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Platzverbot spontan erfüllt

Rottenburgs Verwaltungsspitze verließ beleidigt die Kiebinger Bürgerversammlung

Kiebingens Bürgerversammlung am Montag wurde zum Eklat: Die drei Bürgermeister Stephan Neher, Volker Derbogen und Thomas Weigel sowie zwei Gemeinderäte verließen die Sülchgauhalle aus Protest.

03.11.2015
  • Andreas Straub

Kiebingen. Kurz vor 21 Uhr knallte die Tür. Bevor der erste Redebeitrag eines Kiebingers bei der Bürgerversammlung beendet war, verließ die Rottenburger Verwaltungsspitze fluchtartig den Saal. Oberbürgermeister Stephan Neher, Finanzbürgermeister Volker Derbogen und Baubürgermeister Thomas Weigel schnappten ihre Mäntel und gingen – ohne ein Wort. Im Foyer brüllte Neher zur Ortsvorsteherin Elisabeth Schröder-Kappus noch etwas von einem „Tribunal“. Etwa 250 Kiebinger Bürger schauten verdutzt.

Nachmittags beim Ortsrundgang von Verwaltungsspitze, Ratsleuten und interessierten Bürgern waren ortsbezogene Themen geradezu harmonisch erörtert worden. Es folgten Besprechungen mit Vereinen und Gewerbetreibenden. Die Bürgerversammlung am Abend begann mit Vorträgen von Schröder-Kappus und Neher ruhig. Nach kurzer Pause begann die Bürgerfragestunde. Erst traute sich keiner, dann ging Reinhold Geiger von der Interessensgemeinschaft B 28 (IG) ans Mikrofon, einen Zettel in der Hand haltend.

„Sie sind hier in Kiebingen und nicht im Europa-Parlament“, schleuderte er Neher, der in seinem Bericht ausführlich auf die Flüchtlingssituation eingegangen war, entgegen. Die geplante Bundesstraße 28 neu, die Kiebingen so zu schaffen macht, habe Neher nur gestreift. Überhaupt seien Stadtverwaltung und Gemeinderat in dieser Sache untätig gewesen. „Egal welchen Vorschlag wir gemacht haben“, sagte Geiger, „alles wurde immer nur abgelehnt.“ Überall sehe er Tunnels und Tieferlegungen, nur in Kiebingen sei das nicht möglich. „Sind Sie eigentlich ein OB nur für die Kernstadt?“, fragte Geiger. Von den Ortschaften – er nannte die Mehrzweckhallen in Dettingen und Wendelsheim – werde bei Neubauten 20 Prozent Eigenleistung erwartet. Bei der Volksbank-Arena habe man drei Prozent als große Leistung gefeiert.

Vor seiner Wahl zum OB habe Neher angekündigt, die B 28 zur Chefsache zu machen. Geiger, der Betriebsratsvorsitzender bei Hüller Hille (heute MAG Corcom) war, sagte, er habe 50 Jahre gearbeitet: „Ich bin froh, dass ich nie so einen Chef hatte.“ Er warf den Verantwortlichen vor, die „Sache auszusitzen“. Der gesamten Führungsriege der Stadt und dem Gemeinderat würde er am liebsten ein „Durchfahrtsverbot“ in Kiebingen geben, ähnlich einem „Platzverbot“. Die Kiebinger in der Halle lachten und klatschten. Geiger redete weiter, doch Neher stand auf und stürmte als erster an den sitzenden Kiebingern vorbei. Seine beiden Stellvertreter folgten.

Derweil trat Stadtrat Peter Cuno (WiR) ans Mikrofon und rief: „Ich protestiere!“ Dies sei eine Fragestunde, solche Redebeiträge seien nicht vorgesehen. Er verbitte sich, derart ungerechtfertigt angegriffen zu werden. Zusammen mit Hermann Sambeth (CDU) verließ auch er die Halle.

Die Kiebinger und ihre Ortsvorsteherin blieben verdattert zurück. Schröder-Kappus fing sich schnell und sagte: „Herr Neher und seine Bürgermeister lassen sich nicht festhalten.“ Es gelang ihr, die Anwesenden zu beschwichtigen. Der Angriff auf Verwaltung und Gemeinderat sei nicht gut für das Klima zwischen Ortschaft und Stadt, auch nicht für künftige Projekte. „Wir sind ein Teilort von Rottenburg“, sagte Schröder-Kappus. „Es ist nicht richtig, dem OB die alleinige Verantwortung für die B 28 zu geben.“ Viele Initiativen seien in dieser Sache gescheitert. „Wir haben verloren. Aber wir haben alle verloren“, erklärte Schröder-Kappus. „Wir sind nicht gehört worden, nicht in Berlin und nicht in Stuttgart.“

Die Ortsvorsteherin ließ weitere Bürger zu Wort kommen. Einige unterstützten Neher und äußerten Verständnis für dessen abrupten Abgang. Ottmar Raidt, Mitglied der IG und früherer Ortsvorsteher, hingegen sagte, das sei eine Bürgerversammlung und man habe das Recht, die Verwaltung zu kritisieren. Er habe kein Verständnis für den Abgang der Stadtspitze. Stadtrat Alfons Heberle (FB) sagte mit Blick auf den OB: „Das hätte er aushalten müssen.“

Am Tag danach hielt sich Schröder-Kappus bedeckt. Neher sprach gegenüber dem TAGBLATT von einer „Spontanreaktion“. Der Bogen sei überspannt worden. Draußen, vor der Halle, hätten sich die Herren dann aber auch gefragt: „Was haben wir da jetzt gemacht?“ Als von einem „Platzverbot“ die Rede gewesen sei und Applaus aufbrandete, sei es ihm zu viel geworden, so Neher. „Das wollen wir gerne erfüllen“, habe er zu seinen Bürgermeistern gesagt.

Die Protestreaktion der Bürgermeister-Riege sei ein Signal gewesen, so Neher weiter. Die Stadt habe viel für Kiebingen getan, darunter das neue Feuerwehrhaus und das geplante neue Unterdorf. Beim Ortsrundgang habe man den Blick nach vorn gerichtet. Umso unverständlicher war dem OB dann der schriftlich vorbereitete Beitrag der IG B 28. Neher sagte: „Da war der respektvolle Umgang nicht mehr gewahrt.“


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