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Hechingen-Stein zelebriert wieder seine Antiken-Spiele

Römerfest ante portas

Lieben, Morden, schöner Wohnen: Für Fans der alten Römer ist am Wochenende wieder bestens gesorgt. In der Hechinger „Villa Rustica“ ist Römerfest mit Hochzeit. Ehrenwerte Legionäre haben sich genauso angekündigt wie raubeinige Barbaren. Und die sind, so hört man, auf Krawall gebürstet …

16.08.2012
  • E. Freese, K. Sommer

Hechingen. Was auch immer passiert: Die Sonnenglut am Wochenende dürfte ungefähr so originalgetreu werden wie während der berühmten Schlacht bei Pharsalos, während der Gaius Julius Caesar im August 48 dem Bürgerkrieg gegen Pompeius eine entscheidende Wende gab. Bestes Wetter ist angekündigt, und besonders freuen dürfte das die über 200 Akteure, die am Wochenende die „Villa Rustica“ des römischen Freilichtmuseums Hechingen-Stein in eine antike Welt verwandeln.

Alamanni ante Portas: Das Römerfest in Hechingen-Stein

© Ziehe 02:58 min

Die Festspiele stehen zwar unter dem recht friedlichen Motto „Eine Hochzeit in der Römervilla“. Doch was wären die Römer ohne eine saftige Keilerei mit ein paar dahergelaufenen Teutonen, die an beiden Nachmittagen das friedliche Fest der Kolonialmacht stören: Selbst Amazonen aus dem fernen Kaukasus haben sich angekündigt, damit der Zoff unterm Zollern auch möglichst vielfältig wird.

Nur alle zwei Jahre gibt es die Spiele in Hechingen-Stein, trotz des großen Erfolgs – aber das Aufgebot an Akteuren, die originalgetreu ausgestattet aus Italien, der Schweiz und Österreich anreisen, lässt eine jährliche Veranstaltung (noch) nicht zu.

Dabei hat sich die alte Römerstelle in den vergangenen Jahrzehnten einen schönen Ruf erarbeitet und muss mit ihrer überraschenden Entdeckung als Glücksfall für Hechingen, die Region und den Tourismus gewertet werden. Dort, wo sich heute alle zwei Jahre geschichtsbegeisterte Darsteller gegenseitig die Helme zerbeulen, stand nämlich in der Antike tatsächlich eine riesige Villa.

Erste Mauerfragmente der Anlage entdeckte der damalige Ortsvorsteher der Gemeinde Stein und heutige Museumsleiter Gerd Schollian im Jahr 1971 in dem Waldgebiet Tuffelbach. Die Bedeutung für Archäologie und Forschung zeigte sich nach Ausgrabungen zwischen 1978 und 1981, als Teile des Haupt- und Badegebäudes freigelegt werden konnten. Bald war klar, dass es sich auch hier um ein Landgut, um eine Villa rustica handelt. Mit Blick auf die Expansionspolitik während der römischen Kaiserzeit (von etwa 27 v. Chr. bis 284 n. Chr.) in Süddeutschland nichts Außergewöhnliches: Als typische sozial organisierte ländliche Siedlungsform des römischen Imperiums bildeten Gutshöfe das ökonomische Fundament des Landes.

Sensationsfund mit neuen Rätseln

Römerfest ante portas

Seit 1992 werden die Grabungen mit wenigen Unterbrechungen fortgesetzt. Dabei sind noch lange nicht alle Geheimnisse rund um die während des ersten bis dritten Jahrhunderts entstandene Villa entschlüsselt, denn Schollians Sensationsfund im vergangenen Jahr gibt erneut Rätsel auf. Seit den 1970ern immer noch von Neugier beflügelt, stieß er beim Graben auf eine 16 Meter hohe Mauer. Kaum ein Wissenschaftler hielt es bis dahin für möglich, dass Römer selbst auf dem Land solch gigantische Gebäude errichtet haben. So gibt die rund fünf Hektar große Anlage mit Haupt-, Neben- und Wirtschaftsgebäuden sowie einem Tempelbezirk erneut Rätsel nach Dimension und Bedeutung auf. „Bislang wurde nur etwa die Hälfte ausgegraben“, erklärt Schollian, „es wird aber nach und nach weitergemacht.“

Dass heute rund 30 000 Besucher pro Jahr auf den Spuren der Römer schlendern, ist dem schon in der Anfangsphase gegründeten Förderverein zur Erforschung und Erhaltung des historischen Kulturgutes zu verdanken. Mit Unterstützung des Landesdenkmalamtes Tübingen konnte ein Drittel des Hauptgebäudes im Maßstab 1:1 rekonstruiert werden und ist seit 1991 der Öffentlichkeit zugänglich: begehbar, anschaulich und lebendig.

