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Eine bewegende Rede: Generalstreiker als emanzipierter Ehemann

Rosemarie Vogt über ihren Vater, den „Konsum-Maier“

Es war das erste Mal seit 30 Jahren, dass jemand aus den Familien der Mössinger Generalstreiker öffentlich auftrat. Und nie zuvor wurde so persönlich über das Leben eines Generalstreikers erzählt. Rosemarie Vogt erinnerte am Samstag in der Pausa an ihren Vater Martin Maier.

26.11.2012
  • susanne wiedmann

Mössingen. Allein mit frommen Sprüchen war es nicht getan. Martin Maier hatte das bald erkannt. 1887 war er in der Mössinger Langass geboren worden. Und die Habseligkeiten seiner Eltern waren nichts als „Gottes Armut im’a Säckle“ – wie er zu sagen pflegte. Nach der Schule ließ er sich als Wagner ausbilden. Und 1914 musste er in den Ersten Weltkrieg ziehen. Von dort kam er verwundet und mit der Überzeugung zurück, dass es ein so „sinnloses Gemetzel und Blutvergießen“ nie mehr geben dürfe, berichtete Rosemarie Vogt.

Martin Maier engagierte sich fortan in der Gemeinde. 1918 trat er der SPD bei, 1920 der KPD. Er war Turnwart und ab 1931 Gemeinderat. Als die Nazis am 30. Januar 1933 die Macht übernommen hatten, beteiligte er sich einen Tag danach am Mössinger Generalstreik. Am 1. Februar 1933 verhaftete ihn die Polizei als „Rädelsführer“.

Sein Engagement hatte er, wie Rosemarie Vogt sagt, gründlich überlegt. Nicht nur einmal hatte er sich gefragt, „ob er das schwere Joch, das er sich und seiner Familie auferlege, auch tragen könne“. Nach allem, was er gelesen und erfahren hatte, war ihm jedoch bewusst: „Hitler bedeutet Krieg.“ Das wollte er verhindern. „Ich hätte mir beim Rasieren nicht mehr in die Augen schauen können. Es war doch unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit, die Leute zu warnen“, habe ihr Vater immer wieder betont.

Nachdem Martin Maier am 25. März 1933 aus der Untersuchungshaft entlassen worden war, brachte ihn die Gestapo wenige Tage später in das KZ Heuberg. Dort musste er bleiben, bis im Juli 1933 das Gerichtsverfahren vor dem Landgericht Tübingen begann. Maier wurde – wie seine Tochter sagt – „zu 358 Tagen Gefängnis verurteilt“. Und bereits im Mai 1933 war er nach zwölf Jahren als Filialleiter des Mössinger Konsum-Lebensmittelgeschäfts fristlos entlassen worden.

Trotz aller Schmach und Niederlagen, die er hinnehmen musste, habe er nicht aufgegeben. Und tatsächlich: Nach der Befreiung ließ sich Maier wieder auf die Liste der KPD setzen und wurde in den Mössinger Gemeinderat gewählt, 1948 sogar in den Kreistag. Im selben Jahr wurde das Gerichtsurteil aufgehoben und Maier rehabilitiert. Nicht aus Mangel an Beweisen, sondern weil es nicht nur ein Recht, sondern ein Verdienst gewesen sei, der NS-Herrschaft zu begegnen, wie die Richter ihr Urteil begründeten.

Im Hause der Familie Ayen, die in der Schlosserstraße wohnte, lernte Martin Maier nach dem Krieg seine spätere Frau Emma kennen, Rosemarie Vogts Mutter. Beide Partner hatten schon eine Ehe hinter sich. Emma Wagner, die 1912 mit einer Hüftdysplasie geboren worden war und nur „das Hopperle“ genannt wurde, hatte mit neun Jahren ihre Mutter verloren. Die Zeiten wurden nicht besser. Die 1935 mit Paul Ayen geschlossene Ehe war in die Brüche gegangen, ihr kranker Sohn durch die Spritze eines Arztes gestorben. Was Emma Ayen blieb, waren unbezahlte Rechnungen. Die Familie ihres Ex-Mannes, der sich in die Schweiz abgesetzt hatte, hielt aber zu ihr.

