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Rot wie Ochsenblut
Gefärbte Stoffe werden in Indien zum Trocknen aufgehängt. Es gibt inzwischen digitale Lösungen für die Farbabstimmung. Foto: Getty Images
Modebranche

Rot wie Ochsenblut

Bis Stoffe die richtige Farbe hatten, dauerte es oft lange. Nun können alle Nuancen in digitale Codes verwandelt werden. Eine Revolution.

01.04.2017
  • CAROLINE STRANG

Ulm. Was ist Ochsenblutrot für einen Inder? Nichts greifbares, denn fast 80 Prozent der Inder sind Hindus und die schlachten im Normalfall keine Rinder. Wie wird ein Gelb zitroniger? Sieht nicht jede Zitrone anders aus? Wie man Farben wahrnimmt, ist von vielen Faktoren abhängig: vom Geschlecht, dem kulturellen Hintergrund, dem Alter, Licht, Klima und manchmal auch nur von der Sehschärfe. Jeder sieht Farben anders.

Eine Schwierigkeit für Designer und Modehersteller, die auf eine exakte farbliche Ausführung ihrer Stoffbestellungen angewiesen sind. Allerdings sitzen die Zulieferer häufig in Indien oder Südamerika. Ein weiter Weg für Farbinformationen.

Das Schicksal vieler Modehersteller sah deshalb lange so aus: Sie bestellten aus der Pantone, einem Fächersystem mit verschiedenen Farben, eine bestimmte Nummer. 23-10 zum Beispiel. Der Färber in Indien färbte diese nach dem Papierbeispiel. Er schickte eine Probe zurück. Und dann rieben sich die Auftraggeber unter Umständen verdutzt die Augen.

Langer Abstimmungsprozess

Der Abstimmungsprozess konnte lange gehen. Hin und her, über Kontinente hinweg. Gerd Müller-Thomkins, Geschäftsführer des Deutschen Mode-Instituts (DMI), beschreibt auch den Fall, wie jemand mit einem briefmarkengroßen Stück Stoff vor einem Riesentank mit Farbe steht und durch ein Sichtfenster versucht, die Farben abzugleichen. Dabei sei selbst die Kommunikation über Farben grundsätzlich schwierig, meint der Experte. „Man versucht, mit Sprache zu visualisieren.“

Das Mode-Institut geht nun einen anderen Weg. Die Farben werden etwa mit Hilfe der Multispektralanalyse vermessen und dann für die Systeme der Reproduktion wie Drucker, Bildschirm oder Farbmaschine in Codes übersetzt. „Wir sind nun in der Lage, jede Farbe auf dem Planeten exakt zu messen und auf unterschiedlichen Medien darzustellen.“ Ein Faxgerät für Farben quasi. Die Informationen können in Farbdatenbanken in einer Internet-Cloud gespeichert und überall abgerufen werden, zum Beispiel von Zulieferern in Indien.

Ist das eine Revolution? „Ja, es ist eine Revolution“, sagt Müller-Thomkins. Sein Team und er hätten gar nicht vorgehabt, eine solche anzuschieben. Über zwölf Jahre lang hatten die Experten geforscht, es wurde eine Tochterfirma namens Color Digital GmbH gegründet, die beim Thema Cloud-Speicherung nun mit der Telekom zusammenarbeitet.

Müller-Thomkins holt in seiner Begeisterung für die Farbrevolution noch weiter aus: Ihre Schöpfung sei ein wichtiger Schritt innerhalb der Digitalisierung, also der Welt 4.0. Denn nach der Digitalisierung von Sprache folge nun die Digitalisierung von Bildwelten. Das habe sehr viel mit der Veränderung globaler Märkte zu tun. Die Farbwechsel-Frequenz nehme immer mehr zu, jede Woche gebe es etwas neues, Produktionsprozesse werden beschleunigt. Die Produktfarbe sei dabei der Motor aller Dinge.

„Wir versetzen ganze Branchen in die Lage, exakter zu arbeiten und über digitale Datenübertragung die Lieferkette und die Produktion zu beschleunigen.“ Dadurch hätten zum Beispiel Designer mehr Zeit für Innovation und Entwurf.

Und die Resonanz? „Wir haben namhafte Kunden in Deutschland, aber auch in anderen Ländern.“ Gerade im Ausland traue man den Deutschen technisch mehr zu als modisch. Selbst in Frankreich ist Color Digital schon vertreten: Bei der größten Messe für Farben und Stoff, der Premier Vision. „Wir tragen Mode nach Frankreich und Italien – auf einem Tablet“, sagt Müller-Thomkins und lacht. Dabei sei der Argwohn gegen die Farbdigitalisierung erst groß gewesen, bei manchen sei er immer noch zu spüren.

Hugo Boss digitalisiert selbst

Das Mode-Institut ist nicht als einziger Player im Geschäft mit der Digitalisierung von Farben beschäftigt. Große Hersteller unterhalten teilweise eigene Projekte: „Hugo Boss beschäftigt sich schon seit mehreren Jahren mit der Digitalisierung von Farben, sowohl in der Entwicklung als auch in der Qualitätssicherung“, erklärt eine Konzernsprecherin. So erfolge die Prüfung der Farbkontinuität der „Create Your Look“ Artikel mit einem Fotospektrometer.

Mit Erfolg: „Hugo Boss setzt die Farbkommunikation mit den Stoff-Lieferanten von visuellen Farbfreigaben zur digitalen Farbfreigabe erfolgreich um und stellt somit sicher, dass weltweit dieselbe Farbaussage sichergestellt ist.“ Für jeden die gleiche Farbe, das ist das Ziel. Und wenn es ochsenblutrot ist.

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01.04.2017, 06:00 Uhr

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