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Polit-Gast

Ruhe und Verlässlichkeit

Beim Antrittsbesuch in Horb machte CDU-Kultusministerin Susanne Eisenmann deutlich, dass die Zeit der Schul-Streitereien vorbei ist.

28.04.2017
  • Benjamin Breitmaier

Sie sind lange vorbei, die Zeiten an der Spitze. 2010 spielte Baden-Württemberg bei der geistigen Fitness seiner Schüler in der obersten Liga mit. Vorbei. Heute liest, rechnet und schreibt die Zukunft des Landes im „unteren Mittelfeld“. „Baden-Württemberg hat bezogen auf Kernkompetenzen ein zentrales Problem“, so fasste es Susanne Eisenmann jüngst auf einer Bildungsmesse zusammen. Auch bei ihrem Antrittsbesuch in Horb machte die CDU-Kultusministerin keinen Hehl daraus, dass ihr die Ergebnisse der „IQB-Bildungstrend 2015“-Studie nicht schmeckten.

Sie hütete sich in der Horber Gutermann-Grundschule am Mittwochabend allerdings davor, das miese Abschneiden der baden-württembergischen Schüler in einen Angriff auf den politischen Gegner umzumünzen. Gestritten wurde ihrer Meinung nach in den vergangenen fünf Jahren zu viel. Zwei Worte baute die 52-Jährige daher auch in ihren dritten Vortrag an diesem Tag immer wieder ein: Ruhe und Verlässlichkeit.

Vor ihrer Rede zum Status Quo der schulischen Bildung begrüßte Oberbürgermeister Peter Rosenberger die Ministerin in den noch kargen Katakomben, die sich in den kommenden Monaten in eine neue Mensa für Horbs größte Grundschule verwandeln sollen. Frisch gestrichen wurde für die CDU-Politikerin dann vor großem Publikum in der angrenzenden Turnhalle. Eisenmann, die selbst von ihrem fünften bis 20. Lebensjahr die Violine gespielt hatte, zeigte sich von der kleinen Streicherklasse der Grundschule beeindruckt. Die Viertklässler und andere Schüler sangen im Anschluss noch die Hymne „Unsere Schule ist ein Backsteinhaus“.

Zu der kleinen Landkreis-Tour mit drei Stationen hatte CDU-Abgeordneter Norbert Beck eingeladen. Er sendete bereits in seinem Grußwort versöhnliche Signale an den anwesenden Götz Peter. Noch im Wahlkampf hatte die CDU angekündigt, die vermeintliche Privilegierung der Gemeinschaftsschulen als liebstes Kind der Vorgängerregierung stoppen zu wollen. Am Mittwochabend betonte Beck nun: „An den Gemeinschaftsschulen wird nicht gerüttelt.“ Die Aussage rang Peter, dem Leiter der hiesigen Gemeinschaftsschule, ein Lächeln ab. Mit den Themen Digitalisierung, Kleinklassen im ländlichen Raum und Inklusion griff er dabei seiner Ministerin vor.

Zuvor machte Rosenberger noch Werbung für die Horber Schullandschaft: Mit Gymnasium, Realschule, Werkrealschule, Gemeinschaftsschule, neun Grundschulen, einer Beruflichen Schule mit Technischem Gymnasium und nicht zuletzt der Dualen Hochschule könne Horb eine Vielfalt an Bildungsmöglichkeiten vorweisen, die für eine Stadt in der Größe fast einzigartig seien. Großes Lob gab es an dem Abend für Schulleiterin Sabine
Peter, die sich nicht nur über die neue Mensa freuen darf, sondern auch über 130 Schüler in Ganztagesbetreuung.

Eisenmann begann ihren Vortrag mit einem Bekenntnis zu jeder Schulart. Werkrealschulen wolle sie erhalten, wo es möglich sei. Die Realschule solle in Zukunft gestärkt werden. Mit ihr werde es keine Diskussionen mehr geben, „welche Schule besser ist“. Der Fokus soll auf die Qualität der Bildung an den verschiedenen Schulen gelegt werden. Dabei nahm sie auch die Eltern explizit in die Pflicht: „Erziehungsberechtigt heißt auch erziehungsverpflichtet.“

Für richtig erachtete sie, dass die Vorlage der Grundschulempfehlung wieder verpflichtend ist. Beck und Rosenberger äußerten zuvor ihre Sorge, dass der Klassenteiler von 16 Schülern manchen Schulen, wie dem Umwelttechnik-Zug am Technischen Gymnasium, nicht gerecht werde. Eisenmann machte hier Zugeständnisse, dass die Regelung auch auf die regionalen Gegebenheiten angepasst werden könne. Das gelte auch für die Grundschulen. „Doch eine gewisse Größe braucht man schon.“

Mit Sorge blickt Eisenmann auf die Überalterung des Lehrkörpers. 6600 Stellen müssten neu besetzt werden. 60 Prozent davon, weil Lehrkräfte in den Ruhestand verabschiedet werden und die Bewerberzahlen zurückgingen. „Das hätte man vor drei Jahren schon erkennen müssen.“

Beim Thema Ganztagsbetreuung sprach sie sich für flexible Lösungen aus. „Die Wahlfreiheit wird zwar ein Kraftakt, aber wir wollen keine Eltern zwingen, ihre Kinder in die Ganztagsbetreuung zu geben.“ Wahlfreiheit stellt für Eisenmann auch den Grundsatz beim Thema Inklusion dar. 75 Prozent der Schüler mit Behinderung würden ohnehin in Einrichtungen
wie der Pestalozzischule oder der Roßbergschule gehen. Vor der Sommerpause wolle sie noch einen Fahrplan zur Inklusion in baden-württembergischen Schulen vorstellen.

Beim Thema Digitalisierung gab sie den Grundsatz vor: „Die Technik muss der Pädagogik folgen.“ Sie sei überzeugt, dass Schüler auch noch in zehn Jahren mit Schulbüchern arbeiten würden, dennoch müsse beim Thema Medien im Land einiges nachgeholt werden. Georg Neumann, Rektor am Martin-Gerbert-Gymnasium sprach sich dafür aus, dass die
Erkenntnisse, die in verschiedenen Modellversuchen gewonnen werden – wie an der Heinrich-Schickhardt-Schule Freudenstadt – möglichst zeitnah geteilt werden. „Wir wollen kein Geld, wir wollen das Know-How“, betonte Neumann.

Zum Abschluss brachte eine „praktizierende Omi“ noch die Frage auf das Parkett, warum sich Eisenmann gegen die Fortführung von Englischunterricht in der ersten und zweiten Klasse ausgesprochen habe. „Wir haben mit sehr vielen Rektoren gesprochen und der Mehrwert ist nicht erkennbar.“ Die 630 Deputate würden aber nicht wegfallen, sondern könnten jetzt dafür eingesetzt werden, um das Lesen-Rechnen-Schreiben-Problem anzugehen.

Zitate

Norbert Beck: „Sie besuchen heute nicht nur den schönsten Landkreis, sondern auch die Stadt mit dem schönsten Oberbürgermeister.“

Peter Rosenberger: „Freudenstadt darf sich über acht kommunale Schulen freuen. Wir haben allein neun Grundschulen.“

Elisabeth Eisenmann: „Ich äußere mich nicht dazu, welcher Oberbürgermeister, wie schön ist.“

Grundschüler Christian Züfle aus Besenfeld: „Bei uns an der Schule ist kein einziger Mann, kann man da was machen?“

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28.04.2017, 01:00 Uhr

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