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Mehr Geschäfte holen

Rottenburg will Einzelhandelsflächen stark erweitern

Das Gewerbegebiet „Dätzweg“ gilt als wesentliche Flächenergänzung im fortgeschriebenen Konzept „Lebendiges Zentrum“ zur Entwicklung des Einzelhandels. Bis 2020 will die Stadt den Umsatz hiesiger Geschäfte verdoppeln.

23.09.2010
  • Gert Fleischer

Rottenburg. Aus dem „Lebendigen Zentrum 2010“ wurde am Dienstagabend durch Gemeinderatsbeschluss das „Lebendige Zentrum 2020“. Ziel ist es, die Attraktivität der Innenstadt zu stärken, reichlich neue Verkaufsflächen bereitzustellen und deutlich mehr Kaufkraft zu binden. Stadtplanungsamtsleiterin Angelika Garthe stellte die überarbeitete Version vor.

Der Fortschreibung liegen neue Verbraucher- und Händlerbefragungen und Gutachten zu Grunde. Ein mittelbarer Weg, den bekannten Kaufkraftabfluss zu verringern ist die Ansiedlung von Betrieben mit viel Arbeitsplätzen. Denn viele Menschen kaufen ein, wo sie arbeiten oder auf dem Weg zwischen Arbeitsstätte und Wohnung.

Rottenburg will Einzelhandelsflächen stark erweitern
Diese Grafik belegt das Defizit an Einzelhandels-Verkaufsfläche in Rottenburg im Vergleich zum Durchschnittswert ähnlich großer Städte im Land. Die Zahlen geben die Verkaufsflächenausstattung pro 1000 Einwohner an. In allen Segmenten liegt Rottenburg unter diesem Mittelwert. An absoluter Fläche gemessen fehlt am meisten Verkaufsfläche bei Nahrungs- und Genussmitteln, nämlich 282 Quadratmeter je 1000 Einwohner. In Relation ist Rottenburg am schlechtesten gestellt bei Schuhen, denn es hat weniger als die Hälfte des Durchschnittswerts. Grafik: GMA

Zudem sollen neue Flächen für den Einzelhandel ausgewiesen werden. „Siebenlinden III“ steht im Prinzip zur Verfügung, auch wenn der Gemeinderat dort die Ansiedlung eines Elektrofachmarkts und eines Gartenmarkts abgelehnt hat. Neu hinzu kommen das ehemalige DHL-Gelände, das jetzt als „Gewerbepark Dätzweg“ firmiert. Es soll neben Dienstleistungs- und Handwerksbetrieben zum Einzelhandelsstandort werden, ohne die Geschäfte im Stadtzentrum zu schädigen.

Im Gespräch sind neben den weiterhin gesuchten Fachmärkten für Elektro und Gartenbedarf ein Schuhmarkt im Discount-Segment oder ein Baumarkt. Vom Tisch ist die Überlegung, dem Wunsch eines Sportartikel-Filialisten nachzugeben, dort ein 1500 bis 2000 Quadratmeter großes Geschäft zu eröffnen. „Das gibt der Markt nicht her“, sagte WTG-Geschäftsführer Klaus Bormann dem TAGBLATT..

Ungewöhnlich sei es, berichtete Angelika Garthe dem Gemeinderat, dass Rottenburg schon vorab Regionalverband und Regierungspräsidium als zuständige Raumordnungsbehörden einbezog. Doch die Kriterien speziell für die Ansiedlung von großflächigem Einzelhandel (mehr als 800 Quadratmeter Verkaufsfläche) würden immer strenger.

Beibehalten wird die Erweiterung der Innenstadt als Einzelhandelsstandort über die Entwicklungsachse Gartenstraße, Siebenlinden-, Graf-Wolfegg-, Graf-Bentzel- und Tübinger Straße. Dabei gehört die Gartenstraße noch zum zentralen Versorgungsbereich. Die Gebiete „Siebenlinden“ und „Gewerbepark Dätzweg“ bezeichnet das Stadtplanungsamt als „abgestimmte Einzelhandelslagen“.

