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Geschichte

„Russen vermissen den Ruhm“

Vor 25 Jahren zerbrach die Sowjetunion. Der Moskauer Historiker Andrei Subow spricht über die psychischen Spätfolgen für Russland.

05.12.2016
  • STEFAN SCHOLL

Moskau. Der russische Geschichtsprofessor Andrei Subow, 64, kritisierte im Frühjahr 2014 öffentlich den Anschluss der Krim an Russland und verlor danach seinen Lehrstuhl am Moskauer Staatsinstitut für Internationale Beziehungen. Bei den Parlamentswahlen in diesem Oktober kandidierte er für die oppositionelle Partei der Volksfreiheit.

Herr Subow, am 8. Dezember 2014 wurde mit dem Beloweschsker Abkommen das Ende der Sowjetunion beschlossen. Sie sagen, die russische Gesellschaft leide noch ein Vierteljahrhundert später so darunter wie die Deutschen unter dem Versailler Kapitulationfrieden von 1918. Wo sehen Sie Parallelen?

Andrei Subow: Die Deutschen waren überzeugt, Verräter hätten sie um den Sieg im Weltkrieg betrogen, man nannte es später das Versailler Syndrom. Heute glauben viele Russen, auch die Sowjetunion sei das Opfer einer Verschwörung geworden, Michail Gorbatschow habe das sowjetische Vaterland an den Westen verraten. Ich bezeichne das als Beloweschsker Syndrom. Hitler befeuerte die Komplexe der Deutschen mit Phrasen von „Dolchstoß“ oder „Volksverrätern“, Putin hat heute mit sehr ähnlichen Vokabeln Erfolg.

Im Gegensatz zu den Deutschen mussten die Russen in keinem Krieg kapitulieren, die UdSSR ist still entschlafen und als kapitalistisches Russland wieder aufgewacht. Warum leiden sie so darunter?

Die erdrückende Mehrheit der Russen ist dabei völlig leer ausgegangen. Die Vertreter der Intelligenz haben damals viele Freiheiten gewonnen, die Freiheit des Wortes, der Religion, Reisefreiheit. Aber die meisten Leute können damit nichts anfangen. Für sie zählt, in welchem Regime sie sicher und wohlhabend leben, dabei haben sie keine Verbesserungen gespürt. Aber sie vermissen den Ruhm, in einem großen, mächtigen Staat zu leben. Die Sowjetpropaganda hat das Volk in der Illusion gewiegt, es lebe in einem großartigen Land. Von der Großartigkeit hatten sie nichts. Aber sie wärmte ihre Seelen.

Auf russischen Autos heute kleben Anti-Obama- oder Anti-Merkel-Aufkleber. Die Russen machen das „feindliche Ausland“ für ihre Probleme verantwortlich.

Das war auch in der Weimarer Republik so. Es ist immer leichter, anderen die Schuld für eigene Probleme zu geben, als die Gründe bei sich selbst zu suchen. Putin versichert immer wieder: Uns geht es schlecht, aber wir Russen machen alles richtig, unsere Feinde im Westen stören uns.

Es gibt im postsowjetischen Russland auch viele wohlhabende Menschen. Sehen sie nicht, dass die Feindschaft zum Westen die Zukunftschancen ihrer Kinder hemmt?

Wer Geld hat, schickt seine Kinder zum Studieren an westliche Universitäten, zum Feind. Wer krank wird, fährt in den feindlichen Westen, um sich behandeln zu lassen. Sie reden vom Feind, aber sie glauben nicht an ihn.

Das klingt ganz nach gespaltener Identität.

Russland hat ein gewaltiges Problem mit seiner Identität. Die Kommunisten haben die Biographien der Menschen vor ihrer Machtübernahme 1917 völlig vernichtet, selbst die Erinnerung daran. Die Leute hatten sogar Angst, Fotografien und Dokumente aufzubewahren. Viele wissen überhaupt nicht, wer ihre Vorfahren vor 1917 waren. Es herrscht völliges Vergessen. Die Menschen assoziieren sich nur mit ihrer Sowjetvergangenheit, daher kommt die Nostalgie nach Stalin, nach den Zeiten Breschnews. Die Sowjetunion und Russland sind für sie austauschbare Begriffe, Kasachstan und der gesamte Kaukasus gehören für sie auch zu Russland. Deshalb war es für Wladimir Putin leicht, die Menschen nach „Neurussland“, auf die Krim und ins Donbass zu schicken, für sie ist das ja alles Russland.

60 Prozent der Russen wünschen sich die Grenzen der Sowjetunion zurück. Teilt Putin diese Meinung?

Putin hat mehrfach selbst gesagt, der Zerfall der Sowjetunion sei die größte Katastrophe des 19. Jahrhunderts. Dabei hat dieses Jahrhundert viele schlimmere Katastrophe gesehen. Selbst das Auseinanderbrechen Jugoslawiens war katastrophaler als der Zerfall der Sowjetunion, bei dem kaum Blut vergossen wurde.

Wie vorhersehbar ist Putins Politik?

Sie ist absolut nicht mehr vorhersehbar. Er handelt nicht im Rahmen politischer Logik, er macht große Fehler. Seine Position wäre viel stabiler, hätte er nicht den Krieg in der Ukraine begonnen, nicht mit dem Westen gebrochen. Im Gegensatz zu Politikern aus pluralistischen Gesellschaften ist er außerstande, unterschiedliche Interessen zu berücksichtigen. Und als Sowjetmensch ist er es gewohnt, Gewalt anzuwenden.

Ist Putin in Sachen Ukraine und Krim kompromissfähig?

Wenn er klug wäre, würde er versuchen, möglichst schnell ohne Gesichtsverlust auf Donbass und Krim zu verzichten, aber ich befürchte, er wird sich bis zum Ende daran klammern. Und weiter Angriffspolitik betreiben. Er wird versuchen, in Frankreich Le Pen zum Sieg zu verhelfen, in Deutschland Merkel durch einen Russland genehmeren Politiker zu ersetzen. Er wird den Krieg in Syrien fortsetzen, um Assad zu stützen, den Flüchtlingsstrom nach Europa zu verstärken und die politische Lage dort zu destabilisieren. Nach seinem Motto: Bevor sie beginnen, Dich zu schlagen, schlag selbst zu.

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05.12.2016, 06:00 Uhr

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