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Der wegen Rauschgifthandel angeklagte Mössinger will nur Auftragnehmer gewesen sein

Rollenspiele unter Dealern

Im Prozess gegen drei mutmaßliche Drogendealer aus dem Steinlachtal hat sich einer der Angeklagten nun zu den Vorwürfen geäußert: Der 43-jährige Mössinger sieht sich mehr als Kurier denn als Drahtzieher.

09.07.2015
  • kathrin löffler

Steinlachtal/Tübingen.„Sie reden viel und sagen wenig!“ So kommentierte Verteidiger Thomas Weiskirchner gestern die Aussagen seines eigenen Mandanten. Gegen den 43-Jährigen aus Mössingen und zwei weitere Männer aus Mössingen und Bodelshausen verhandelt derzeit das Tübinger Landgericht.

Die Staatsanwaltschaft beschuldigt sie, mit erheblichen Rauschgiftmengen gedealt zu haben. Laut Anklage sollen der 43-jährige Mössinger und der 40-jährige Bodelshäuser ab Dezember 2013 monatlich Drogen aus den Niederlanden eingeführt und unter anderem an Abnehmer in Rottenburg weiterverkauft haben. Im November 2014 nahm sie die Polizei mit rund einem Kilogramm Heroin und knapp zwei Kilogramm Marihuana im Kofferraum fest (wir berichteten).

Ein Geständnis, das ihre drohenden mehrjährigen Gefängnisaufenthalte hätte verkürzen können, lieferten die Beschuldigten nicht. Der 43-Jährige mutmaßliche Dealer war bislang im Prozessverlauf aber bemüht, das Gericht von seiner eigenen Drogensucht zu überzeugen: Eine solche könnte sich auf seine Steuerungs- und damit Schuldfähigkeit auswirken. In den Ohren von Staatsanwalt und Gutachter war er dabei wenig glaubhaft.

Noch am Dienstag hatte der Angeklagte behauptet, die Urinproben, die er 2014 abgegeben habe, um seinen Führerschein wiederzubekommen, seien deshalb frei von Drogenresten gewesen, weil er sie – unter Aufsicht – gegen Urinbecher seines Sohnes ausgetauscht hätte. In der gestrigen Verhandlung ließ er über seinen Anwalt Weiskirchner ausrichten: alles Blödsinn. Er habe tatsächlich im betreffenden Zeitraum kein Heroin genommen. Allein, die Schilderung seiner Suchtgeschichte blieb undurchsichtig: Später versicherte er erneut, kontinuierlich konsumiert, aber dabei viel Sport getrieben und Wasser getrunken zu haben – was angeblich zu einem raschen Abbau der Drogen in seinem Körper und damit zu negativ ausgefallenen Tests führte. „Das passt nicht zu unseren Befunden“, sagte der sachverständige Arzt Hannes Moser.

Erstmals seit Prozessauftakt im Juni zeigte sich der russischstämmige Mössinger bereit, Stellung zu seinen vermeintlichen Delikten zu beziehen. In seinen gestrigen Schilderungen war die Rollenverteilung allerdings eine andere als in der Anklageschrift: Der Familienvater beschrieb sich vor der Großen Strafkammer als Drogenüberbringer – statt als Rauschgiftlieferanten mit lukrativer Einnahmequelle.

Zwar gestand der Mössinger die Drogeneinkäufe in den Niederlanden ein – allerdings nur fünf Touren zwischen März und November 2014. Vier Mal will er im Zug gereist sein. Vor allem aber gab er an, die Beschaffungsfahrten im Auftrag unternommen zu haben – und zwar im Auftrag jenes Rottenburgers, der in der Anklageschrift lediglich als sein Subabnehmer firmiert. Dieser soll ihm Kontakte zu Marokkanern in Holland beschrieben, ihm pro Fahrt 10 000 Euro für Heroin mitgegeben, Spesen für die Reise ausbezahlt und nach der Rückkehr jeweils kleine Stücke vom mitgebrachten Heroinstein zum eigenen Konsum überlassen haben. Einen größeren Lohn habe er dem Mössinger erst zum Geschäftsabschluss im Herbst 2014 versprochen. „Unsinn“, befand der Vorsitzende Richter. Ulrich Polachowski empfand die Ver sion des Angeklagten, als Kunde und nicht als Lieferant des Rottenburgers agiert zu haben, als „nach dem, was bisher aus den Akten hervorgeht, so nicht richtig“.

Der 30-jährige Rottenburger selbst ist bereits verurteilt. Im Zeugenstand brachte er gestern keine wesentliche Klarheit in das gegenseitige Verhältnis der beiden. Zumindest für die Anfangszeit im Frühjahr 2014 wies er die Chefposition von sich: Er sei „ein kleiner Junkie“ gewesen, der zunächst gar nicht über die Mittel verfügte, Kurierdienste und Einkäufe großer Drogenmengen zu bezahlen. Er wollte schlicht die in der Tübinger Szene enstandenen Kontakte zu „den Russen“ nutzen, um seinen Eigenbedarf zu finanzieren. Nachdem er im Verlauf der illegalen Rauschgiftgeschäfte selbst Kasse machte, sei die Rollenverteilung „mal so, mal so“ gewesen.

Richter: Ulrich Polachowski; Beisitzer: Daniel Valerius; Schöffen: Insa Beier, Petra Neuweiler; Staatsanwalt: Nicolaus Wegele; Verteidiger: Birgit Scheja, Thomas Weiskirchner, Christoph Geprägs; Sachverständiger: Hannes Moser.

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09.07.2015, 12:00 Uhr

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