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Im Kopf ist der Krieg bis heute nicht richtig vorbei

Rosemarie Maisch erinnert sich an das Kriegsende im Dorf

ENTRINGEN. „Irgendwie hat diese Zeit für mich nie wirklich aufgehört“, sagt Rosemarie Maisch. Die Eltern der heute 73-Jährigen, Paul und Martha Reichart, betrieben einst das Gasthaus „Sonne“ in der Herrenberger Straße. Dort erlebte die damals 13-jährige Rosemarie das Ende des Krieges in Entringen – voller Angst, aber auch als Teil einer in ihrer Generation üblichen Kindheit. „Wir kannten damals ja nichts anderes als eine Zeit, die von Krieg und Leid geprägt war“, sagt die Frau, die manche im Dorf bis heute „Sonnen-Rosl“ nennen.

16.04.2005
  • Matthias Stelzer

Es war Krieg. Auch wenn sich die schlimmsten Grausamkeiten und großen geschichtlichen Ereignisse weit abseits von Entringen abspielten, das Leiden war auch im Dorf am Schönbuch-Trauf allgegenwärtig. „Es gab kaum eine Familie, die keine Toten zu beklagen hatte“, sagt Rosemarie Maisch. Mit zunehmender Kriegsdauer kamen von den Fronten nicht nur schlechte Nachrichten, sondern auch immer mehr schwer verletzte Entringer und Todesnachrichten nach Hause. Überall im Dorf trugen Frauen – als Zeichen ihrer Trauer – schwarze Arbeits-Schürzen.

Die Franzosen-Mutter

„Für mich als Kind war das damals der ganz normale Alltag“, sagt Rosemarie Maisch, die auch in dieser Zeit schon ihren Spitznamen „Sonnen-Rosl“ trug. Als Tochter der Sonnen-Wirtin Martha Reichart lebte die heute 73-Jährige in den Kriegsjahren in zwei politischen Wirklichkeiten. Sie war Schwester von vier Brüdern, von denen zwei „nicht mehr aus dem Krieg zurückkamen“, und sie war Tochter einer Frau, die von den in der „Sonne“ einquartierten französischem Zwangsarbeitern liebevoll „Mutter Reichart“ genannt wurde.

32 französische Kriegsgefangene waren von 1940 bis 1945 im Saal des Wirtshauses untergebracht. Junge Männer, die den Sommer über in der Landwirtschaft und im Winter als Holzfäller im Schönbuch schuften mussten. Wenn Rosemarie Maisch heute, 60 Jahre später, von ihnen spricht, nennt sie die „Franzosen“ bei ihren Vornamen. „Das war richtig familiär damals“, sagt die Entringerin – obwohl ihr schon damals klar war, dass die jungen Zwangsarbeiter in Entringen auch Heimweh nach ihren richtigen Familien in Frankreich hatten. „Wenn sie traurig waren oder von den Bauern, bei denen sie arbeiteten, mal schlecht behandelt wurden, haben sie das meiner Mutter erzählt, und sie versuchte dann, zu trösten“, sagt die Entringerin.

Frisuren im Schankraum

Dabei hatte Martha Reichart eigentlich auch mit sich selbst genug zu tun. Als Mutter hatte sie den Verlust ihrer beiden Söhne zu verkraften und als Wirtin der „Sonne“ war sie weitgehend auf sich allein gestellt, weil ihr Mann Paul schwer krank aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt war. „Meine Mutter hat so viel mitgemacht, das ist für mich im Rückblick unfassbar“, sagt Rosemarie Maisch. Martha Reichart pflegte ihren Mann bis zu dessen Tod am 23. März 1945, wanderte zu den Bauern ins Gäu, um Lebensmittel für die Familie und die einquartierten Kriegsgefangenen zu besorgen und betrieb in ihrem Wirtshaus nebenbei auch noch ein Frisör-Geschäft. Maisch: „Da wurden die Haare im Gastraum geschnitten.“

Und auch mit manchen Leuten im Dorf hatte es die Sonnen-Wirtin nicht immer leicht. „Meine Mutter hatte unter den Entringern zu leiden, die den Eindruck hatten, dass sie zu nett zu den Franzosen war“ “, erzählt die Tochter. Belastend war das „gute Verhältnis“ von „Mutter Reichart“ zu ihren Schützlingen offenbar vor allem für Eltern, deren Söhne an der Front starben. Dabei hatte die Sonnen-Wirtin im Juni 1940 selbst den Tod ihres Sohnes Paul zu beklagen. Er starb in einem Lazarett in Frankreich. Friedrich Fleck senior, nach 1945 Bürgermeister in Entringen, überbrachte Martha Reichart die Todesnachricht. Friedrich Fleck junior, seinerseits später selbst letzter Entringer Bürgermeister vor der Gemeindereform, hatte seinem Vater in einem Brief vom Tod des Entringer Regiments-Kameraden berichtet. „Meine Mutter hat sich wohl so gut um die Franzosen gekümmert, weil sie hoffte, dass es im umgekehrten Fall dann auch so läuft“, sagt die Tochter heute.

