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Freizeitpark

Ruhe nach dem Rummel

Winterpause in Tripsdrill: Die Besucher bleiben draußen, die Mitarbeiter putzen, pflegen und reparieren.

30.12.2016
  • ANDREAS CLASEN

Cleebronn. Die Wildwasserbahn ist ohne Wasser, der Parkplatz ohne Autos, ein Karussell ohne Passagiere. Dort, wo sonst Familien lachend in Kaffeetassen um eine riesige Kanne kreisen, liegen nur vertrocknete Blätter auf dem Boden. Dort, wo normalerweise Abenteuerlustige in der „Karacho“ kreischen, wenn sie in 1,6 Sekunden von 0 auf 100 Kilometer pro Stunde beschleunigt werden, ist kein Mucks zu hören. Stattdessen ragt die Achterbahn wie ein Stillleben aus verdrehtem Stahl in den grauen Dezemberhimmel.

Einem Freizeitpark im Winter, in diesem Fall Tripsdrill im Landkreis Heilbronn, wohnt eine besondere Atmosphäre inne. Wohl, weil seine Verwandlung so radikal ist. Ein Ort des Vergnügens, eine Kunstwelt, geschaffen, um tausende Menschen zu locken, zu unterhalten, für ein paar Stunden Spaß zu bereiten, liegt auf einmal still und halb verwaist dar.

Die Häuschen sind zugenagelt

Nur halb verwaist deswegen, weil hier und da zu sehen ist, dass Betreiber und Angestellte in dieser Jahreszeit doch nicht faulenzen dürfen. „Im Winter sind wir immer noch rund 80 Leute“, sagt Achim Wachter, „im Sommer mehr als 200.“ Der Marketing-Mitarbeiter führt durch den Park gerade an mit Brettern zugenagelten Häuschen vorbei. „Tripsdrill liegt ja hier in Cleebronn mitten in einer Weinbauregion und in den Häuschen zeigen Puppen den Besuchern, wie früher Wein hergestellt wurde“, sagt Wachter. „Über den Winter werden die Figuren aber ausgezogen und die Kleidung gewaschen, gerichtet und eingelagert bis zur nächsten Saison.“

Die Arbeit der eigenen Gärtnerei ist überall zu sehen. Eine Frau schneidet Sträucher zurück. Etliche Pflanzen wurden warm ummantelt, damit sie nicht erfrieren, Blumenkübel- und -beete gesäubert und umgegraben.

An der ältesten der vier Achterbahnen im Park, dem „Rasenden Tausendfüßler“, stößt Techniker Patrick Pfeiffer hinzu, und der 25-Jährige erklärt gleich, warum im Winter kein Betrieb möglich ist. „Das würde den Besuchern nicht nur wegen der Kälte keinen Spaß machen, sondern wäre auch für die Technik ein zu großes Risiko. Wir haben Hydraulikanlagen, und das Hydrauliköl wird bei Minustemperaturen dickflüssig. Es verklumpt, und dann gehen die Ventile kaputt.“

Aber auch ohne Betrieb wird Pfeiffer und seinen Kollegen im Winter nicht langweilig. Beim Waschzuber-Rafting wurde das Wasser abgelassen und die Anlage vom Schlamm befreit. Der Tüv schaut bald vorbei und so zerlegen sie in der „Karacho“-Werkstatt eifrig Wagen und prüfen Schweißnähte und Bolzen. Die intensivste Wartung verlangt die Holzachterbahn. „Sie ist wesentlich anfälliger, weil das Material so viel arbeitet, sich im Sommer ausdehnt und im Winter wieder zusammenzieht. In einer Senke haben sich nun Holzlager gelöst und das müssen wir bis zur neuen Saison richten – wahrscheinlich mit einer Stahlunterkonstruktion“, sagt Pfeiffer. „Ach, schauen Sie, der Chef ist auch unterwegs.“

Der Techniker blickt in Richtung einer Männergruppe, und wenig später ist Helmut Fischer schon da, der mit Bruder Roland Fischer die Geschäfte des Erlebnisparks führt. „Unser französischer Architekt ist hier“, sagt er, „mit dem schaffen wir schon zwanzig Jahre zusammen. Wir besprechen die nächsten zehn Jahre, wie es da weitergeht.“

730 000 Besucher im Jahr

Der Park verändert sich ständig und hat sich enorm entwickelt, seit in den 1920ern mit der Altweibermühle alles begann. Das Original ist zwar mal abgebrannt, aber ein Nachbau bildet bis heute Tripsdrills Wahrzeichen. „Auf einer Holzbretterrutsche sind die damals runter, bis die Hose durch war“, sagt Helmut Fischer. „Meine Oma hat noch erzählt, dass sich mancher Gast einen Spreißel geholt hat, der dann zu ihr ins Wohnzimmer gekommen ist, und sie hat den Splitter entfernt und als Entschädigung zwei Spiegeleier gemacht.“ Inzwischen gibt es rund 100 Attraktionen, die allein dieses Jahr etwa 730 000 Besucher lockten.

Viele der Gäste kommen dabei auch wegen des in Fußweite gelegenen Wildparadieses, das Andreas Fischer verantwortet. Er ist Helmut Fischers Neffe und Mitglied der Geschäftsführung. Im Vergleich zum Erlebnispark herrscht hier mehr Betriebsamkeit, da es im Winter an den Wochenenden, Feier- und Ferientagen geöffnet ist und Baumhäuser Übernachtungsgäste anziehen. „Wir haben gut zu tun“, sagt Fischer. Veranstaltungen müssen vorbereitet, etliches gestrichen und erneuert, die etwa 130 Tiere gefüttert und der Bau einer neuen Fischotter-Anlage vorangebracht werden. Während an den ersten drei Dezembersonntagen die „Tierweihnacht“ geboten wurde, ist für Silvester nichts Besonderes geplant. „Das ist hier mit die ruhigste Zeit“, sagt Andreas Fischer. Dann muss Tripsdrill noch unwirklicher erscheinen als an diesem Tag.

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30.12.2016, 06:00 Uhr

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