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Frei und wild im Vöhringer Fichtenwald

Rund 5500 Musikfans machten das „Rock am Fichtenwald“-Festival zur Rock’n’Roll-Party

Der Freitagabend war hoffnungslos ausverkauft, zu Mambo Kurt gab‘s eine Polonaise durch das Festzelt, und mit „Dog Eat Dog“ war eine waschechte Rock-Legende am Start: Das 18. „Rock am Fichtenwald“-Festival zog am Wochenende an zwei Tagen rund 5500 Musikfans ins beschauliche Vöhringen.

13.09.2010
  • Volker Schmid

Vöhringen. Marcel Maier von der einstigen Fichtenwald-GbR konnte mit dem Festival mehr als zufrieden sein: „Das war genauso, wie wir uns das vorgestellt haben.“ Still und leise gab es schon vor dem Festival eine Übergabe: Die GbR wurde aufgelöst, und der Jugendclub ist wieder federführend für das Rock-Spektakel zuständig. Das alte Team um Martin Sackmann und Marcel Maier hat aber in diesem Jahr noch mal kräftig mitangepackt und sich so mit einem gewaltigen Knall verabschiedet. Denn das diesjährige Festival war das bisher wohl erfolgreichste in der langen Fichtenwald-Geschichte.

Vor allem am Freitag wurde Vöhringen vom willigen Partyvolk regelrecht heimgesucht. „Wir mussten fast 1000 Leute wegschicken“, berichtete Marcel Maier. Denn bereits am ersten Festival-Tag gab es Headliner im Überfluss. Nachdem die lokalen Punkrocker „Room#7“ ihr bisher sicher größtes Publikum mit eigenen Hits wie „Desperate“ oder einer coolen Version des „Dio“-Klassikers „Holy Diver“ vom Hocker gehauen hatten, wurden die Tirol-Fahnen gezückt.

„Frei.Wild“ aus Brixen in Südtirol traten in Vöhringen lautstark das Erbe der „Böhsen Onkelz“ an und eroberten die Herzen ihrer vielen Fans förmlich im Sturm. „Wir sind keine Neo-Nazis und keine Anarchisten“, sangen die vier unscheinbaren Jungs und das „Frei.Wild“-Volk grölte willig mit: „Wir sind das Land der Vollidioten!“ Italien oder Deutschland? Vollidioten gibt‘s wohl überall.

Danach war Metal-Comedy pur angesagt. „J.B.O.“ kommen zwar längst nicht mehr an ihre kultigen Anfangstage heran, dafür sind sie umso massenkompatibler geworden. Da wurde Nicoles „Ein bisschen Frieden“ in allerbester „Rammstein“-Manier zu Maschinengewehr-Stakkato intoniert oder lauthals verkündet: „I don‘t like Metal, I love it“. Und selbst der „Sunshine-Reggae“ mutierte flugs zum „Rammstein-Reggae“. Das Fazit zu „Rock am Fichtenwald“ von J.B.O.-Frontmann Hannes G. Laber bringt die Festival-Qualitäten indes ungeschminkt auf den Punkt: „Das war geile Scheiße!“

Und genau das war auch der Late-Night-Auftritt von Mambo Kurt: „Ich habe nie etwas anderes gelernt als Heimorgel“, verkündete der Mann, der auch das legendäre Wacken-Festival zum Kochen bringt. Hätte er lieber mal Klavier gelernt. Denn selbst der Kult-Entertainer war kurzzeitig ganz schön aufgeschmissen, als der Strom weg war. Mit zurückgekehrter Stromversorgung erwies sich Mambo Kurt aber als der heimliche Headliner des Abends. „The Final Countdown“ von „Europe“ kann man sich auf der Heimorgel ja noch vorstellen. Mambo Kurt machte aber weder vor „Rammstein“ noch vor „Slayer“ Halt. Und das Volk tobte vor Begeisterung und tanzte sogar Polonaise quer durchs Zelt: „Ich mach‘ seit elf Jahren ,Rock am Fichtenwald‘, aber so etwas hat‘s noch nie gegeben“, zeigte sich Marcel Maier begeistert.

Und Mambo Kurt erfüllte sogar Musikwünsche: „Da muss ich jetzt durch. Wer Musik bezahlt, darf bestimmen, was gespielt wird“, erklärte er, bevor er für die Festivalmacher Sackmann und Maier seine Finger zu „Poker Face“ von „Lady Gaga“ über die beiden Manuale seiner Orgel tanzen ließ. Als Mambo Kurt wegen seiner Version des „Böhse Onkelz“-Hits „Mexiko“ im Stil der Schmuse-Popper „Aha“ kurzzeitig im Plastikbecher-Hagel stand, hatte er sogar einen mutigen Tipp für die „Onkelz“-Jünger parat: „Ihr müsst mal mehr kiffen, dann werdet ihr entspannter. Nicht immer nur die Birne wegsaufen!“

Am Samstag ging das Festival mit einer kleinen Überraschung los: Die Holzgerlinger Rocker „Chopstick“, die den Bandwettbewerb beim diesjährigen O.M.I.-Open gewonnen hatten, verschenkten ihren Hauptgewinn kurzfristig an die Göppinger Kollegen von „Coldflame“. Die wollten am Samstag sowieso proben, so verlegten sie die Probe halt kurzerhand auf die Fichtenwald-Bühne. Und dort servierten die im Schnitt 16-jährigen Nachwuchsrocker ihren starken Alternative-Hardcore-Metal überaus souverän.