Diese Einstellung kam am Ende des Krieges dann zumindest der Gastwirts-Familie zugute. Und vielleicht sogar ganz Entringen. Denn als am 19. April 1945 die französischen Truppen in den Ort einrückten, blieb es weitgehend friedlich. Und das, obwohl am 18. April der 33-jährige französische Zwangsarbeiter Octave Bodon in der Entringer Kirchstraße ums Leben gekommen war.

Granate ins Rathaus

Für Entringen hatte das Kriegsende nämlich mit Granaten begonnen. Am 18. April bezog die französische Armee bei der Betteleiche im Hardtwald (zwischen Reusten, Altingen und Breitenholz) Stellung.. Von dort aus feuerten die Soldaten abends gegen 19 Uhr in Richtung Entringen. So genannte „friedliche Salven“ sollten den Ort zur Übergabe bewegen. Als jedoch eine Granate im Rathaus einschlug, wurde Octave Bodon von einem Granatsplitter getötet, sein Landsmann Amand Deslandes schwer verletzt.

Rosemarie Maisch saß zu dieser Zeit in einem der zwei Luftschutzkeller unter dem Entringer Pfarrhaus. „Wir Entringer waren dort in einem Raum, im anderen waren immer die Franzosen“, erinnert sie sich. Und so war es auch am 18. April – mit dem Unterschied, dass sich zwei Franzosen verspätet hatten. „Ich denke, dass Octave und Amand gerade zum Keller wollten“, sagt Rosemarie Maisch. Doch dann wurden sie auf Höhe des Rathauses, vor dem Gebäude Kirchstraße 5 getroffen. Die Einschläge der Granatsplitter sind heute noch im Holztor des Gebäudes zu sehen.

Weiße Fahne in der Nacht

„Ich werde nie vergessen, wie der blutüberströmte Amand in den Keller gebracht wurde“, sagt die heute 73-Jährige. Und was danach im Dorf geschah, weiß Rosemarie Maisch selbst nur aus Erzählungen, denn sie blieb auch über Nacht im Keller. Eine Nacht, die die Entringer Brüder Otto und Albert Schneck dazu nutzten, auf dem Turm der Michaelskirche eine weiße Fahne zu hissen. Den Schlüssel zum Kirchturm hatten sich die beiden schon Tage vor dem Einmarsch heimlich beim Mesner besorgt. Und als die Fahne hing, entfernten sie die Treppe im Turm, um linientreue Entringer am Entfernen der Fahne zu hindern.

Am 19. April um neun Uhr morgens marschierten die französischen Truppen daraufhin „friedlich“ mit Panzern und Fahrzeugen in Entringen ein. Rosemarie Maisch erfuhr das erst, als der französische Kommandant mit seinen Soldaten „gleich nach dem Einmarsch“ im Keller unter dem Pfarrhaus auftauchte, um nach dem verletzten Amand Deslandes zu schauen. „Die haben den Amand dann gleich mitgenommen, um ihn in ein Lazarett zu bringen“, erzählt sie.

Weitgehend ohne gewalttätige Übergriffe auf die Bevölkerung wurde Entringen besetzt. Eine Tatsache, die damit zu tun haben könnte, dass die französischen Zwangsarbeiter mäßigend auf ihre Landleute einwirkten. Systematische Vergewaltigungen, wie sie aus den Ammerbuch-Dörfern Pfäffingen, Poltringen und Altingen bekannt sind, gab es in Entringen nicht. In einer Aufstellung des Bürgermeisters vom Juni 1945 ist von einer Vergewaltigung die Rede. Und auch Rosemarie Maisch sagt: „Das war in Entringen nicht so, wie man es später aus vielen anderen Dörfern hörte.“

Schutz durch einen Brief

Zumindest über die Familie Reichart hielten die „Entringer Franzosen“ ihre schützende Hand – auch noch, nachdem sie das Dorf verlassen hatten. Gleich „zwei, drei Tage“ nach dem Einmarsch machten sich die ehemaligen Zwangsarbeiter auf den Heimweg. „Meiner Mutter gaben sie zuvor einen französischen Brief und forderten sie auf, das Schreiben immer vorzuzeigen, wenn es Schwierigkeiten gibt“, erzählt die Tochter.

Tod im Schönbuch

Und die gab es dann auch gleich. Weil ihr marokkanische Soldaten das ganze Bettzeug abgenommen hatten, wandte sich Martha Reichart mit dem Brief an den Kommandanten der Besatzung-Truppen. Und der schickte sofort „seine Burschen“ los, um die geplünderten Textilien wieder beizubringen. Gebraucht wurden die Laken von Martha Reichart dann übrigens ganz schnell für neue Schützlinge. Denn die französische Armee lieferte nun im Entringer Gasthaus die Wehrmachtssoldaten ein, die zuvor im Schönbuch gefangenen genommen worden waren.

