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Charles, Camilla und der Adelsstreit

Royaler Besuch bei den Rugby-Weltmeistern - Neuseeland gespalten in Haltung zur Monarchie

Neuseeland feiert sein Rugby-Nationalteam. Das ist Weltmeister geworden. Und streitet, ob die Spieler um Richie McCaw geadelt werden sollen. Da geht es fast unter, dass Prinz Charles und Camilla die Insel besuchen.

05.11.2015

Von SISSI STEIN-ABEL

Christchurch Es war ein Mistwettertag in Wellington. Regen, stürmischer Wind und Winterkälte statt Frühlingsgefühlen am anderen Ende der Welt. Wahrlich kein Tag für große Hüte, flatternde Röcke und zierliche Pumps. Und schon gar kein Wetter für Camilla, die, wie Kenner des britischen Königshauses am Morgen besorgt diskutierten, Angst vorm Fliegen hat. Die wackeligen Anflüge auf die Hauptstadt Neuseelands sind berühmt-berüchtigt.

Aber irgendwann sind Prinz Charles und Camilla, sie in einem wollweißen Mantel, mit Kopfschal und Handschuhen, dann doch gelandet. Ihr Staatsbesuch in der einstigen Kolonie wird allerdings nicht sonderlich beachtet. Die Ankunft kollidierte nämlich mit der Rückkehr der Rugby-Nationalmannschaft, der All Blacks, von der Weltmeisterschaft in England. Dort hat sie den Titel mit einem Final-Sieg über den Erzfeind Australien verteidigt.

Um einen Hauch von Euphorie auszulösen, hätte es schon einer Visite der königlichen Popstars William und Kate oder Harry bedurft. Das bejubelte Paar hatte sich mitsamt Baby George im April 2014 die Ehre gegeben, Harry war im vergangenen Mai da. Aber Charles und Camilla? 78 Prozent sagten in einer Umfrage des Fernsehsenders TV3, der Besuch der Royals interessiere sie nicht die Bohne.

Dabei repräsentiert Charles als künftiger britischer König und damit offizielles Staatsoberhaupt Neuseelands genau das, was im Land seit Wochen heiß diskutiert wird: Sollen Richie McCaw und Steve Hansen, der Kapitän und der Trainer der All Blacks, in den Adelsstand erhoben und zu Sir Richie und Sir Steve ernannt werden? Oder vielleicht auch noch Dan Carter, weil er der beste Spieler der Welt ist? Und alle Akteure, die sich in den Ruhestand verabschieden? Oder gleich die ganze Mannschaft? Manche schlagen sogar vor, aus McCaw gleich einen Lord Richie zu machen.

Es ist skurril, wie viele Neuseeländer es in Ordnung finden, dass jeweils an Neujahr eine fast inflationäre Vergabe von Adelstiteln stattfindet, obwohl die Inseln seit 1907 keine britische Kolonie mehr sind. Auf der einen Seite preisen sie ihr Land als Nation der Gleichheit an, in der keiner über dem anderen stehe; die Leute reden einander mit Vornamen an, inklusive Arzt und Rechtsanwalt. Auf der anderen Seite himmeln sie die Sirs und Dames an, die doch ein Synonym für Ungleichheit sind.

Die Labour-Regierung unter Helen Clark hatte die Vergabe von Adelstiteln 2000 als Relikt der Vergangenheit abgeschafft. Premierminister John Key hat sie 2009, nach seiner Wahl zum Regierungschef, wieder eingeführt. Wer in den titellosen neun Jahren lediglich einen Verdienstorden erhalten hatte, konnte rückwirkend einen Antrag auf Erhebung in den Adelsstand stellen.

72 Menschen haben davon Gebrauch gemacht - manche mit der Bitte, sie bloß nicht "Sir" zu nennen! Sogar der einstige Stellvertreter der ehemaligen Premierministerin Helen Clark, Michael Cullen, hat die Ehrung 2012 akzeptiert.

Mit dem Ritterschlag werden zwar auch Normalbürger für ihre menschenfreundlichen Verdienste ausgezeichnet. Die meisten aber sind Leute, die bloß ihre oft mit Millionengehältern entlohnten Jobs tun. Konsequent ist Key mit seinem Faible für die Adelstitel nicht, denn er will auch unbedingt eine neue Nationalflagge für Neuseeland. Die erste zweier Volksabstimmungen darüber findet vom 20. November bis 11. Dezember statt. Nicht ganz so eilig hat Key es damit, das Land in eine Republik zu verwandeln. Das werde zwar kommen, sagt er, es sei jedoch Sache einer künftigen Regierung.

Im Nachbarland Australien ist mit den Adelstiteln Schluss, seit der neue Premierminister Malcolm Turnbull sie in dieser Woche wieder abgeschafft hat - mit Zustimmung seines Kabinetts und von Königin Elizabeth II. Turnbull, ein Konservativer wie Key, sagte, solche Würden seien dem modernen Australien "nicht angemessen".

Das Land war seit 1982 (einige Bundesstaaten seit 1989) ohne Ritter und Damen ausgekommen, ehe Tony Abbott das System im März 2014 wiederbelebte. Aber es war auch Abbott, der das System am Nationalfeiertag im Januar 2015 der Lächerlichkeit preisgab: Er ernannte Prinz Philip im fernen England für dessen "Verdienste um Australien während der 62-jährigen Regentschaft der Queen" zum Ritter.

Turnbull ist überzeugter Republikaner. Aber er kann Amt und Überzeugung trennen, wenn Charles und Camilla nach ihrer einwöchigen Neuseeland-Visite für fünf Tage nach Australien weiterreisen. "Ich freue mich darauf, den Prinzen und die Herzogin zu begrüßen", sagt Turnbull. Seinem Amts- und Millionärskollegen Key, der in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs, steht noch immer schwärmerische Bewunderung ins Gesicht geschrieben, wenn er Berühmtheiten trifft. Ob das nun die Royals oder die All Blacks sind.

Traditionelles Begrüßungsritual der Maori in Neuseeland. Prinz Charles beim Hongi mit einem Stammesältesten, Camilla mit einer hohen Luftwaffen Offizierin. Fotos: afp

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Erstellt:
5. November 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
5. November 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 5. November 2015, 12:00 Uhr

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