Um die Abgrenzung zwischen diesen beiden Bereichen im Alltag zu erleichtern, wurde der Branchenmix aufgeteilt in zentrenrelevante und nicht zentrenrelevante Sortimente. Dafür beauftragte die Stadt die Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung (GMA) in Ludwigsburg. WTG-Geschäftsführer Klaus Bormann begründete das so: „Es ist schlecht, wenn man in der eigenen Suppe kocht.“

Gabriele Ostertag von der GMA beschrieb das Marktgebiet Rottenburgs als 54 000 Einwohner groß. Diese Menschen haben eine Kaufkraft von 280 Millionen Euro; 225 Millionen davon befinden sich innerhalb der Stadt Rottenburg. Bis zum Jahr 2015 sei unter jetzigen Bedingungen nur ein leichter Zuwachs um 10 Millionen Euro zu erwarten. Insgesamt beabsichtigt die Stadt jedoch, bis zum Jahr 2020, die Kaufkraftbindung von derzeit 61 Prozent auf 106 Prozent zu steigern. Das entspräche mehr als einer Verdoppelung des Geschäftsumsatzes.

106 Prozent ist ein für Mittelzentren gewöhnlicher Wert (siehe Kasten). Für Rottenburg wäre es nach jahrzehntelangen vergeblichen Versuchen, solch eine Marke zu erreichen, allerdings ein riesiger Erfolg. Der Handels- und Gewerbeverein (HGV) ist laut Bormann in die Planungen einbezogen und einverstanden, solange keine Nebenzentren mit kleinflächigen Geschäften (etwa Malls) aufgemacht werden.

CDU-Stadträtin Gabriele Hagner zweifelte: „Seit 30 Jahren entwickeln wir Konzepte, und alle endeten in der resignierenden Feststellung, dass es nicht gelungen ist, mehr Kaufkraft zu binden.“ Sie wünscht sich, es gehe „ein Ruck durch die Rottenburger Bevölkerung“. Albert Bodenmiller (BfH) meinte, Erfolg versprechend sei es, bei den älteren Konsumenten anzusetzen, denn die Jungen „geben ihr Geld dort aus, wo es am billigsten ist“. Bormann widersprach, sich auf Untersuchungen berufend, teilweise: „Erstes Anlaufkriterium ist nicht, wo ist es günstig, sondern, wo ist es nahe dran.“ So habe Ergenzingen für sich allein inzwischen eine Bindungsquote vom 93 Prozent.

Emanuel Peter (Linke) regte an, dass die Geschäfte der anerkannten Fairtrade-Stadt Rottenburg fair gehandelten Produkte besser bewerben. Tobias Baur (FDP) bezeichnete den Einzelhandelsstandort Dätzweg als „absolut richtig“ und empfahl mit Blick auf entfernte Kurzzeit-Parkplätze im Zentrum, „die Bequemlichkeit der Kunden im Auge zu haben“. Ursula Clauß (Grüne) verglich Rottenburgs Geschäfte mit denen in Bruchsal und kam zum Ergebnis: „Von der Optik her sind wir einfach mickrig.“ Ursula Sieber (SPD) schließlich bat bei den angestrebten Geschäftsansiedlungen darauf zu achten, „dass die Innenstadt nicht ausblutet“.

Rottenburgs eklatanter Mangel an Kaufkraftbindung

Wie sehr es Rottenburg an Zentralität als Einkaufsstadt mangelt, belegte Gabriele Ostertag von der Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung (GMA) mit einem Vergleich von acht ´Städten zwischen 33 000 und 43 000 Einwohnern. Danach bindet Rottenburg 61 Prozent der in der Stadt und seinem (relativ kleinen ) Einzugsgebiet vorhandenen Kaufkraft.

Das klingt so, als fehlten 39 Prozent zum, Optimum. Als ausgewiesenes Mittelzentrum soll Rottenburg aber auch die Umgebung mit versorgen.

Wie ungewöhnlich weit die Stadt hinter den Vergleichsstädten liegt, zeigen deren Werte an Kaufkraftbindung: Backnang und Schwäbisch Hall haben jeweils 182 Prozent, Bruchsal und Crailsheim je 136 Prozent, Bietigheim-Bissingen hat 125 Prozent, Lahr 152 Prozent. Am nächsten bei Rottenburg liegt Schorndorf, zieht aber mit 112 Prozent der umliegenden Kaufkraft fast doppelt so viel an sich wie Rottenburg.

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23.09.2010, 12:00 Uhr

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