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Ruf der Wildnis
Jack London im Jahr 1914. Foto: imago stock & people
Literatur

Ruf der Wildnis

Er schrieb immer vom Überlebenskampf. Aber die Schwachen waren ihm nicht egal. Vor 100 Jahren starb der Autor Jack London.

18.11.2016
  • GEORG LEISTEN

New York. Die Sache mit der Kartoffel kennt jeder: Kapitän Larsen, alias Seewolf, zerquetscht eine rohe Kartoffel, um dem verweichlichten Schreiberling, den der Zufall an Bord seines Schiffes gespült hat, zu zeigen, worauf es ankommt: darauf, der Stärkere zu sein. Obwohl sich die Machtlektion in der Kombüse gar nicht in Jack Londons Romanvorlage findet, sondern nur in der legendären ZDF-Verfilmung des „Seewolfs“ mit Raimund Harmstorf, scheint die Szene typisch für die Welt des US-Autors. Auf rauer See oder in Alaskas Wäldern, unter Goldsuchern und Glücksrittern durfte man keine Muskeln aus Kartoffelpüree haben.

Hundert Jahre nach Londons Tod klingt vieles nur noch nach zweidimensionalen Jungsträumen und Männermythen aus einer anderen, vorfeministischen Geschlechterordnung. Doch trotz des Abschieds vom maskulinen Rollenbild sollten die Leser des 21. Jahrhunderts seine Werke nicht vorschnell wieder zuklappen. Jack Londons Abenteurertum ist differenzierter, sein literarisches Schaffen experimentierfreudiger und vielseitiger, als man denkt.

Wer etwa weiß heute noch, dass er zu den Pionieren des Agentenromans gehört? Das Buch „Mord auf Bestellung“ blieb leider unvollendet, zum Jubiläum liegt es nun aber in deutscher Übersetzung vor. Die Handlung kreist um eine internationale Untergrundorganisation, die gegen üppiges Honorar die Beseitigung unliebsamer Politiker übernimmt: James Bonds „Spectre“ lässt grüßen! Der Schriftsteller Robert L. Fish hat Londons Fragment ergänzt, wobei er sich aber nur zum Teil auf Londons Skizzen für das Ende stützt.

Trotz der zwei Autorenhandschriften liest sich das Ganze recht gut, es ist spannend und für London ungewöhnlich ironisch. Nirgends hat man den Eindruck, ein Flickwerk in Händen zu halten. In den USA ist der Thriller von der Attentatsagentur bezeichnenderweise erstmals 1963 publiziert worden, dem Jahr des Kennedy-Attentats.

In die Welt der obersten Machtzirkel taucht auch ein anderes unbekanntes und noch prophetischeres Werk ein, „Die eiserne Ferse“ von 1907. Diese Antiutopie, Londons düsterstes Werk, nimmt mit beklemmender Präzision die totalitären Regime des 20. Jahrhunderts vorweg.

Wer war dieser facettenreiche Autor, der in 40 Lebensjahren ein voluminöses Oeuvre schuf und eigentlich John Griffith Chaney hieß? Den Erfolg beflügelte nicht zuletzt das kernige Pseudonym. Jack London klingt nach Kautabak, Hafenkneipe und Box-Club.

1876 als unehelicher Sohn eines obskuren Wanderpredigers geboren, muss er schon früh als Zeitungsjunge und in einer Konservenfabrik zum Familieneinkommen beitragen. Doch dazwischen findet er die Energie, sich autodidaktisch zu bilden – in Naturwissenschaften ebenso wie in Literatur und Philosophie.

Seine prägendsten Lehrer im Privatstudium werden Nietzsche und Darwin, jene Denker, für die sich der Mensch unter dem dünnen Kleid der Zivilisation nur unwesentlich vom Tier unterscheidet. Und die Zivilisation ist unter Kleinkriminellen und Tagelöhnern schon ziemlich weit weg. Ungestelzt und freischnäuzig, aber raffiniert in der Konstruktion berichtet Amerikas erster Starschriftsteller mit proletarischen Wurzeln von dem, was er in den Untiefen der Gesellschaft erlebt hat. Der Hunderoman „Ruf der Wildnis“ dann schilderte das Sich-Durchbeißen aus der Perspektive der Tiere.

In Deutschland hat London die gewerkschaftseigene Büchergilde in den 20er Jahren als Karl May der Arbeiterklasse populär gemacht. Denn im Gegensatz zu Wolf Larsen, seiner berühmtesten Figur, dachte London auch an die, die weniger Glück hatten. Er war Mitglied der Sozialistischen Partei Amerikas. In den erbittert geführten Arbeitskämpfen der Zeit ergriff er mit Artikeln und Flugblättern Partei für die Ausgebeuteten. Unter anderem verfasste er einen giftigen Text über Streikbrecher, aus dem mancher Gewerkschafter noch heute bei Tarifauseinandersetzungen zitiert.

Londons Ruhm im Amerika des frühen 20. Jahrhunderts erreichte ein Ausmaß, dass die Sozialisten ihn zum Präsidentschaftskandidaten machen wollten. Das war zu viel: London nahm 1907 Reißaus, er flüchtete mit seiner Yacht nach Tahiti.

Zwei Jahre lang blieb er weg. Aus den Reiseerlebnissen entstanden die „Südseegeschichten“, die unter dem Titel „Das Haus von Mapuhi“ soeben in Neuübersetzung erschienen sind. Vordergründig geht es um Schiffe im Sturm, Haiattacken, Schießereien zwischen Soldaten und Eingeborenen. In Wahrheit aber kritisiert London scharf die Kolonialisierung, so im traurigen letzten Kampf des Ureinwohners Koolau.

Denn Siegerprosa, amerikanische Lügenmärchen vom Aufstieg durch Knochenarbeit, hat Jack London, der aus den Gossen von San Francisco kam und zum bestbezahlten Autor seiner Zeit wurde, nie liefern wollen. Der Tragiker des heroischen Scheiterns wusste, dass die einsamen Wölfe am Ende arme Hunde sind.

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18.11.2016, 06:00 Uhr

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