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Das Zusammenkommen war teilweise anstrengend

Rottenburg ist vierzig Jahre Große Kreisstadt

Seit 40 Jahren gibt es Rottenburg am Neckar in der heutigen Ausprägung: die Kernstadt plus 17 Stadtteile. „Große Kreisstadt“ ist der Verwaltungstitel.

02.10.2012
  • Gert Fleischer

Rottenburg. Der Verwaltungschef einer Großen Kreisstadt ist Ober- Bürgermeister. Diesen Titel trug seit 1. Mai 1972 Egbert Regenbrecht. Für viele Kernstädter bedeutete die Erhebung Rottenburgs zur Großen Kreisstadt das Ende der Schmach, die ihr 1938 die Nationalsozialisten zugefügt hatten. Die Nazis hatten die württembergischen Oberämter 1934 zu Kreisen umbenannt und vier Jahre später ihre Zahl durch Zusammenschlüsse verringert. Damals verlor Rottenburg seine Oberamtsfunktionen an Tübingen.

In den Monaten vor dem 1. Mai 1972 wurden der Stadt Rottenburg zwölf Gemeinden der Umgebung eingegliedert: Bad Niedernau, Bieringen, Frommenhausen, Hailfingen, Hemmendorf, Kiebingen, Obernau, Schwalldorf, Seebronn, Weiler, Wendelsheim und Wurmlingen. Damit verdoppelte sich Rottenburgs Einwohnerzahl nahezu und stieg auf über 23 000. Mindestzahl, um Große Kreisstadt zu werden, sind 20 000 Einwohner.

Regenbrecht sah die Stadt gut vorbereitet auf ihre neue Zukunft als „Groß-Rottenburg“, wie unsere Zeitung damals formulierte. Mit seiner guten schulischen Versorgung und einem entwickelten Verkehrsnetz habe Rottenburg schon lang zentrale Funktionen erfüllt. Selbst das Rathaus genüge den Ansprüchen einer Großen Kreisstadt. „Im Übrigen“, so Regenbrecht, „haben wir das ganze Terrain ums Rathaus aufgekauft.“

Wurmlingen und Kiebingen kamen zuerst

Die ersten zwölf Stadtteile kamen freiwillig. Für Kiebingen, Wurmlingen und Wendelsheim hatte sich die Stadt besonders ins Zeug gelegt, damit ihr nicht Tübingen zuvorkam. Kiebingen und Wurmlingen waren im November 1971 nach eindeutigen Abstimmungsergebnissen der Bürger/innen die ersten beiden eingemeindeten Dörfer. Eugen Schmid, OB in Tübingen von 1974 bis 1999, nannte es Jahre später den einzigen Fehler der Gebietsreform, dass die Wurmlinger Kapelle nicht auf Tübinger Markung steht.

Ursprünglich ging es gar nicht darum, dass die Gemeinden um Rottenburg herum Teil der Stadt werden wollten. Lieber hätten sie sich zu einer Verwaltungsgemeinschaft zusammengeschlossen. Von einer „Halskrause“ sprach man damals wegen ihrer Verteilung rund um die Stadt. Das Innenministerium verweigerte seine Zustimmung, weil diese Gemeinschaft auf Rottenburg verzichten wollte.

Die Gäugemeinden Ergenzingen, Eckenweiler und Baisingen waren per Landtagsbeschluss dem Landkreis Freudenstadt zugedacht. Der Marktflecken Ergenzingen hatte durch seine frühere Zugehörigkeit zum Oberamt Rottenburg gewachsene gute Beziehungen zur Bischofsstadt – mehr, als etwa nach Horb, dem es 1938 zugeschlagen wurde, oder gar nach Freudenstadt. Ergenzingen wollte in den Landkreis Tübingen. Es scheiterte zunächst aber mit seinem Wunsch, mit Neustetten eine Einheitsgemeinde zu bilden.

Ministerpräsident gegen Oberbürgermeister

Es wurde mit harten Bandagen gekämpft. Ministerpräsident Hans Filbinger erklärte in Horb zum Baisinger und Ergenzinger Abrücken in Richtung Landkreis Tübingen, man dürfe „dieser Fluchtbewegung keinen Raum geben“. Unsere Zeitung zitierte Rottenburgs Bürgermeister Regenbrechts Replik im März 1972: „Von einer Fluchtbewegung der Horber Kreisgemeinden Ergenzingen und Baisingen nach Tübingen kann überhaupt nicht die Rede sein, denn praktisch sind sie schon da.“

Ergenzingens Bevölkerung hatte dies wenige Tage zuvor dokumentiert: 98 Prozent sprachen sich für die Eingemeindung nach Rottenburg aus, und das bei einer Wahlbeteiligung von 86 Prozent. Für Regenbrecht war das ein „Aufschrei gegen begangenes Unrecht“. Ergenzingen, Eckenweiler und Baisingen mussten noch bis zum 1. Dezember 1972 warten, bis sie formell Teil Rottenburgs wurden.

