in jedem Zustand von dort wieder heim zu finden. Frei vom Denken, frei vom Wissen, und ganz ohne Navi.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

10.07.2015, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball