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Fünf Reden für fünf Dörfer

Rückschau auf 25 Jahre vereintes Kusterdingen

KUSTERDINGEN (us). „Wenigstens etwas Gutes kommt aus Tübingen“, sagte Landrat Albrecht Kroymann am Freitagabend in der Kusterdinger Turn- und Festhalle und meinte damit den Kreisarchivar Dr. Wolfgang Sannwald, der mit zu den fünf Rednern zählte, die zum Jubiläum 25 Jahre Kusterdingen auftraten.

27.03.2000

Zuvor hatte Bürgermeister Günter Müller die Gäste begrüßt: den Ersten Bürgermeister Gerd Weimer aus Tübingen, Wirtschaftsförderer Wolfgang Geisel und Baubürgermeister Winfried Engels aus Reutlingen. Auch Landtagsabgeordneter Hagen Kluck (FDP) war in sein altes journalistisches Revier zurückgekommen, anwesend waren zahlreiche alte und neue Gemeinderäte und Ortschaftsräte, sowie die alten und neuen Ortsvorsteher und Bürgermeister.

Was hatte den Landrat bewogen, den Kreisarchivar so zu preisen? Bei der Begrüßung hatte Bürgermeister Günter Müller in Richtungen Reutlingen betont, wie viel Geld aus dem gemeinsamen Wirtschaftsgebiet in die Kusterdinger Kassen fließe. In Richtung Tübingen stichelte er: „Hier ist das Herz Württembergs und hier sind die schwäbischsten der Schwaben, die geben uns nichts.“

Landrat Albrecht Kroymann erinnerte in seiner Rede noch einmal daran, wie die starke Härtengemeinde es verhindert hätte, dass der Landkreis Tübingen seine Selbständigkeit verlor, nachdem er im Laufe seiner Geschichte immer mehr nach Westen zurückgedrängt worden sei, um schließlich als kleinster Landkreis Baden-Württembergs doch bestehen zu bleiben.

Kroymann erinnerte an die Verflechtungen mit beiden Landkreisen, an die Deponie Schinderklinge hier, und das Industriegebiet Mark West mit seinen 2500 Arbeitsplätzen dort. Er schloss seinen Beitrag mit der Bemerkung, trotz stürmischer Gründungsphase habe sich das Gemeinwesen gut entwickelt.

Landtagsabgeordneter Hagen Kluck (FDP) hatte als TAGBLATT-Journalist seinerzeit den Begriff „Südstaaten“ geprägt, der noch heute die damals abtrünnigen Gemeinden Mähringen, Immenhausen und Wankheim bezeichnet. Er hielt seinen Redebeitrag kurz und prägnant: „Auch Claudia Schiffer soll eine Zangengeburt gewesen sein“, meinte der Landespolitiker. „Aus der Zwangsehe ist eine Vernunftehe geworden, in der zuweilen sogar Lust und Liebe aufkommt. Sie haben zwar nicht so viel Geld wie Reutlingen oder Tübingen, doch dafür können Sie es nach Ihren Wünschen ausgeben“, sagte er und ging von der Bühne, nicht ohne dem Gemeinwesen die Hilfe des Landes zu versprechen.

Kreisarchivar Dr. Wolfgang Sannwald machte auf die merkwürdigen Umstände aufmerksam, die zum Zusammenschluss der Raumschaften führte. 1966 hatte man einfach Schulkinder befragt, wohin sie zum Einkaufen fahren, zum Arzt oder beispielsweise zum Sport und daraus kommunale Verflechtungen erschlossen. Die wiederum waren Grundlage der anstehenden Kreisreform. Man hatte nicht bedacht, wie Sannwald nachweisen konnte, dass hier beispielsweise Lehrer einfach manipuliert hatten — und so sei oft bei der Festlegung von Oberzentren über den Daumen gepeilt worden. Er brachte auch ein paar markige Worte jener Tage wieder zu Gehör: „Tübingen darf nicht das Cannstatt Reutlingens werden“, so soll der damalige Landrat Oskar Klumpp gesagt haben, und der Reutlinger Landrat habe den Tübinger Beamten entgegengewettert: „Reutlingen braucht keinen Wasserkopf!“

Nachdem Harald Bauer vom Geschichtsverein Härten die Einzelheiten der Zwangsvereinigung der Härtengemeinden erläuterte (wir berichteten), betrat Bürgermeister Günter Müller noch einmal das Rednerpodium, um über die schwierige Zeit des Zusammenwachsens zu berichten. Er selbst war Reformopfer geworden und hatte seine Gemeinde Randegg an Gottmadingen verloren. Die Gräben hätten sich schwer zuschütten lassen, so der Bürgermeister, und vor allem war in dem nachfolgenden Namensstreit der große Fehler gemacht worden, das Gemeinwesen nun „Kusterdingen“ zu nennen, statt einen neutralen Namen zu suchen.

Überraschender Weise sei der Gemeinderat mit den neuen Verhältnissen nach der Vereinigung am ehesten klar gekommen, so Müller, doch „stand der Friede auf wackligen Beinen“. Mit Argusaugen habe man in den Haushaltsplänen darüber gewacht, ob nicht die eine Gemeinde mehr und die andere weniger bekommen hätte. Nachdem es hier keine Stiefkinder unter den Ortschaften gegeben hätte, habe die gute Ortsverfassung das Zusammenwachsen bewirkt, vor allem, weil das Erstberatungsrecht bei den Ortschaften geblieben sei, der Gemeinderat im zweiten Schritt die Entscheidungen der Ortschaftsräte diskutiert.

Die Gemeinde sei in den letzten 25 Jahren gut vorangekommen, trotz schwacher Finanzen, sie habe sich mit Maß und Ziel behutsam entwickelt und sie habe sich zwischen zwei starken Gemeinden behaupten können. Der Bürgermeister riet den Bürgern, sich auch weiterhin zuerst als Immenhäuser oder Mähringer zu fühlen und dann erst als Kusterdinger. Er rief zum Abschluss der Reden seine Bürger auf, sich aktiv an Politik und Gemeinwesen zu beteiligen.

Etwa zwei Stunden dauerte die Veranstaltung, die aufgelockert wurde vom Lindenbachbläserquintett unter Leitung von Dr. Martin Haardt und dem Jungen Chor Kusterdingen unter Leitung von Martin Koller, der Gospels und Spirituals mit exakter Phrasierung und stimmiger Chromatik auf die Bühne brachte.

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27.03.2000, 12:00 Uhr

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