Danach wurde im Publikum genauso wild wie fröhlich getanzt: „Jaya The Cat“, die international besetzten Reggae-Rocker aus Amsterdam, boten einen originellen Mix aus Reggae, Ska und Punkrock. Und dabei groovten die Wahl-Holländer mit Hymnen wie „Hello Hangover“ dermaßen, dass keiner im Publikum stillstehen konnte.

„Mir send’s“, grinste Frontmann Herr Wolf von der Bühne herunter, bevor er mit seinen Kollegen von „Breschdleng“ zeigte, dass schwäbischer Rock ganz schön brachial sein kann. Und wo sonst das „Publikum „Ausziehen“ oder „Zugabe“ ruft, setzen echte „Breschdleng“-Fans auf „Roschdbrohda“-Rufe! Die Headliner der Herzen aus Backnang huldigten im Kracher „Psychodelic Roschdbrohda“ aber nicht nur dem schwäbischen Lieblingsgericht, sondern sangen auch das Motto für die wilden Pogo-Eskapaden im begeisterten Publikum: „Des gôht so lang guat, bis oins heilt. Des gôht so lang guat, bis koins meh lacht“.

„Ich trinke Wasser. Die vergangene Nacht war hart“, entschuldigte sich „Dog Eat Dog“-Frontmann John Connor schon zum Beginn des Konzerts bei seinen Fans. Und nimmt man Vöhringen als Indikator, dann gibt es noch massenweise Fans der kultigen U.S.-Amerikaner. In den neunziger Jahren konnte die Crossover-Band aus New Jersey einige Hits verbuchen. Ihr punkiger Hardcore mit vielen Rap-Elementen und ungewohntem Saxofon-Einsatz war damals etwas ganz Besonderes. Und irgendwie hat sich das auch 20 Jahre nach der Bandgründung nicht geändert.

Denn in Vöhringen grölten selbst die allerjüngsten Rockfans Klassiker wie „No Fronts“ oder „Who‘s The King“ textsicher mit. Angesichts der wohl selbst für den Sänger eher ungewohnten Begeisterung nahm dieser regelmäßig ein Bad in der Menge, ließ sich betatschen und schüttelte Hände ohne Ende. Gemeinsam mit Bassmann Dave Neabore, Drummer Brandon Finley, dem Schweizer Roger Hämmerli an der Gitarre und dem deutschen Saxophonisten Roland Kresse wurde genauso spielfreudig wie wild gejammt. Und doch fand sich die ganze Band immer wieder zu ihren coolen und abgefahrenen Songs zusammen, ob nun zum Punk-Kracher „Cannonball“ vom noch immer aktuellen 2006er-Album „Walk With Me“ oder zum alten Hit „Rocky“.

Spontan jammten „Dog Eat Dog“ mit weiblicher Unterstützung am Schlagzeug „Back In Black“ von „AC/DC“, und die Band spendierte zumindest den ersten Reihen das eine oder andere Bierchen. Denn spätestens zum Song „More Beer“ war auch die Wasser-Kur von Sänger John Connor beendet. Mit den Fans forderte er lauthals: „All I want is more beer!“ Als die Herren dann noch „Forever Young“ von „Alphaville“ anstimmten, brachte Basser Dave Neabore grinsend die Jubiläums-Bandphilosophie zum Ausdruck: „Wir sind für immer betrunken – 20 Jahre lang…!“

Rund 5500 Musikfans machten das „Rock am Fichtenwald“-Festival zur Rock’n’Roll-Party
Rund 5500 Fans feierten übers Wochenende beim 18. „Rock am Fichtenwald“-Festival in Vöhringen mit starken Bands eine Riesenparty. Mutige ließen sich als Crowdsurfer (oben links) vom Publikum auf Händen tragen. Platz zum Fallen gab‘s zumindest am Freitag sowieso nicht.

Rund 5500 Musikfans machten das „Rock am Fichtenwald“-Festival zur Rock’n’Roll-Party
Mehr „Frei.Wild“-Fans, als in das riesige Zelt passten, wollten mit „Frei.Wild“-Sänger Philipp Burger und Poldi von den „Wilden Jungs“ im Chor grölen.

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13.09.2010, 12:00 Uhr

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