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Einmal im Monat tanzen Senioren mit der Gehhilfe Walzer

Rollator im Dreivierteltakt

Der Rollator wird von vielen als sperriges Gerät angesehen, mit dem sich gehbehinderte Senioren ihren Weg bahnen. In Metzingen gibt es seit diesem Jahr einen Kurs, der die Gehhilfe aus Metall ganz anders zum Einsatz bringt: Bei der Volkshochschule wird einmal im Monat mit dem Rollator getanzt.

31.07.2012
  • Janika Rehmann

Metzingen. Es ist Montagmorgen, halb elf in Metzingen. Im großen hellen Atelier der Volkshochschule trudeln allmählich die älteren Semester zu ihrer Tanzstunde ein. Eine Frau ist freilich schon schwer aktiv, wuselt durch den Saal, besorgt die Tanzgeräte, begrüßt die betagten Tänzerinnen und Tänzer. Es ist Sibylle Küßner, die Leiterin der Nachbarschaftshilfe, die im Januar eine ganz ausgefallene Idee hatte: Tanzen für Senioren mit dem Rollator. Seither trifft sich die Gruppe in Metzingen jeweils am ersten Montag des Monats.

Die 81-jährige Küßner ist bestens bekannt in Metzingen: Sie war schon Stellvertreterin des OB und sitzt nach wie vor im Gemeinderat. Vor allem aber sieht man ihr sofort an: Die gelernte Krankenschwester hat Pepp, will etwas bewegen. Die Frage, ob sie denn selbst beim Rollator-Tanzen mitmache, entlockt ihr ein Lachen: „Natürlich! Was ich den anderen einbrocke, muss ich ja dann auch selbst mit auslöffeln!“

Im Atelier haben sich inzwischen rund zehn Tanzwillige eingefunden, darunter auch zwei Männer. Manche der Teilnehmer kommen mit, manche ohne Rollator. Andere laufen am Stock ein, einige aber auch locker auf zwei Beinen. Wer zum Treff keinen eigenen Rollator mitbringt, dem leiht Küßner ein Gerät kostenlos aus. „Kann ich das denn überhaupt?“ fragt eine kleine, grauhaarige Frau, die heute nur mal reinschnuppern möchte. „Selbstverständlich, das kann jeder!“, muntert sie Küßner auf und drückt ihr einen Rollator an die Hand.

Auch zwei Männer tanzen in Metzingen

Dann kommt die Tanzlehrerin Sylvia Scheerer aus dem 50 Kilometer entfernten Ludwigsburg hereingerauscht. Sie bringt sofort Schwung und Freude ins Haus und begrüßt alle herzlich. Ein Stuhlkreis wird aufgestellt, Klang-Stäbchen werden verteilt, und die Musik wird angeschaltet. Zu fröhlichen Flöten-Klängen beginnt die Aufwärm-Phase mit Rhythmusübungen im Sitzen. Danach schnappen sich alle ihren Rollator. „Spielen wir jetzt Boxauto?“, fragt der 82-jährige Gerhard Doster, der heute zum ersten Mal da ist, grinsend.

Da irrt er sich aber: Jetzt wird Wiener Walzer getanzt! Im Dreiviertel-Takt tänzeln die Senioren mit ihren Gehhilfen durch den Raum. Ein Blick in die lachenden Gesichter verrät, dass alle großen Spaß dabei haben. Beschwingt durch die Musik witzeln die Frauen kichernd schon mal über die Anziehungskraft der beiden Männer, die beim Tanzen in die Mitte des Kreises geraten sind.

In der lockeren, fröhlichen Atmosphäre ist die Begeisterung der Rollator-Tänzerinnen und -Tänzer deutlich zu spüren. Bevor es in die Pause geht, werden zu flotter Musik noch Koordinations-Übungen gemacht, die nicht nur den Körper, sondern auch den Geist auf Trab halten. „Es ist wissenschaftlich belegt, dass Tanzen gut für Körper, Geist und Seele ist. Denn Tanzen ist kommunikativ, hält fit und macht Spaß“, erklärt Scheerer. Tanzen, das sei sozusagen Krankengymnastik mit Musik, sagt sie. Zu sehen, wie gut das den Teilnehmern tut, wie viel Spaß sie haben und wie beim Rollator-Tanzen alle zusammenkommen, das sei das Motivierende an ihrer Arbeit, freut sich die 53-jährige Fellbacherin.

Scheerer ist ausgebildete Tanzlehrerin, die unter anderem seit 20 Jahren Rollstuhl-Tanzen anbietet. Eines Tages kam die Anfrage einer Ludwigsburger Stadträtin, ob Scheerer nicht auch mal Rollatoren-Tanzen anbieten könne.

Und wie sie kann! „Die macht das so super“, lobt Hartmut Böttle in Metzingen seine Tanzlehrerin. „Es macht riesig Spaß – und es tut sehr gut!“, lobt der 63-Jährige die Kursleiterin. Auch Christine Wolff, die zum Rollator-Tanzen extra aus Ehningen bei Böblingen angereist kommt, kann das bestätigen. Sie ist mit 53 Jahren die Jüngste in der Tanzrunde. Sie hat durch Bekannte vom Metzinger Rollator-Treff gehört.

„Diese Tanzart ist noch ganz neu, doch die Nachfrage steigt“, sagt Scheerer. „Inzwischen kommen schon 13 Teilnehmer zu unserem Tanz“, erklärt Küßner und ist begeistert. Sie selbst hatte über einen Zeitungsartikel vom Rollator-Tanzen gehört und war spontan daran interessiert, das auch in Metzingen anbieten zu können. Die Volkshochschule machte sich dann auf die Suche nach einer Leiterin – und wurde in Ludwigsburg bei Sylvia Scheerer fündig.

Kaffee und Kuchen kommen nicht zu kurz

In Metzingen wird aber nicht nur Energie verbraucht, sondern auch wieder aufgeladen: Bei einer Pause mit Kaffee und Kuchen sitzen die Senioren gemütlich zusammen und tauschen ihre Erfahrungen aus. Dann aber geht es noch einmal für ein letztes Tänzchen aufs Parkett, wo der Rollator noch ein letztes Mal zum Tanzpartner wird und ein Walzer den außergewöhnlichen Kurs nach zweieinhalb Stunden beendet.

Info: Der nächste Treff beim Metzinger Rollator-Tanzen ist am 6. August, 10.30 Uhr, im „Atelier“ der Volkshochschule. Die Teilnahme ist kostenlos, Interessierte können sich unter der Telefonnummer 0 71 23/9 29 30 informieren und anmelden.

Rollator im Dreivierteltakt
Einmal im Monat lädt die Metzinger Volkshochschule in ihr helles Foyer zur Rollator-Tanzstunde ein. Bild:Haas

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31.07.2012, 12:00 Uhr

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