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Jugendlichen eine Chance geben / Abstimmung über Internet

Rottenburger für Ehrenamtswettbewerb der Landesregierung nominiert

Ernst Heimes und Aida Hasanovic betreuen, fachlich unterstützt von Ralf Perse, dem Leiter der Jugendgerichtshilfe Tübingen, einige straffällige Jugendliche. Darunter sind zwei junge Männer, die wegen des Raubüberfalls auf ein Rottenburger Goldankaufsgeschäft inhaftiert wurden. Heimes und Hasanovic haben nun die Chance, einen Ehrenamtspreis des Landes zu gewinnen.

02.10.2014
  • Jana Breuling

Rottenburg. Einer der Golddiebe ist inzwischen frei und berichtete dem TAGBLATT, wie er dank der ehrenamtlichen Helfer seine kriminelle Vergangenheit hinter sich ließ. Dunkle Augen, etwas verlegenes Lächeln: Wenn man den 19-jährigen Amin (Name geändert) ansieht, ist es schwer vorstellbar, dass er fast zwei Jahre im Gefängnis saß, weil er einst diesen Raubüberfall beging. Der 19-Jährige sitzt bei Ernst Heimes in der Stube und erzählt von seiner Zeit aus dem Gefängnis. Wie ihn seine Bekannten Ernst Heimes und Aida Hasanovic in der schweren Zeit mit Briefen, Besuchen und kleinen Geschenken unterstützten. Und wie er überhaupt in diese Lage kam.

Seine kriminelle Vergangenheit begann, als er zwölf Jahre alt war. „Ich kam in den falschen Freundeskreis“, erzählt Amin, „damit hat alles angefangen.“ Auf Dorffesten in Weitingen, Bad Niedernau und Bieringen spürte der Tunesier Ausländerfeindlichkeit. Zu viel Alkohol, kombiniert mit kampflustigen Freunden, habe auch ihn dazu gebracht, Leute zu schlagen, erzählt Amin. „Ich ließ mich überreden und wollte dazugehören, außerdem hatte ich nicht viel Geld.“ So wurde der damals 17-Jährige in den Überfall auf das Rottenburger Goldankaufsgeschäft 2012 verwickelt – mit einer scheinbar für ihn harmlosen Aufgabe: „Ich wollte nicht die Rolle beim Raubüberfall, eine Frau zu bedrohen und ihr Geld zu nehmen“, erinnert er sich, „aber Schmiere stehen ein paar hundert Meter weg, schien okay.“ Er stand Schmiere.

Diese Entscheidung kostete Amin zwei Jahre seiner Freiheit. Er kam in Untersuchungshaft nach Ravensburg. „Es war furchtbar, doch ich gewöhnte mich daran“, sagt Amin. Er habe im Gefängnis in der Küche gearbeitet, stieg sogar rasch zum Capo auf und sorgte dafür, dass rund 700 Insassen ihr Essen bekamen. Amin bekam Briefe, von Ernst Heimes und besonders lange von Aida Hasanovic. „Aida schickte mir Briefmarken, damit ich antworten konnte“, sagt Amin. Zweimal im Monat durften sich die Insassen auf einer Einkaufsliste etwas bestellen. Amin erzählt, dass ihm Aida Hasanovic kleine Geldbeträge überwies, womit er sich Hygieneartikel kaufte. Hasanovic bat ihn auch einmal um Übersetzungshilfe, als sie an einem Buch über Tunesien arbeitete. Im Prozess begleitete Hasanovic die beiden Jugendlichen mit Ernst Heimes, der Amin seit Kindheitsjahren kennt.

Amins damaliger Komplize war beim Überfall im Goldankaufsgeschäft drin. Er ist noch in Haft. Er hatte seine Sozialstunden bei Ernst Heimes abgeleistet. Noch immer kontaktiert Heimes den Inhaftierten. Das Ehrenamt wurde zum Projekt. Straffällige Jugendliche zu einer neuen Perspektive inspirieren und ihnen helfen, einen Weg zurück in die Gesellschaft zu finden: Das ist das Hauptziel von Ernst Heimes, Aida Hasanovic und Ralf Parse, dem Leiter der Jugendgerichtshilfe im Landratsamt.

Heimes erklärt: „Ich engagiere mich, aber verliere mich nicht. Man muss Distanz wahren.“ Dieser Satz soll bekräftigen, dass die ehrenamtlichen Helfer die Taten der Jugendlichen nicht verharmlosen möchten. Doch sie wollen für sie da sein und ihnen helfen, sich zu ändern. „Es hat gut getan, dass jemand hinter mir steht“, sagt Amin. „Nach meinen Eltern besuchte mich Aida am meisten, und Herr Heimes besuchte mich auch.“

Seine kriminellen Freunde möchte Amin nicht mehr in seinem Leben haben. Inzwischen hat der 19-Jährige eine Ausbildung in einem Handwerksberuf begonnen und hat neue Perspektiven: „Vielleicht studiere ich mal Mechatronik. Oder ich mache meinen Meister.“

Rottenburger für Ehrenamtswettbewerb der Landesregierung nominiert
Ernst Heimes und der 19-jährige Amin (Name geändert). Bild: Breuling

  • Sie halten straffällige Jugendliche mit Briefen auf dem Laufenden und schicken Zeitungsartikel oder Fotos, um eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen. Ernst Heimes, Aida Hasanovic und Ralf Perse starteten 2012 das Projekt „Jetzt erst recht – Stärken aktivieren!“, Hasanovic reichte es zur Bewerbung ein. 35 von mehr als tausend angemeldeten Projekten stehen nun im Ehrenamtswettbewerb der Landesregierung „Echt Gut!“ zur Wahl.
  • >Wer gewinnt, entscheiden die Bürger/innen. Sie können bis zum 4. November im Internet unter www.echt-gut-bw.de für ihre Favoriten abstimmen. Die Projekte mit den meisten Stimmen gewinnen Preise bis zu 4000 Euro. Die Gewinner werden am 5. Dezember im Neuen Schloss in Stuttgart bekanntgegeben.

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02.10.2014, 12:00 Uhr

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