Die Villa einschließlich eines imposanten Säulengangs dokumentiert seit damals römische Lebensweise und Kultur. Über nachgebautes Mobiliar und unzählige Gebrauchsgegenstände umfasst die Ausstellung Originalfunde wie Münzen, Nägel und vieles mehr. Unterschiedlichste Themenbereiche des römischen Alltags von einer Küche über Speisezimmer und Schlafraum bis hin zu einem kleinen Hausheiligtum sind mit viel Liebe zum Detail anschaulich nachgestellt.

Römerfest ante portas
Hübsch gelegen, originalgetreu gebaut: die Villa.

Dessen nicht genug lädt die Peripherie der Villa zum Staunen ein. Fragmente des Badehauses neben einem sorgfältig gehegten „römischen“ Kräutergärten vermitteln genauso einen Eindruck der damaligen Zeit, wie freigelegte Teile von Remisen oder des raffinierten Unterbodenheizungssystems. Ein kleiner wiederaufgebauter Tempel mit Repliken von Götterstatuen aus ganz Baden-Württemberg im Tempelbezirk informiert über römische Religiosität und Glaubensvorstellungen. Eine reproduzierte Jupitergigantensäule nordwestlich des Hauptgebäudes lädt zu Erinnerungsfotos ein. Erst 1999 wurde das mittlerweile rekonstruierte Haupteingangstor entdeckt. Das gesamte Areal war von einer abschnittsweise nachgebauten zwei Meter hohen Mauer umfasst. Jüngste Rekonstruktion ist ein schmucker Eckturm.

Beim Fest am Wochenende lässt sich all dies in Augenschein nehmen – und mehr, denn das Programm in Hechingen-Stein ist recht vielfältig (siehe unten stehenden Kasten). Doch wer die Villa Rustica in Ruhe erkunden will, ohne dass er von einfallenden Alemannenhorden belästigt wird, für den bietet sich ein ganz normaler Tag in Hechingen-Stein an. Noch bis Oktober ist die schmucke Römervilla fünf Tage in der Woche geöffnet.

Bilder: ST

An diesem Wochenende (18. und 19. August) wird das Freilichtmuseum in Hechingen-Stein zum Feldlager, Schlemmer-Revier und Festplatz: Unter dem Motto „Hochzeit in der Römervilla“ feiert der Förderverein sein originales Römerfest mit Gast-Legionären aus Mittel- und Südeuropa. Die Villa ist an beiden Tagen von 9.30 Uhr bis 18 Uhr geöffnet. An beiden Tagen ist das Programm ähnlich: Um 10.30 Uhr marschieren die Akteure ein. Am Nachmittag stellen sich die Brautleute vor und freuen sich auf ihre Hochzeit – doch schlachterprobte Alemannen überfallen die Villa. Es gibt ein Lazarettzelt, der Augur waltet seines Amtes. Mehr soll nicht verraten werden – aber zum fröhlichen Feiern finden die Römer am Wochenende auch noch. Es gibt Speisen und Getränke, der Eintritt kostet normal 9 Euro, für Kinder 4 Euro, für kleine Kinder unter sechs Jahren ist er frei.
Auch abseits des Festes am Wochenende ist die Hechinger Villa Rustica eine Reise wert: Für Jung und Alt spannend dürfte eine Stippvisite in der römischen Backstube sein. Hier kann beispielsweise nach Voranmeldung von Besuchergruppen Getreide gemahlen und Brot gebacken werden. Kreative Gemüter können sich aber auch im Legen von Mosaiken versuchen.
Für Kids wird der Spaßfaktor besonders groß geschrieben. Es gibt die Möglichkeit, mit kleinen Streitwagen zu fahren, sich als Römer zu verkleiden und andere Abenteuer. Im Rahmen des Kinderprogramms locken noch zwei Termine:
16.9.: „Wir bauen und bemalen den Schild eines römischen Legionärs“
7.10.: „Wir sind römische Bildhauer: Tiere aus Speckstein“
Adresse:
Römisches Freilichtmuseum Hechingen-Stein, 72379 Hechingen, Telefon 0 74 71 / 64 00
Öffnungszeiten: 1.4. bis 1.11., Di bis So, 10 bis 17 Uhr; www.villa-rustica.de

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16.08.2012, 12:00 Uhr

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