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Frühere Todfeinde leisten Friedensarbeit

Rottenburgerin Christina Förch Saab hat die Geschichte ihres Mannes im libanesischen Bürgerkrieg verfilmt

Christina Förch ist in Rottenburg aufgewachsen. Seit 14 Jahren lebt sie in Beirut. Dort ist die 45-jährige Journalistin mit einem früheren Miliz-Kommandeur verheiratet. Am Sonntag (4. Januar) zeigt Förch ihren Dokumentarfilm „Che Guevara starb im Libanon“ im Waldhorn-Kino.

02.01.2015
  • MicHael Hahn

Rottenburg. Christina Förch ging in den 1980er Jahren aufs Eugen-Bolz-Gymnasium. Ihre (mittlerweile pensionierten) Eltern unterrichteten ebenfalls am EBG und an der Hohenbergschule. Christina sang in der Mädchenkantorei und im Domchor. Und – es war die Zeit der Pershing-Raketen – sie engagierte sich in der Friedensbewegung. Man traf sich regelmäßig zu einem überkonfessionellen „Schweigekreis“ auf dem Marktplatz, erinnert sich Förch, und ging danach zum Diskutieren ins Café.

Mit 17 verabschiedete sie sich aus Rottenburg. Ihr Abitur legte sie in Kanada ab, später studierte sie in Tübingen und – kurz nach dem Mauerfall – in Berlin, arbeitete als Journalistin, war mehrmals in Lateinamerika, wurde arbeitslos.

Dann erhielt sie ein einjähriges Auslandsstipendium für Journalisten. Das Land konnte sie sich frei aussuchen. „Lateinamerika kannte ich schon“, es sollte etwas Neues sein. Im Nahen Osten war vieles in Bewegung; doch im damals vom Bürgerkrieg zerrissenen Libanon gab es kaum deutschsprachige Korrespondenten. Sie dachte: „Da könnte ich mir eine Nische schaffen.“ Flog nach Beirut – und lebt immer noch dort.

Das liegt unter anderem an Ziad Saab, einem imposanten und charmanten ehemaligen Bürgerkriegs-Kommandeur. Als 17-jähriger Kommunist – also in dem Alter, in dem Christina Förch nach Kanada aufs Internat ging – ernannte ihn die Kommunistische Partei zum Regionalkommandeur ihrer Miliz. Saab befehligte in den kommenden 15 Jahren zahlreiche – auch kriegsentscheidende – Operationen und blutige Schlachten. Damals kämpften die verschiedenen religiösen und politischen Gruppen im Libanon gegeneinander, in immer wieder wechselnden Allianzen, und immer wieder angefacht von ausländischen Interventionen, vor allem durch Syrien, Israel und die USA.

Förch lernte Saab über einen gemeinsamen Bekannten in Beirut auf einer Demonstration kennen. Ein paar Jahre später heirateten sie.

Die Liebesgeschichte des ungleichen Paares ist ein roter Faden des Dokumentarfilms, den Förch am Sonntag in Rottenburg zeigt. Die junge Rottenburgerin, die in der Wendezeit nach Berlin zieht und dort die Nächte mit Techno-Musik und viel Caipirinha durchtanzt (Rottenburg selbst kommt im Film nur am Rande vor, als „konservative Kleinstadt in Süddeutschland“). Und der kriegsmüde Kommandeur, der zur selben Zeit die Waffen nieder legt und als Zivilist die früher fast unüberwindliche grüne Grenze zwischen West- und Ost-Beirut überschreitet.

Im Film diskutieren die beiden über ihre unterschiedlichen Vergangenheiten, besuchen Schauplätze des libanesischen Bürgerkriegs ebenso wie das Thälmann-Denkmal am Prenzlauer Berg.

Ziad Saab beschreibt seine Abkehr von militärischer Gewalt: Im Nachhinein erscheint der Bürgerkrieg mit seinen schätzungsweise 150 000 Toten (bei einer Bevölkerung von damals vier Millionen) vollkommen absurd und sinnlos. Und seine Abkehr von der Kommunistischen Partei. Im Film erscheint sie als autoritärer Verein, der beispielsweise seinen Mitgliedern vorschrieb, welche Bücher sie lesen sollten – und vor allem: welche nicht. „Die KP hat bis heute ihre Rolle im Bürgerkrieg nicht aufgearbeitet“, sagte Saab im Gespräch mit dem TAGBLATT.

