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Gymnasium

Rolle rückwärts in Bayern

Die CSU zieht Konsequenzen aus der Dauerkritik am G8. Neun Jahre bis zum Abitur sollen künftig wieder die Regel sein. Für Horst Seehofer ist die Kehrtwende im Freistaat Chefsache.

06.04.2017
  • PATRICK GUYTON

München. Künftige Gymnasiasten in Bayern sowie deren Eltern stehen vor einer gravierenden Schulreform: Im Freistaat wird wieder flächendeckend das neunjährige Gymnasium (G9) eingeführt, nachdem es über ein Jahrzehnt lang fast ausschließlich eine verkürzte Schulzeit von acht Jahren bis zum Abitur gegeben hat. Nach vielen Jahren der Diskussion und der heftigen Kritik beschloss die CSU-Landtagsfraktion am Mittwoch diese Reform der Reform, an der am Ende hauptsächlich Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) persönlich gearbeitet hatte. Damit ist auch klar, dass das neue G9 im Landtag eine Mehrheit findet und Gesetz wird.

Auch künftig eine Turbo-Variante

Der G9-Beschluss sieht vor: Zum Schuljahr 2018/19 wird die verlängerte Schulzeit eingeführt. Sie gilt dann erst einmal für einen Doppeljahrgang, nämlich die dann neuen 5. und 6. Klassen. Somit sind alle Schüler betroffen, die in diesem Herbst mit der 5. Klasse beginnen. Das Abitur nach acht Jahren soll aber dennoch weiter möglich sein, nämlich auf einer „Überholspur“, wie es die Schulpolitiker bezeichnen: Zum Ende der 8. Klasse sollen die Schüler entscheiden, ob sie normal mit den Klassen 9 bis 13 weitermachen wollen – oder ob sie in der 9. und 10. Klasse mehr Unterricht haben, die 11. überspringen und dann gleich in der 12. Klasse in die Kursstufe eintreten. Bei dieser Turbo-Variante fällt dann Nachmittagsunterricht an, während darauf ansonsten weitgehend verzichtet werden soll.

Die Rückkehr zum G9 ist eine Rolle rückwärts in der bayerischen Landespolitik. Denn seit der hastigen Einführung des G8 im Jahr 2004 unter Ministerpräsident Edmund Stoiber hat die CSU dieses Turbo-Abi eisern verteidigt. Stoiber hatte die verkürzte Schulzeit damals damit begründet, man wolle „Kinder so gut wie möglich auf die Zukunft einstellen“. Zur damaligen Zeit galt die weit verbreitete Meinung, dass deutsche Schüler und Hochschulabsolventen im internationalen Vergleich zu alt seien. Man befürchtete, sie würden in der globalisierten Welt von jüngeren Arbeitskräften aus anderen Ländern abgehängt.

Doch mit der Einführung von G8 begannen die Probleme, akzeptiert wurde die Reform nie wirklich. Da man den Lehrstoff weitgehend beibehielt, wurde dieser in die verkürzte Zeit hineingepresst. Lehrer-, Eltern- und Schülerverbände sowie die Landtagsopposition kritisierten die Reform wieder und wieder. Zu viel Nachmittagsunterricht, zu hohe Anforderungen, Lernen im Akkord – so die Mängelliste. Ein Elternvertreter monierte, die Kinder hätten „Terminpläne wie Manager“. Vereine beklagten, dass sich viele Schüler abmeldeten, weil sie keine Zeit mehr für Sport oder Musik hätten.

Bis heute halten die Klagen an. Sofia B. etwa, eine Gymnasiastin im Münchner Süden, sagt: „Ich möchte wieder ein Leben.“ Sehr viele Schulabsolventen beginnen nach dem Abitur nicht gleich mit einer Ausbildung oder einem Studium, sondern verbringen erst einmal ein Jahr mit Orientierung: Sie absolvieren Praktika, machen Reisen und schauen, was sie beruflich interessiert.Auch die vielen kleinen Änderungen am G8 hatten wenig Erfolg. Das Angebot einer „Mittelstufe plus“ mit einem zusätzlichen Schuljahr nahmen die Schüler nur selten an, da es als lediglich freiwillige Wiederholung eines Jahres angesehen wurde.

Viele CSU-Politiker sperrten sich dennoch lange gegen die Rückkehr zum G9. Doch Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) konnte mit Vorschlägen zu einem reformierten G8 nicht überzeugen. Schließlich zog Seehofer – auch mit Blick auf die Bundestagswahl im Herbst und die bayerische Landtagswahl ein Jahr darauf – das Thema als Chefsache an sich. Die Bevölkerung sei ein „Partner“, sagte er, und vor diesem Partner und seinen Ansichten könne man „keine Angst haben“. Damit verkrachte er sich mit Teilen der CSU-Landtagsfraktion.

Auch der CSU-Bildungspolitiker Oliver Jörg hat die Hinwendung zum G9 lange kritisch gesehen. Jetzt sagt er, was ihm wichtig ist: „Der schnelle Weg bleibt erhalten. Und er ist für alle Schulen gleich und verbindlich festgelegt.“ Der Bevölkerung wird das G9-Rollback nun als großes „Bildungspaket“ verkauft. Denn insgesamt soll es 1800 neue Lehrerstellen geben – 1000 an den Gymnasien und 800 an anderen Schulen.

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06.04.2017, 06:00 Uhr

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