Martin Maier verliebte sich in die 25 Jahre jüngere Frau: „Er wollte, so weit es ihm möglich wäre, das Leid und Unrecht, das ihr widerfahren war, gut machen und dafür sorgen, dass sie ein paar gute, wenn nicht sogar glücklich Jahre hat.“ 1951 heirateten Emma und Martin Maier. Und damit seinen Kindern aus erster Ehe – seine Frau Agnes Hoch war 1946 gestorben – kein Nachteil entstünde, habe er alles zurückgelassen, nochmals neu angefangen und ein Haus in der Sonnhalde gebaut.

1955 kam Tochter Rosemarie zur Welt. Ihre Mutter war bereits 42 Jahre alt, ihr Vater 67. Emma Maier war mit Wehen ins Krankenhaus gekommen, doch der Professor befand sich auf einer Tagung. So wurde die Geburt um einen Tag verzögert – mit üblen Folgen. Zum einen, weil ein Kaiserschnitt erforderlich wurde und die werdende Mutter eine Lungenembolie erlitt. Und zum anderen, weil mittlerweile der 20. April war, einstmals Hitlers Geburtstag. Die Freude des Vaters über die Geburt der Tochter war durch das Geburtsdatum getrübt worden. Es sei ihm ein „rechtes Spitzgras“ gewesen.

Sie habe ihre Mutter bis zum Tod 1987 nur krank und letztlich als Pflegefall gekannt, sagte Rosemarie Vogt. „Doch mein Vater hat sie auf Händen getragen.“ Stets sei er ein Mann der Tat und nicht der Worte gewesen. Und er hatte „die Emanzipation von Männerseite“ bereits in den 1960er Jahren als normal erlebt, kochte, buk, hängte Wäsche auf.

Die Kommunisten beobachtete er weiterhin, aber distanziert. Beim Prager Frühling kommentierte er: „Jetzt fahren die Lumpen Panzer gegen das ganz normale Volk.“ Und als die Mauer gebaut wurde: „Der Ulbricht, der Spitzbart, ist doch ein Verbrecher, wenn man um ein Volk eine Mauer zieht.“ Militärparaden verabscheute er als Säbelrasseln. Vom realen Kommunismus war er zutiefst enttäuscht, aber seinem idealen Kommunismus blieb er treu.

Martin Maier starb am 1. April 1972 an den Folgen eines Schlaganfalls. „Das Wenigste, was man den mutigen Männern und Frauen zollen könnte oder sollte, wäre Achtung, Anerkennung und Respekt“, fordert Rosemarie Vogt. Die Geschichte hätte ihnen doch recht gegeben. Und sie hofft, dass sie das Bild von den „schrecklichen“ Kommunisten, das in manchen Köpfen kursiere, etwas milder zeichnen konnte. „Denn was zählt, ist wie ein Mensch gelebt und gehandelt hat.“

Rosemarie Vogt über ihren Vater, den „Konsum-Maier“
Rosemarie Vogt vor dem Foto ihres Vaters Martin Maier.Bild: Rippmann

Der Talheimer Verlag veranstaltete das fünfstündige Symposium zur Bedeutung des Generalstreiks damals und seiner Wirkung heute. Bei seiner Begrüßung betonte Oberbürgermeister Michael Bulander, dass der Generalstreik bis heute keine umfassende Würdigung erfahre. „Dass der Widerstand richtig war, daran wird heute kaum mehr jemand zweifeln.“Irene Scherer vom Talheimer Verlag unterstrich in ihrer Rede „die große Leistung“ der Generalstreiker, „die sich um das Entstehen der Demokratie in Deutschland verdient gemacht haben“. Weitere Vorträge hielten Prof. Bernd Jürgen Warneken und Museumsleiter Hermann Berner, Welf Schröter vom Talheimer Verlag und Franz Xaver Ott als Autor und Dramaturg des Generalstreik-Projekts des Theaters Lindenhof.

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26.11.2012, 12:00 Uhr

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