So gründete er 2005 gemeinsam mit anderen Dissidenten die „Demokratische Linke“, die seither auch im Parlament vertreten ist. Die Versöhnungsarbeit wurde immer wichtiger, als 2005 und 2006 der Bürgerkrieg wieder aufzuflammen drohte. Bombenattentate, syrische Einmischungsversuche. Doch die Libanesen hatten genug: Anderthalb Millionen Menschen kamen damals zu einer riesigen Friedenskundgebung in Beirut. Saab demonstrierte gemeinsam mit seinen früheren Bürgerkriegs-Gegnern. Für Förch war es „einer der glücklichsten Tage meines Lebens“.

Mittlerweile hat sich das Ehepaar ganz der Versöhnungsarbeit verschrieben. Sie organisieren Diskussionen und Filmprojekte mit Schülern; Geld dafür bekamen sie unter anderem vom deutschen Außenministerium. Vor allem Ziad Saabs gemeinsame Auftritte mit ehemaligen Widersachern hinterlassen einen starken Eindruck.

Haben die beiden dabei keine Angst? Vor kurzem habe er im Südlibanon in einer Schule gesprochen, erzählt Saab. Das Gebiet wird bis heute von der schiitischen Hisbollah kontrolliert – früher die Todfeinde der Kommunisten. Da sei ihm schon ziemlich mulmig gewesen. Aber dann zeigte sich: Die Diskussion mit den Schülern war die beste, die er je geführt hatte. „Das hat auch mir wieder mal gezeigt: Man sollte keine Vorurteile haben.“

Auch Christina Förch befürchtet keinen neuen Bürgerkrieg, trotz der nahen syrischen Katastrophe. Aber ein bisschen beruhigt es sie doch, dass die Schule ihrer Tochter Carla nur zwei Minuten entfernt von zu Hause ist. „Da kann ich sie schnell abholen, wenn etwas passiert.“

Nach dem TAGBLATT-Gespräch am Metzelplatz ziehen die drei los in den verschneiten Rottenburger Winterabend. Sie wollen noch ins Café Roma im Waldhorn, zum Kaffee trinken und Eis essen, sagt Förch: „wie früher“.

Rottenburgerin Christina Förch Saab hat die Geschichte ihres Mannes im libanesischen Bürgerkrieg
Zu Besuch in der TAGBLATT-Redaktion: Christina Förch Saab und ihre Tochter Carla. Die Achtjährige spricht dreieinhalb Sprachen (Arabisch, Deutsch, Englisch fließend und ein bisschen Französisch), die Mutter sogar sieben (zusätzlich noch Spanisch, Portugiesisch und Italienisch).Bild: Hahn

Rottenburgerin Christina Förch Saab hat die Geschichte ihres Mannes im libanesischen Bürgerkrieg
Christina Förch Saab hat einen politisch-persönlichen Rückblick auf den libanesischen Bürgerkrieg (1975 bis 1990) gedreht, ausgehend von der Biografie ihres Mannes Ziad Saab. Er war Regionalkommandeur der Miliz der Kommunistischen Partei. Das Ehepaar Saab ist heute in Friedensprojekten aktiv.Bild: Tartugo Films

Der Dokumentarfilm „Che Guevara starb im Libanon“ läuft am Sonntag, 4. Januar, um 11 Uhr im Rottenburger Waldhorn-Kino. 80 Minuten, gesprochen Englisch und Arabisch, mit englischen Untertiteln. Der Film lief vor zweieinhalb Jahren auf den Arabischen Filmtagen in Tübingen. Die Regisseurin Christina Förch Saab und ihre Familie sind im Waldhorn anwesend und werden anschließend mit dem Publikum diskutieren (auf Deutsch).

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02.01.2015, 12:00 Uhr

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