Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Sensibler Sprachmeister

Rottenburg würdigte Ehrenbürger Josef Eberle

In seinem Geburtshaus, der heutigen Kreissparkasse am Marktplatz, gedachte die Stadt Rottenburg am Dienstagabend des 25. Todestages von Josef Eberle. Zur Hommage an den Dichter, Publizisten, Mäzen und Ehrenbürger kamen an die 100 Menschen.

22.09.2011
  • willibald ruscheinski

Rottenburg. Wer die Sebastian-Blau-Gedichte kennt, sagte Kulturamtsleiter Karlheinz Geppert in seiner vom ausgezeichneten Bläserquintett der Musikschule umrahmten Würdigung, dem scheine eben dank dieser Verse das Rottenburg von Eberles Kindheit noch immer außergewöhnlich präsent: Jeden Moment könnte etwa die „Bürgerwach“ mit Pauken und Trompeten und rasselnden Säbeln ums Eck marschieren, was sie ja tatsächlich bis heute tut.

„Im Grunde erzählt er eine Geschichte, die sich dann plötzlich reimt – und dies in einem wunderbaren Rhythmus. Nie hat der Leser den Eindruck, Worte seien bei diesem ganz sensiblen Sprachmeister um des Reimes willen gewählt worden“, griff Geppert Hermann Bausingers Urteil über das mundartpoetische Werk Eberles auf. Der Autor selbst jedenfalls wusste sehr wohl um die Schwierigkeiten, die sich beim Schreiben in Mundart auftun, sagte der Kulturamtsleiter und zitierte ihn: Jeder, der in Dialekt zu schreiben versucht, habe „vor dem Ergebnis das Gefühl der Unzulänglichkeit. Ein solches Unterfangen bleibt immer ein Notbehelf, eine Eselsbrücke, die zum Lesen, Sprechen und Vortragen hinführen sollte.“

Ein überaus farbiges Bild Rottenburgs

Dabei habe Eberles Mutter doch dafür sorgen wollen, dass ihr Sohn „spricht und nicht schwätzt“, merkte Rezitator Peter Nagel an. Er brachte eine Auswahl aus 50 Jahren Sebastian Blau zum Klingen, nicht zuletzt Gedichte aus den frühen 1930-ern, mit denen Eberles schwäbisches Alter Ego Sebastian Blau einen früh vollendeten Einstand gab. Noch heute frappieren sie durch die Genauigkeit der Beobachtung, das überaus farbige Bild, das er von Rottenburg zeichnet – und den halb sympathisierenden, halb karikierenden Humor, den er den Akteuren angedeihen lässt.

Wenngleich ins Beschauliche abgemildert, hallt darin auch noch etwas vom weltläufig-kritischen Satiriker nach, als der Eberle wenige Jahre zuvor unter Pseudonymen wie Tyll Verse und Feuilletons im Ton eines Kurt Tucholsky verfasst hatte. Weil eine Gesamtausgabe dieses Frühwerks gerade erschienen ist (wir berichteten), legte Karlheinz Geppert in seinem biographischen Abriss von Eberles Karriere einen Akzent gerade auf den seltsamen Stil- und Sinneswandel in dessen früher Produktion, ihn mit der „Echternacher Springprozession“ vergleichend.

Tatsächlich, so Geppert, unternahm Eberle seine Gehversuche im Rottenburger Idiom schon mitten in den Wanderjahren als Buchhändler. 1920 schickte er erste Verse an August Lämmle, damals Maß der Dinge in puncto schwäbische Mundartdichtung. Der reichte einen Vierzeiler zur Veröffentlichung weiter und riet dem Talent ansonsten: „Begnügen Sie sich nicht mit einem Ungefähr, feilen Sie an ihren Gedichten so lange, bis Sie selber das Gefühl haben: Jetzt ist es gut.“

Auch schon im September 1921 druckte die „Rottenburger Zeitung“ einen Beitrag Eberles ab, in dem der 20-Jährige über schwäbische Mundart nicht nur philosophierte. Sondern bereits allerhand selbst gesammelte „Rottenburgismen“ ausbreitete – von „Brazzlen“ und „Bocklen“ bis zum „Onkel Romuff“, als der galt, wer bei Familienfesten die Platte leere.

Geppert erinnerte auch daran, dass Eberle, dem ein Abitur aus Geldmangel nicht vergönnt gewesen war, selbst in seiner linksliberalen Phase ausgangs der 1920-er Jahre die eigene Karriere fest im Auge behielt. „Was dich und auch mich, lieber Onkel, besonders freuen muss, ist die Tatsache, dass nunmehr die Herren Akademiker zu mir kommen müssen, wenn sie etwas wollen“, schrieb er 1927, als frischgebackener Leiter der Vortragsabteilung beim Süddeutschen Rundfunk, an Oskar Entress in Rottenburg: „Es war also doch nicht ganz für die Katz, mein Suchen und Lesen und unbefriedigt Sein und Rebellieren.“

Den poetischen Betrieb umgestellt

Sechs Jahre später war es damit vorbei: „Aus Gründen der politischen Betriebsumstellung“ sperrten die Nazis Eberle im März 1933 erst aus dem Funkhaus aus und dann zwei Monate im KZ auf dem Heuberg ein. Das Berufsverbot als Schriftsteller folgte 1936. Seinen „rationell betriebenen Schriftstellereibetrieb auf echte Heimattöne umgestellt“, wie seine Weggefährten von der linken „Sonntags-Zeitung“ spotteten, hatte Josef Eberle aber bereits 1930. Was wirklich den Ausschlag dafür gab, bleibt weiterhin offen.

Info Einen ganzen Abend nur mit Sebastian-Blau-Gedichten gibt es am kommenden Samstag, 24. September, um 19 Uhr im Sudhaus der Gaststätte „Hirsch“. Mitwirkende sind Rita Biesinger, Eckart Frahm, Walter Gillessen, Rosemarie Heumesser, Evi Noll, Andreas Weber und Rolf Schorp.

Rottenburg würdigte Ehrenbürger Josef Eberle
Hören ist eben mehr als lesen: Sebastian-Blau-Rezitator Peter Nagel (im Bild links) ließ in der Kreissparkasse die schwäbischen Mundart-Gedichte von Josef Eberle (rechts) lebendig werden.Bild: Ulmer

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

22.09.2011, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball