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Damit sich die Opfer wehren

Runder Tisch engagiert sich in Stadt und Kreis Reutlingen gegen Diskriminierungen

Ein Runder Tisch will sich in Reutlingen gegen Diskriminierungen einsetzen. Erste sichtbare Ergebnisse sind zwei Arbeitsgruppen und eine Fachtagung im Dezember.

30.10.2012
  • Matthias Reichert

Reutlingen. Ein Türsteher verweigerte David G. vor zwei Jahren mit den Worten „da sind schon genug Schwarze drin“ den Einlass in die Reutlinger Disko M-Park. Der damals 17-Jährige erstritt in zweiter Instanz beim Stuttgarter Oberlandesgericht 900 Euro Entschädigung (wir haben berichtet). Unterstützt wurde er vom Berliner Verein „Büro zur Umsetzung von Gleichbehandlung“.

In Reutlingen gibt es keine derartige Einrichtung. Das will der Runde Tisch Antidiskriminierung ändern. An die 20 Sozialträger, Initiativen und Einzelpersonen haben sich Ende 2011 vernetzt, um eine professionelle Antidiskriminierungsarbeit für Stadt und Landkreis Reutlingen aufzubauen.

„Eine ganz neue Form der Zusammenarbeit“, sagt Christina Lede von Hilfe zur Selbsthilfe. „Die Institutionen kommen aus verschiedenen Bereichen. Wir müssen uns erst auf gemeinsame Ziele verständigen.“

Grundlage ist das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz von 2006. „Wir wollen uns nicht auf das Thema Migration beschränken“, sagt Andreas Foitzik von der Bruderhaus-Diakonie. Auch Armut, Behinderung, sexuelle Orientierung, Geschlecht und Religion sind Ursachen von Diskriminierungen im Alltag.

„Wir wollen in einer Stadt leben, in der es nicht normal ist, diskriminiert zu werden“, nennt Foitzik als Ziel. Ob am Ende ein Büro für die Anti-Diskriminierungsarbeit steht, ist noch offen. Bisher gibt es solche Einrichtungen nur in Millionenstädten, nicht aber in vergleichbaren Kommunen, wie Foitzik und drei Mitstreiterinnen jetzt bei einem Pressegespräch erläuterten.

Ziel ist ein Büro – ob real oder virtuell

Und nirgendwo sei so ein Büro für alle Bereiche zuständig, in der Regel kümmerten sie sich nur um das Thema Rassismus. Vielleicht könnte ein virtuelles Büro daraus werden, bei dem man Anfragen einreichen kann. „Wir legen uns da noch nicht fest“, sagt Foitzik. Auch der Kreis soll mit ins Boot. Im Raum stehe die Idee, einen unabhängigen Trägerverein zu gründen – doch zunächst muss die Finanzierung stehen.

Im Oktober ist erst einmal ein Vorprojekt gestartet. Zwei Arbeitsgruppen sind aus dem Reutlinger Runden Tisch hervorgegangen. Eine nutzt Fragebögen als Instrument der Selbstreflexion, um die eigenen Institutionen für das Thema zu sensibilisieren. Foitzik erklärt: „Wir wollen nicht mit dem Finger auf andere zeigen. Diskriminierung durchzieht alle Strukturen dieser Gesellschaft.“ Eine zweite Gruppe kümmert sich um „Empowerment“, will Betroffene stärken, damit sie sich gegen Diskriminierungen wehren. Übersetzt heißt der Begriff „Selbst-Stärkung“.

Josephine Jackson, Praktikantin bei der Bruderhaus-Diakonie, leitet eine Empowerment-Gruppe im Tübingen Familienzentrum Elkiko. Sie berichtet: „Häufig werden Diskriminierungen verinnerlicht. Die Opfer wehren sich nicht, weil sie es für selbstverständlich halten und die Werkzeuge dagegen nicht kennen.“ Diskriminierung sei ein alltägliches Phänomen und falle deshalb oft unter den Tisch. Die Arbeitsgruppe will Kontakt zu Betroffenen suchen: „Es bedarf viel Mut und ist ein großer Schritt, sich Hilfe zu suchen.“

Bisher hat der Runde Tisch 24 000 Euro für die Finanzierung zusammen. Die Hälfte zahlt die Paul-Lechler-Stiftung, 5000 Euro die Stadt aus drei verschiedenen Fördertöpfen, 7000 Euro die beteiligten Initiativen.

„Wir sehen das als einen Prozess. Wir müssen schauen, in welche Richtung sich das entwickelt“, sagt die Reutlinger Integrationsbeauftragte Sultan Braun. Sie verweist auf die Unternehmensinitiative „Charta der Vielfalt“, die OB Barbara Bosch unlängst unterzeichnet hat (wir berichteten). Braun sagt: „Es geht um Reutlinger Bürger/innen und um Lebensqualität.“

Von den Fördermitteln wird neben den Arbeitsgruppen „als erster Meilenstein“, so Foitzik, eine öffentliche Fachtagung gegen Diskriminierung am 6. Dezember im franz. K finanziert, zu der auch Sozialministerin Katrin Altpeter kommen will (Programm siehe Kasten).

Der Runde Tisch hofft, dass das Land künftig seine Arbeit mitfinanziert. Foitzik dämpft die Erwartungen: „Wenn wir hinterher zwei halbe Stellen bekommen, müssen wir schauen, wo wir Schwerpunkte setzen. Das braucht sicher einen langen Atem.“ Bisher hat der Runde Tisch noch keine Beratungsstrukturen. Aber „wir würden die Leute sicher nicht wegschicken“, versichert Foitzik.

gSiehe „Mit Engelszungen“

Mit „Wegen zur Umsetzung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes auf kommunaler Ebene“ beschäftigt sich eine Fachtagung im franz. K am 6. Dezember von 12 bis 18.30 Uhr. Grußworte sprechen Landessozialministerin Katrin Altpeter, Landrat Thomas Reumann und Verwaltungsbürgermeister Robert Hahn. Experten reden über Diskriminierungserfahrungen und „Empowerment“. Workshops vertiefen Anti-Diskriminierungsarbeit und Gleichbehandlung. Filmausschnitte des Tübinger Filmemachers Harald Sickinger lassen Betroffene zu Wort kommen. Abschlussstatements widmen sich dem Aufbau eines Anti-Diskriminierungsbüros in Reutlingen.

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30.10.2012, 12:00 Uhr

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