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Unersättlichkeit der Wünsche

Russisch-deutsches Theaterprojekt spielt Hauff-Märchen

Tübingen. Sie stehen da wie erstarrt, in tänzerischer Pose. Wie ein stummer Chor, der sich zurückhält, zum Geschehen auf der Bühne Stellung zu beziehen. Man kann in den schwarz gekleideten Jugendlichen auch ein Bild für die undurchdringlichen Bäume des Schwarzwalds sehen, Schauplatz von Wilhelm Hauffs Märchen „Das kalte Herz“. Es wurde die Vorlage für ein ungewöhnliches Theaterprojekt.

30.08.2010

In nur vier Tagen hat Volker Schubert, Dramaturg am Landestheater Tübingen (LTT), mit 23 Jugendlichen aus Petrosawodsk, Tübingen, Reutlingen und Stuttgart die packende Inszenierung einstudiert. In Kooperation mit der Jugendorganisation Doroga aus Tübingens Partnerstadt Petrosawodsk gelangen ihr mit einfachen Mitteln vieldeutige Bilder. Die jungen Leute trafen sich bei einer deutsch-russischen Jugendbegegnung des Internationalen Forums Burg Liebenzell. Am gestrigen Sonntag fuhren alle zusammen in die karelische Hauptstadt, wo „Kalte Herzen“ noch einmal aufgeführt wird.

Wie abwartend geben sich die Figuren, während im Vordergrund zwei Jungs am Boden sitzen, Rücken an Rücken. Es erschließt sich erst allmählich, dass sie beide Peter Munk darstellen, Hauffs unglücklichen Helden, einen armen Kohlenbrenner. In zwei Personen aufgespalten, wird er zum Bild für die widersprüchlichen Wünsche, die an ihm zerren. Er ist ebenso weit weg vom Reichtum, den das sagenhafte Glasmännlein verheißen könnte, wie von den handfesteren Schätzen der Schwarzwald-Holzfäller. Zum Tanzbodenkönig reicht es auch nicht.

Zugleich löst die Doppelung ein Problem: Einer ist Peter Munk auf Russisch, der andere auf Deutsch. So konnten die 70 Zuschauer der Vorstellung folgen, ohne dass zusätzliche Übersetzungsleistungen das Stück quasi untertiteln mussten. Die Zwei- oder Vielsprachigkeit bekam eine weitere Facette durch die beiden Vorleserinnen, eine in Schwarz (deutsche Version) eine in Weiß (russische Version). Sie führten die altertümlich anmutende Sprache Hauffs in das Geschehen ein. Der feierliche Ton mäanderte durch das Stück wie eine Stimme der Vernunft, die es gut mit den Menschen meint, vor deren „törichten Wünschen“ es dem Glasmännlein graust.

Tanzbodenkönig sein, die Taschen voller Geld

Denn die Figuren im Hintergrund werden lebendig. Einzelne treten hervor als Peters Mutter oder das Glasmännlein. Sie inszenieren allein mit Gesten und Bewegungen ein Fest der Flößer, und einer verkörpert sogar eine Kuckucksuhr.

Das Märchen treffe Befindlichkeiten in der globalen Wirtschaftskrise, und „es entspricht dem jugendlichen Lebensgefühl: Tanzbodenkönig sein, die Taschen voller Geld, und dazu viel Ruhm und Aufmerksamkeit“, sagte Schubert. „Wahrscheinlich gibt es auch in Russland diese Fernseh-Shows.“

Außer den eigenen Wünschen ist es auch der Druck des vermeintlichen Mainstream, der den einen Peter dazu bringt, für Geld sein Herz gegen einen Stein einzutauschen. Der zweite scheint ihn dabei mit düsteren Ahnungen zu beobachten. Während Peter noch zögert mit der Entscheidung, ahnt man schon jede Menge anderer Steinträger hinter einer Plastikfolie an der Rückwand der Bühne. Nur schemenhaft sichtbar, strecken sie ihre Hände durch provisorische Öffnungen, wie um zu bekräftigen, dass ihre Wahl eine reale Option sei.

DOROTHEE HERMANN

Russisch-deutsches Theaterprojekt spielt Hauff-Märchen
Das russisch-deutsche Theaterprojekt „Kalte Herzen“ nach Wilhelm Hauff am Samstagabend im Tübinger Sudhaus.Bild: Faden

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30.08.2010, 12:00 Uhr

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