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Rückendeckung vom eigenen Hemd

Die ersten Sonnenstrahlen holen mich bereits um sechs Uhr sanft aus dem Schlaf. Das nervige Gepiepse des Weckers entfällt. Wieder zeigt sich: Licht ist eben schneller als Schall. In den zusätzlichen drei wachen Stunden, die mir Hoch Annelie beschert, wälze ich mich von einer Seite auf die andere. Das Laken trage ich wie ein Superheld als ständiger Begleiter am Rücken.

02.07.2015
  • Maik Wilke

Der erste Versuch aufzustehen scheitert kläglich. Der schwummrige Kopf lässt keine voreiligen Schritte zu. Erstmal ein Schluck Wasser. Doch der Sprudel konnte sich der Zimmertemperatur von 30 Grad nicht entziehen. Das abgestandene Wasser fließt schal die trockene Kehle hinunter. Mir kommt ein Liedtext von Peter Fox in den Sinn: „Meine Stadt hat Fieber, sie tropft und klebt. Wir haben schwere Glieder, der Kopf tut weh.“ Problemlos lässt sich der von Fox auf Berlin bezogene Text aufs derzeit brutzelnde Schwabenland übertragen.

Vor der Haustür stellt sich mir eine gelbe Wand in den Weg. Die zusammengekniffenen Augen werden klein, die runzlige Stirn mit Schweißperlen eingedeckt. Nach fünf Minuten Gehweg in die Redaktion wäre eigentlich schon die nächste Dusche angebracht. Die Wetter-App vermeldet bereits 28 Grad, das nächste Sommerlied summt in meinen Ohren: „36 Grad – und es wird immer heißer.“ Bitte nicht.

Mittagspause. Warm essen muss heute mal nicht sein. Ein schneller Sprung zum Bäcker reicht völlig aus. Mitleidig, vor allem aber mit viel Respekt, beobachte ich die Bauarbeiter in der Straße. Sie klopfen, hämmern, schaufeln. Der feine Staub vom trockenen Schutt steht über ihnen in der Luft. Das eigene Büro mit Ventilator entwickelt plötzlich einen ungeahnten Charme.

Mit einer fließenden Bewegung nehme ich wieder auf meinem Stuhl Platz. Brain-Storming ist angesagt. Doch die leicht aufflackernden Ideen schmelzen sogleich dahin. Zeit für ein Eis. Wieder nach draußen. Dieses Mal aber gleich mit einem Termin verbunden. Schon beim Gedanken an lange Hose und Hemd läuft mir ein kalter Schauer den Rücken hinunter. Auch eine Art von Abkühlung. Das Anziehen der Jeans stellt eine Herausforderung da. Ermüdungsfalten im Stoff bringen mich ins Schwanken. Da macht es mir das Hemd schon leichter. Dafür haftet es beim Umhängen gleich an Arm und Schulter. Und wie viele Knöpfe dürfen eigentlich offen stehen?

Schon bei der Begrüßung zeichnen sich erste Flecken auf meinem Outfit ab. Doch mit meinem sonnigen Gemüt verzeihen mir das die Gesprächspartner sicher. Und ein Blick in die Runde verrät: Annelie bringt nicht nur meinen Körper zum Glühen. Fast schon wieder schade. Hatte ich mich doch für den Menschen gehalten, der am meisten unter der Hitze leidet. Das Gespräch plätschert vor sich hin. Plaudern wie ein Wasserfall? Nein danke. Mit strahlendem Lächeln verabschiede ich mich in den Feierabend. Die Dusche ruft. Vorher noch ein wenig Sport. Aber halt: Bei diesen Temperaturen sei Betätigung ungesund, hieß es. Gerne nehme ich die Ausrede an und lege mich ins Bett. Das Laken kuschelt sich liebevoll an mich. Es scheint, als habe es mich vermisst.

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02.07.2015, 12:00 Uhr

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