Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Von Amazon abgehängt

Rottenburger Intro-Gesellschaft kann im Internet keine gebrauchten Bücher mehr verkaufen

Neun Jahre lang verkaufte der Rottenburger Integrations- und Tagesstrukturierungsbetrieb (Intro) gebrauchte Bücher über Amazon. Aber vor vier Monaten schaltete der Online-Versandhändler die Rottenburger plötzlich ab. Seither fehlt der gemeinnützigen Einrichtung ein lukrativer Beschäftigungszweig.

23.07.2015
  • Dunja Bernhard

Rottenburg. Im „Intro“-Büro an der Graf-Wolfegg-Straße liegt seit Ende März ein Stapel Bücher. Kunden aus ganz Deutschland hatten sie bei Intro bestellt. Aber sie konnten nicht mehr ausgeliefert werden.

Denn am 1. April schaltete der Internet-Versandhändler Amazon den Intro-Zugang zu seiner Verkaufsplattform einfach ab. Und so hatten die Mitarbeiter des Rottenburger Betriebs Im ehemaligen Oskar-Fischer-Gebäude keinen Zugriff mehr auf die Kundendaten.

Im August 2014 hatte Amazon die Richtlinien für Verkäufer geändert. Intro sollte Auszüge aus dem Vereinsregister, Personalausweise einiger Mitarbeiter und persönliche Rechnungen, mit denen deren Wohnort nachgewiesen wurde, nachreichen, sagt Intro-Geschäftsführer Rainer Mirbach. Die Schriftstücke durften nicht älter als acht Wochen sein und mussten online hochgeladen werden.

Die Rottenburger reichten die Nachweise bis zum 24. März ein. Wie weit deren Bearbeitung fortgeschritten war, konnte Waltraud Blei, festangestellte Intro-Sekretärin, online verfolgen – bis zum 1. April. Seitdem hat Intro keinen Zugriff mehr auf seinen Account.

Bücher auswählen und bewerten

Seit nunmehr über drei Monaten warten Waltraud Blei, Petra Stiegeler und zwei weitere Mitarbeiterinnen darauf, dass sie ihre Arbeit fortsetzen können: Gebrauchte, in Kisten angelieferte Bücher sortieren, den Zustand begutachten und bei Amazon nach einem Richtpreis gucken.

Wenn die Aussicht besteht, mehr als ein paar Cents für das Buch zu bekommen, verfassen die Mitarbeiterinnen Beschreibungen und stellen das Buch auf der Internetseite ein. 10 bis 20 Bücher habe Intro täglich verkauft, sagt Mirbach. Nun scheint die Arbeit von Jahren zerstört.

Amazon listet auf seiner Internet-Seite zunächst Millionen druckfrischer Bücher auf, die der Internet-Riese selbst verkauft. Aber Kunden können auch weiterklicken zu „anderen Angeboten“ – das sind meist gebrauchte Bücher, die Privatpersonen oder andere Händler auf eigene Faust verkaufen – manchmal nur für wenige Cents.

Waltraud Blei zuckt nur traurig mit den Schultern. Sie hatte vor neun Jahren die Idee, es mit dem Bücherverkauf über Amazon zu versuchen. Seitdem leitet sie dieses „Intro“-Projekt. „Ich weiß auch nicht warum, wir gesperrt sind“, sagt sie. Die vergeblichen Versuche, von Amazon per E-Mail eine Antwort zu bekommen, füllen schon einen Aktenordner.

Für Käufer gebe es etliche Kunden-Hotlines, sagt Mirbach. „Aber versuchen Sie mal, als Verkäufer mit Amazon Kontakt aufzunehmen.“ Wenn das Konto gelöscht ist, sei das fast nicht möglich.

Amazon hat beinahe das Monopol

Vor drei Wochen rief dann doch eine Mitarbeiterin von Amazon bei Mirbach an. Sie machte Mirbach wenig Hoffnung, dass Intro unter dem alten Account wieder verkaufen könne. Sie gab jedoch den Tipp, Intro unter einem neuen Namen wieder bei Amazon als Verkäufer anzumelden.

Dann müssten die Mitarbeiterinnen allerdings alle Bücher noch einmal neu einstellen. Etwa 10 000 Büchern hatte Intro zuletzt bei Amazon eingestellt. „Das dauert Jahre, bis wir das Niveau wieder erreicht haben“, sagt Mirbach.

Rund 15 000 Euro nahmen die Rottenburger jährlich über den Bücherverkauf bei Amazon ein. Eine wichtige Einnahmequelle für den gemeinnützigen Betrieb mit ungeführ zwanzig Arbeitsplätzen.

