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Stadtarchivar Peter Ehrmann führte zu Adelshäusern

Rottenburg war ein El-Dorado des Kleinadels

Gut besucht waren gestern die Veranstaltungen zum bundesweiten „Tag des offenen Denkmals“. Unter anderem konnten sich Interessierte über Adelshäuser und den Amannhof informieren.

13.09.2010
  • Frank Rumpel

Rottenburg. In der Rottenburger Innenstadt sind noch, anders als in Tübingen oder Reutlingen, einige ehemalige Adelshäuser zu finden. Schließlich gehörte die Stadt lange Zeit zu Vorderösterreich, und das „hatte viel landständischen, also kleinen Adel, der beschäftigt sein wollte und durch Posten in der Verwaltung ruhig gestellt wurde“, sagte Stadtarchivar Peter Ehrmann gestern bei seiner Stadtführung zum Thema vor gut 30 Interessierten. Überhaupt gehörte dieser Landadel zum seinerzeit mobilsten Stand (womit auch gleich die Brücke zum bundesweiten Thema „Kultur in Bewegung“ gebaut war) in Vorderösterreich, was Ehrmann am Beispiel der Familie Prestinari deutlich machte.

Die aus der Lombardei stammende Familie (die zu Rottenburgs vorderösterreichischer Zeit noch Inländer waren), kaufte um 1730 den Kreuzlinger Hof, in dem heute die Polizei ist und der zuvor dem Kloster Kreuzlingen gehörte, das noch bis 1806 in Rottenburg, Wurmlingen und Hirschau große Güter besaß. Die Prestinaris benannten sich hier in Beck um. Denn der Name Prestinari bedeutet laut Ehrmann „Frühaufsteher“, und genau das sind ja auch die Bäcker. Die Familie freilich buk kein Brot, sondern hatte Ämter in der Stadtverwaltung inne.

Das größte Adelshaus Rottenburgs ist das heutige Waldhorn, das um 1670 von den Freiherrn von Hohenberg (die laut Ehrmann mit den Stadtgründern, den Grafen von Hohenberg nichts zu tun hatten) erbaut wurde und einem Steuerbescheid aus dem selben Jahr nach das vornehmste und teuerste Haus Rottenburgs war.

Wie alt der Wernauer Hof, auch „Alte Welt“ genannt, wo seit 1977 das Stadtarchiv untergebracht ist, tatsächlich ist, lässt sich nicht sagen. Auf der Rückseite des Gebäudes ist noch ein Teil der ursprünglichen Stadtbefestigung zu sehen. „Hier war Rottenburg einst zu Ende“, sagte Ehrmann. Laut einer Chronik hat das Haus wohl den Stadtbrand von 1735 überstanden und ein Teil der Steine in der rückwärtigen Hauswand könnten sogar noch von einem Vorgängerbau stammen, dessen Reste nach dem Stadtbrand von 1644 neu überbaut wurden. Demnach, meinte Ehrmann, könnte das Gebäude zumindest teilweise eines der ältesten Häuser der Stadt sein.

Die für das Gebäude namensgebenden Herren von Wernau übernahmen das Haus im 17. Jahrhundert. Später wurde es Stadtsitz der Baisinger Ortsherren. Im 19. Jahrhundert schließlich erwarben es Bürgerliche und gingen wohl vor allem im 20. Jahrhundert wenig pfleglich damit um. „1973 war die Bausubstanz so verrottet, dass man das Haus, wohl mit dem Ziel, es abzureißen, aus dem Denkmalbuch strich“, sagte Ehrmann. Später sei es dann aufwändigst restauriert worden.

Sämtliche Adelshäuser lagen an den Hauptstraßen der Stadt. Schließlich wollte man gesehen werden. Das galt auch für den Wernauer Hof, der nur heute etwas abseits liegt. Denn die Obere Gasse hieß früher Burggasse, erzählte Ehrmann, und die führte zum Verwaltungssitz. Auch dort kamen also viele vorbei.

Offen und bestens besucht war gestern auch das ehemalige, 1719 fertig gestellte Oberamtsgefängnis im Amannhof 11, das eine Abteilung des Sülchgauer Altertumsvereins zu einem Kulturzentrum umgestalten will. 60 000 Euro stehen für den Anfang zur Verfügung, 40 000 kommen vom Sülchgauer Altertumsverein und 20 000 Euro von der Stadt. Daneben hofft Ernst Heimes, der diese Abteilung des Vereins zusammen mit Prof. Hans-Dieter Frey leitet, auf Zuschüsse von Denkmalamt und Denkmalstiftung. „Ich bin sicher, dass das was wird“, sagte Heimes.

Zu dieser optimistischen Haltung trug sicher auch der gestrige Tag bei. Laut Heimes boten gleich mehrere Ingenieure, Architekten und Archäologen ihre Hilfe an und darüber hinaus mehr als dreißig Leute, die ihre Arbeitskraft für das Projekt zur Verfügung stellen wollen. Zudem meldete sich ein Zeitzeuge, der bis 1954 in dem Haus wohnte. Unter anderem konnte er genau sagen, wo im Haus der Brunnen stand. Der war bisher an anderer Stelle vermutet worden. Aus sieben Metern Tiefe holten die Bewohner seinerzeit das Wasser.

An Spenden kamen immerhin 400 Euro zusammen. Noch dieses Jahr soll das undichte Dach neu gemacht werden. Als nächstes steht laut Architekt Klaus Osterried eine genaue restauratorische Untersuchung an. Die Wände, Decken und Fenster sollen erhalten werden. „Die Geschichte“, sagt Osterried, „soll sichtbar bleiben und das lässt sich mit der geplanten Nutzung sehr gut machen.“

Rottenburg war ein El-Dorado des Kleinadels
Tag des offenen Denkmals: Hier besehen sich die Besucher/innen die „Alte Welt“. Bild: Faden

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13.09.2010, 12:00 Uhr

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