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Umbauen und Umsteigen

Rottenburger SPD stritt über Stuttgart 21

Fast 60 Leute kamen am Dienstag zur SPD-Debatte über den geplanten Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs. Im Publikum überwogen die Gegner.

30.09.2010
  • michael hahn

Rottenburg. Über so viel Interesse kann sich die Rottenburger SPD selten freuen: Fast 60 Leute kamen am Dienstag ins Bürgerwachheim, die Mehrzahl davon im Rentenalter. Die meisten waren Sozialdemokraten, aber auch etliche unabhängige Zuhörer waren da. Im Kreis Tübingen war es die erste öffentliche Pro- und Contra-Veranstaltung zu „Stuttgart 21“ (S 21) überhaupt. In Tübingen hatte die dortige Attac-Gruppe zeitgleich zu einer Infoveranstaltung für „S 21“-Gegner geladen.

Im Rottenburger Ortsverein ist „S 21“ ebenso umstritten wie in der gesamten Landespartei – und wie in der Gesellschaft überhaupt. Das Publikum beteiligte sich äußerst rege an der Diskussion (rund 20 Wortmeldungen). Dabei überwogen eindeutig die Gegner.

Die Tübinger SPD-Landtagsabgeordnete Rita Haller-Haid befürwortet „S 21“. Das war nicht immer so, sagte sie zu Beginn ihres Kurzvortrags. „Meine Grundhaltung war: Großprojekte mag ich nicht.“ Doch dann habe sie sich mit der Alternative beschäftigt, mit der Ertüchtigung des Kopfbahnhofs („K 21“). Da funktioniere die Verknüpfung mit der (mittlerweile ebenfalls umstrittenen) Schnellbahntrasse nach Ulm nicht.

In anderen Bundesländern werde viel Geld in den Zugverkehr investiert, sagte Haller-Haid. „Wir müssen alles dafür tun, dass wir in Baden-Württemberg auch mal dran sind. Unsere Schienen sind verlottert.“

Der Stuttgarter Kabarettist Peter Grohmann („Die Anstifter“) ist einer der bekanntesten „S 21“-Gegner. Der 73-jährige sprach mehrmals von „unserer Partei“, obwohl er schon 1961 als „Linksabweichler“ aus der SPD ausgeschlossen worden war.

Grohmann hält die Kosten von „S 21“ und Neubaustrecke für nicht kontrollierbar. „Alle Projekte, die die Bahn je gemacht hat, sind teurer geworden und haben länger gedauert“ als zunächst angegeben. Während des Umbaus müssten die Stuttgarter „20 Jahre auf einer Baustelle leben“. Und danach müsse jeder ICE-Fahrgast 30 Kilometer lang durch den Tunnel fahren, anstatt sich am Anblick einer „wunderbaren Stadt“ zu erfreuen, mit ihren Weinbergen und Mineralquellen.

„S 21“ sei in Wahrheit kein Verkehrsprojekt, sondern ein „riesiges Immobiliengeschäft“, sagte Grohmann. „Die Leute, die jetzt dafür werben, haben jahrelang die Bahn vernachlässigt. Das sollte uns skeptisch machen.“

Die Diskussion drehte sich um Themen wie die Stuttgarter Stadtentwicklung, die Rolle des Güterverkehrs, das Misstrauen gegen Politiker und eine mögliche Bürgerbeteiligung. Ulrich Urban vermisste ein „Mobilitätskonzept für die Zukunft“ bei der SPD: „Warum nicht den Nahverkehr priorisieren statt den Fernverkehr?“

Mehrere Redner/innen befürchteten Verschlechterungen für die Region. Derzeit kann man von Rottenburg ohne Umsteigen über Tübingen bis nach Stuttgart fahren. Doch Dieselzüge dürfen in den künftigen Tunnelbahnhof nicht mehr einfahren, deswegen wird man vorher umsteigen müssen. „Das ist eine Verschlechterung für uns“, sagte Ursula Kuttler-Merz. Auch die Ergenzinger Gäubahn-Züge werden nicht mehr bis zum Hauptbahnhof fahren.

Haller-Haid sieht den künftigen Flughafen-Bahnhof dagegen als einen großen Vorteil. „Für uns im Süden (von Stuttgart) ist es eine Chance, dass wir einen ICE-Bahnhof in der Nähe haben.“ Die SPD-Abgeordnete gab sich überzeugt: „Stuttgart 21 wird die Elektrifizierung (der Nahverkehrslinien) voranbringen und damit die Chancen für eine Regionalstadtbahn erhöhen.“

Das hielt Grohmann für Traumtänzerei. „Kein anderes Verkehrsprojekt wird finanziert werden, wenn Stuttgart 21 einmal läuft. Die Elektrifizierung oder ein zweites Gleis für die Gäubahn – das wird nicht mehr gehen.“

Der Wurmlinger Bernhard Groß fragte, was ein Ausstieg aus „S 21“ kosten würde. Haller-Haid sprach von 1,4 Milliarden Euro, Grohmann von einer halben Milliarde. Dorothee Märkle erklärte die Differenz: Die Bahn habe 500 Millionen Euro für ihre Grundstücke kassiert. Die müsse sie dann mit Zinsen an die Stadt Stuttgart zurückzahlen. Märkle: „Das ist kein Verlust, sondern eine Rückabwicklung.“

Ob Haller-Haid und Grohmann denn auch Gemeinsamkeiten benennen könnten, fragte Moderator Hermann Steur zum Abschluss. Da waren sich die beiden schnell einig: „Baustopp und Volksbefragung.“ Archivbild: Metz/Privatbild

Rottenburger SPD stritt über Stuttgart 21
Rita Haller-Haid

Rottenburger SPD stritt über Stuttgart 21
Peter Grohmann

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30.09.2010, 12:00 Uhr

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