Dort, im Entringer Hauswald, in den sich deutsche Soldaten auf ihrem Rückzug aus dem Kreis Tübingen geflüchtet hatten, starb dann am 22. April 1945 auch ein Entringer. „Die Franzosen sind zwar friedlich in Entringen eingerückt, aber es war immer noch Krieg“, beschreibt Rosemarie Maisch ihre Erinnerungen an die Tage nach dem Einmarsch. Eine Tatsache, die Fritz Schuhmacher zum Verhängnis wurde. Der Landwirt aus der Rollengasse machte sich drei Tage nach dem Einmarsch – trotz Ausgangssperre – in den Schönbuch auf. Sein Vorhaben: Er wollte zusammen mit seinem 15-jährigen Neffen Karl Wehrmachtspferde einfangen, die von den Soldaten im Wald zurückgelassen worden waren. Auf dem Rückweg erschossen französische Soldaten den damals 45-jährigen Entringer im Goldersbachtal. Sein Neffe konnte sich hinter einen Baum retten und wurde von den französischen Truppen für wenige Stunden gefangenen genommen. Maisch: „Der Bub kam dann abends heim und überbrachte seiner Tante die Todesnachricht.“

Fritz Schuhmacher lag insgesamt vier Tage tot im Schönbuch. Denn seine Angehörigen mussten bei der französischen Verwaltung in Tübingen zuerst um einen Passierschein für den Schönbuch ersuchen. Diesen bekamen sie am 26. April. Noch am selben Tag zogen dann drei Entringer, darunter auch Karl Schuhmacher als Führer, mit einem Leiterwagen und der weißen Fahne los, um den Toten zu bergen. Beerdigt wurde Fritz Schuhmacher am 27. April 1945. Er blieb aber nicht der einzige Entringer, der nach der Besetzung von französischen Militärs erschossen wurde. Am 23. April, nur einen Tag nach den tödlichen Schüssen im Schönbuch, starb der Schreiner Eugen Arnold. Der ledige Mann aus der Herrenberger Straße wehrte sich offenbar, als französische Soldaten sein Fahrrad beschlagnahmen wollten. Er wurde in seiner Werkstatt erschossen.

Bomben kurz vor dem Ende

„Das war schon schlimm“, sagt Rosemarie Maisch. Ihr selbst ist allerdings ein anderer Todesfall intensiver im Gedächtnis – und zwar der von Elsa Hahn. Die damals 13-Jährige, die am 18. März noch gemeinsam mit Rosemarie Maisch die Konfirmation gefeiert hatte, erlebte das Kriegsende in Entringen nicht mehr. Sie starb gut zwei Wochen vorher, am Karsamstag (31. März 1945), bei einem Luftangriff.

„Die Bomben töteten mehrere Leute“, erzählt Maisch. Ein französisches Flugzeug, das es möglicherweise gar nicht auf Entringen abgesehen hatte, legte in der heutigen Hauffstraße zwei Gebäude in Schutt und Asche: die Turnhalle und das Haus Lutz. In Letzterem starben Elsa, ihr kleiner Bruder Helmut und die Mutter Pauline Hahn, sowie das Ehepaar Frieda und Ludwig Bohn, das über Ostern nach Entringen gereist war, um ein paar Tage abseits ihrer von schweren Bombenangriffen gebeutelten Heimatstadt Karlsruhe zu verbringen.

Leben mit der Erinnerung

„Solche Dinge vergisst man eben nie“, sagt Rosemarie Maisch. Für die 73-Jährige ist heute manchmal immer noch Krieg und Nachkrieg – im Kopf. Ein Schicksal, das sie mit ihrem Mann Hans teilt, der erst Ende 1949 aus russischer Kriegsgefangenschaft heimkehrte. „Vielleicht kann man das nicht nachvollziehen, wenn man diese Zeit nicht erlebt hat“, überlegt sie laut. Und bestätigt sich selbst: „Aber für Leute meiner Generation ist das wohl normal.“ Vor allem, wenn die Erinnerungen durch Kontakte über viele Jahre wachgehalten wurden. Amand Deslandes beispielsweise schickte bis zu seinem Tod im Mai 2001 jährlich Weihnachtspost nach Entringen und vergaß nie den Gruß an die „Sonnen-Rosl“. Rosemarie Maisch: „Einmal war der Amand sogar zu Besuch in Entringen.“ Ende der 70er Jahre – ihre Mutter lebte da schon nicht mehr. Martha Reichart starb im März 1973.

Rosemarie Maisch erinnert sich an das Kriegsende im Dorf
Als Rosemarie Maischs Bruder, Helmut Reichart, das Wirtshaus 1959 aufgab, titelte das TAGBLATT: „Die Sonne geht unter.“

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16.04.2005, 12:00 Uhr

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