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Turbulenter Auftakt im Hells-Angels-Prozess

Rocker lässt Richter sitzen

Possenhaft wirkte die Szenerie am Montagvormittag im Tübinger Landgericht. Ein des versuchten Totschlags angeklagter Reutlinger Rocker erschien erst mit Verspätung, dann nahm er Reißaus. Die Strafkammer erließ Haftbefehl.

18.06.2012

Von Raimund Weible

Reutlingen/Tübingen. „Alles anwesend“, stellte der Vorsitzende Richter Ralf Peters am Montag nach einer Sitzungspause um 10.56 Uhr fest, „alles anwesend außer Herr S.“ Herr S., das ist einer der beiden Angeklagten im Prozess um versuchten Totschlag, der gestern vor der 5. Schwurgerichtskammer des Landgerichts Tübingen begann. Für die Abwesenheit des Hells Angels hatten zwei Beteiligte eine Erklärung. „Er hat mir nur gesagt, dass er keine Lust mehr habe“, gab Oberstaatsanwalt Bernhard Henn bekannt. Die Information des Verteidigers Thomas Rall lautete so: „Er lässt sich jetzt psychiatrisieren.“

Der Angeklagte war also weg, und so entschied die Kammer, das Verfahren zu unterbrechen, bis zum kommenden Freitag. Aber nicht ohne einen Haftbefehl auszustellen. Den hatte Henn mit Nachdruck beantragt. Der 45-jährige Rocker wird nun von der Polizei gesucht.

Die Szenerie im Schwurgerichtssaal am Montagvormittag hatte possenhafte Züge. Als Peters die Verhandlung eröffnete, fehlten sowohl S. als auch sein Verteidiger. Peters schickte den Justizbeamten hinaus, um den Anwalt zu suchen. Henn reagierte verärgert. Ralls Abwesenheit bezeichnete er als eine „Unverschämtheit“ gegenüber der Großen Strafkammer, „er hat einfach da zu sein um halb neun.“ Zehn Minuten später erschien Rall, gleich darauf S., in dreiviertellanger roter Hose und einem T-Shirt, das den Blick auf die tätowierten Arme erlaubte.

Sein Nichterscheinen begründete S. mit Krankheit, derentwegen er ärztlich behandelt werde. Sein Verteidiger legte das Attest eines Reutlinger Arztes vor, der S. Verhandlungsunfähigkeit bescheinigte. „Was ist, wenn ich zusammenklappe?“ fragte S. das Gericht. Henn, ziemlich geladen, wollte es darauf ankommen lassen. Peters holte die Personaldaten von S. und dem mitangeklagten 40-jährigen Charter-Kameraden ein, S. wollte seine Adresse aber nicht nennen. Polizisten müssten das auch nicht, begründete er seine Weigerung, worauf Henn bellte: „Zwischen Polizeibeamten und Ihnen, Herr S., sind Welten.“ Als es um den gesundheitlichen Zustand seines Mandanten ging, beantragte Verteidiger Rall ohne Erfolg den Ausschluss der Öffentlichkeit.

Haftbefehl erlassen

Um den Sachverhalt ging es die ganze Zeit nicht. Die beiden Hells Angels stehen wegen des Vorwurfs vor Gericht, sie hätten am 30. Juni 2008 in Reutlingen zusammen mit anderen einen jungen Bulgaren grundlos zusammengeschlagen. Begegnet waren sich einer der Schläger und das Opfer auf dem Marktplatz, wo das Europameisterschafts-Endspiel zwischen Spanien und Deutschland auf der Großleinwand gezeigt wurde. Erst beschimpften sich die Kontrahenten gegenseitig, dann wurden sie handgreiflich. Der Rocker holte darauf Verstärkung. Sechs bis sieben Mann, darunter die beiden Angeklagten, tauchten auf, der Bulgare flüchtete. In der Lindenstraße holte die Gruppe den Bulgaren ein. Nur die beiden Angeklagten konnten identifiziert werden.

Zunächst standen sie Anfang 2010 wegen schwerer Körperverletzung vor dem Amtsgericht Reutlingen. Der Richter verwies das Verfahren jedoch ans Landgericht, weil der gerichtsmedizinische Gutachter Dietmar Benz beim Opfer ein Verletzungsbild feststellte, das nicht allein von Fausthieben, sondern auch von Stiefeltritten verursacht sein musste. Bei Stiefeltritten gegen den Kopf jedoch geht man von bedingtem Tötungsvorsatz aus. Tötungsdelikte indessen müssen kategorisch vor einem Landgericht verhandelt werden – daher übernahm Tübingen.

Auf Antrag von Henn ließ die Kammer S. durch Benz auf seine Verhandlungsfähigkeit untersuchen. Benz stellte kaum Einschränkungen der Verhandlungsfähigkeit fest. Er hielt lediglich häufige Pausen für angebracht. Am kommenden Freitag will die Kammer das Verfahren um 8.30 Uhr fortsetzen.

Info: Vorsitzender Richter: Ralf Peters; Beisitzer: Claus-Jürgen Hauf, Jürgen Walker; Schöffen: Gudrun Maria Hodina, Heinrich Reiber; Staatsanwalt: Bernhard Henn; Verteidiger: Thomas Rall, Thomas Fischer; Sachverständiger: Dietmar Benz.

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Erstellt:
18. Juni 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
18. Juni 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 18. Juni 2012, 12:00 Uhr

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