Somit fehlten – aus heutiger Sicht – nur noch Oberndorf und Dettingen. Die Landesregierung wollte Oberndorf zu Ammerbuch schlagen. Doch die Bevölkerung entschied sich – gleich zwei Mal – mit 83 Prozent und dann mit 85 Prozent für Rottenburg.

An Dettingen lief die Zeit vorbei. Als die Landesregierung den Abschluss der der Gemeinde-Neuordnung beschloss, war es aus mit freiwilligen Beitritten. Dettingen wurde per Gesetz der Stadt Rottenburg einverleibt. Seither, seit dem 1. Januar 1975, besteht Rottenburg in heutiger Konstellation.

OB Regenbrecht erwartete Rottenburgs Entwicklung weniger Richtung Tübingen als nach Westen. Dort wurde die Autobahn Stuttgart-Singen gebaut (und 1978 freigegeben). Von „kräftigen wirtschaftlichen Impulsen“ sprach Regenbrecht 1972. Es dauerte noch mehr als 20 Jahre, fast 30 Jahre, bis der erwartete Schub mit dem Gewerbegebiet „Ergenzingen-Ost“ wirklich kräftig wurde.

Anfang der neunziger Jahre machte sich Enttäuschung breit in manchem Stadtteil. Der Bieringer SPD-Stadtrat Rolf Schorp sah die Teilorte benachteiligt gegenüber der Kernstadt und gab sein SPD-Parteibuch zurück. „Ergenzingen-Ost“ brachte die Große Kreisstadt Rottenburg in den Jahren 1993 bis 1995 in ihre größte Krise. Industrieschwerpunkt sollte das Gebiet laut übergeordneter Planung werden. Der damalige Stadt- und Ortschaftsrat Lothar Gugel (CDU) entflammte sein Dorf mit der Aussage, dann könne dort ein Giftmüllofen gebaut werden. In den Monaten danach schaukelte sich die Stimmung derart hoch, dass – angeführt vom Duo Lothar Gugel und Kurt Stopper (SPD) – immer mehr Ergenzinger die Ausgemeindung forderten. Bei der Kommunalwahl im Juni 1994 war CDU-Stadträtin Ursula Eisele die einzige Kandidatin, die sich für einen Verbleib bei Rottenburg aussprach.

Es gehört zu Oberbürgermeister Klaus Tappesers Leistungen, dass Ergenzingen befriedet wurde und „Ergenzingen-Ost“ zu dem werden konnte, was es heute ist. Mit der ganzen Energie eines neu gewählten Stadtoberhaupts kümmerte sich Tappeser 1995 um Ergenzingen, Rottenburgs größten Stadtteil.

Im zweitgrößten Stadtteil Wurmlingen machte Anfang dieses Jahres eine Gesprächsrunde eine Eingemeindungsbilanz und ließ hinterher die 30 Zuhörenden Noten verteilen. Sie gaben im Durchschnitt eine Vier. OB Stephan Neher nahm es als gefühlte Drei auf und war zufrieden.

Info: Morgen feiert die Stadt mit ihren Bürgern von 11 bis 17 Uhr auf dem Marktplatz. Es gibt Quiz, Geschicklichkeitsspiele, Musik und Hockete.

Rottenburg ist vierzig Jahre Große Kreisstadt
Die Große Kreisstadt Rottenburg ist, was die Fläche angeht, größer als Tübingen. Neustetten aber gehört nicht dazu. Auf dieser Grafik der Stadtverwaltung zum Jahrtag 40 Jahre Große Kreisstadt haben wir die Gemeinde Neustetten grün umrandet. Sie wird von Rottenburg fast komplett umschlungen.

Eine Große Kreisstadt ist Untere Verwaltungsbehörde und hat damit die im Landesverwaltungsgesetz geregelten Rechte und Pflichten. Große Kreisstädte sind Ausländerbehörde, Bußgeldbehörde, Baurechtsbehörde, Gaststättenbehörde, Kreispolizeibehörde, örtliche Straßenverkehrsbehörde. Sie haben ein Rechnungsprüfungsamt, sind zuständig für Messen, Märkte und Ausstellungen, für Spielhallen, für die Unterbringung psychisch Kranker, fürs Versammlungsrecht, fürs Waffenrecht und für das Wohngeld.
Die Rechtsaufsicht über Große Kreisstädte hat das Regierungspräsidium, über die anderen Gemeinden das Landratsamt. Auch Tübingen ist übrigens Große Kreisstadt (seit 1956), aber zugleich Sitz des Landkreises und des Regierungspräsidiums.

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02.10.2012, 12:00 Uhr

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