Der Ausfall gefährde das ganze Intro-Projekt, sagt Mirbach. „Wenn ein Teil wackelt, wackelt alles.“ Neben selbsterwirtschafteten Geldern erhält Intro Zuschüsse von der Arbeitsagentur und aus dem Europäischen Sozialfonds.

Der Geschäftsführer hat sich nach Alternativen zu Amazon umgesehen. Bei anderen Online-Portalen, wie Booklookers, sei einfach nicht so viel umzusetzen, sagt er. Eine weitere Überlegung war, eine eigene Internet-Seite aufzuziehen. Doch welcher Buchkäufer würde schon ausgerechnet auf der Intro-Seite nach gebrauchten Büchern suchen?

Rückweg in den normalen Arbeitsmarkt

Die Mitarbeiterinnen an den vier Computer-Arbeitsplätzen im Intro-Büro kümmern sich ausschließlich um den Buchverkauf bei Amazon. Sie seien zum Teil hoch qualifiziert, sagt Mirbach. Ein Schicksalsschlag oder eine Erkrankung hat sie aus der Bahn geworfen. Für den so genannten ersten Arbeitsmarkt (also für reguläre Festanstellungen bei einer normalen Firma) war daraufhin ihr Selbstvertrauen oder ihre Belastbarkeit nicht ausreichend.

Mit Ein-Jahres-Verträgen bekommen sie bei Intro die Chance, wieder im Arbeitsleben Fuß zu fassen. „Wir haben gerade eine Mitarbeiterin in die normale Arbeitswelt vermittelt“, sagt Mirbach.

Petra Stiegeler setzt nach einem Jahr, in dem sie für zwei Euro die Stunde Bücher bei Amazon einstellte, die Arbeit ehrenamtlich fort. Bis Ende März checkte sie jeden Tag im Amazon-Zugang, welche Bücher bestellt worden waren. Diese Exemplare wurden dann im Lager gesucht, in Luftpolsterfolie verpackt, adressiert und zur Post gebracht. Die Käuferbewertungen seien zu 97 Prozent positiv gewesen, sagt Mirbach. „Da sind wir hinterher gewesen.“

Seit April können die vier Frauen nicht mehr viel tun. Sie durchforsteten alle mit Büchern gefüllten Kartons im Lagerraum und legten die zur Seite, die sich für einen Verkauf eignen würden. Der nächste, gewohnte Arbeitsschritt bleibt ihnen verwehrt. „Spätestens Ende Juli habe ich für sie keine Arbeit mehr“, sagt Mirbach. Wie es dann weitergeht, weiß er noch nicht.

„Das war mein Leben“, sagt Petra Stiegeler später vor der Tür mit Tränen in den Augen. Sie macht sich selbst Mut: „Es muss weitergehen.“

Rottenburger Intro-Gesellschaft kann im Internet keine gebrauchten Bücher mehr verkaufen
Mit einem Klick hat Amazon ihre Arbeit zunichte gemacht: Die Informationen über viele Tausend gebrauchte Bücher hatten Petra Stiegeler (links) und Waltraud Blei ins Internet gestellt. Doch seit April hat die gemeinnützige Beschäftigungsgesellschaft Intro keinen Zugang mehr zu ihrem Verkäuferkonto bei Amazon. Damit sind diese Informationen verloren, und Intro kann keine Bücher mehr verkaufen.Bild: Bernhard

Das TAGBLATT bat auch Amazon um eine Stellungnahme. Die Firma wolle „einzelne Fälle aufgrund von Datenschutz nicht öffentlich diskutieren“, teilte der Public Relations Manager von Amazon Deutschland Christian mit.

In der Nutzungsvereinbarung für Verkäufer heißt es: „Wir (Amazon) behalten uns das Recht vor, den Dienst (…) jederzeit aus irgendeinem Grund zu verweigern oder einzustellen oder das Konto jederzeit aus irgendeinem Grunde zu schließen.
Als Voraussetzung für die Bereitstellung des Dienstes (…), können wir von Ihnen verlangen, uns zusätzliche Informationen zur Überprüfung Ihrer Identität und/oder der Identität Ihres Unternehmens mitzuteilen.
Wir können sowohl direkt als auch über Dritte jegliche Erkundigungen einziehen, die uns zur Nachprüfung der uns von Ihnen mitgeteilten Informationen notwendig erscheinen, einschließlich der Abfrage gewerblicher Datenbanken oder Kreditauskünfte.“

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

23.07.2015, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball