Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Gamma-Strahlen statt Kunstdünger

Russisches Getreide wird radioaktiv behandelt

Naturschützer sind alarmiert: In Russland soll Korn vor der Einlagerung bestrahlt werden. In der Republik Tatarstan laufen erste Versuche.

27.10.2010

Von STEFAN SCHOLL

Moskau Russland plant, sein Getreide radioaktiv zu bestrahlen. Bei Versuchen in der Wolgarepublik Tatarstan wurden schon 120 Tonnen Saatkörner so genannter Gamma-Strahlung ausgesetzt. Wie Andrej Silkin, Chef der Aktiengesellschaft "W/O Isotop" mitteilte, habe dies die Keimfähigkeit des daraus geernteten Getreides um 20 Prozent erhöht.

Das Saatgut sei kleinen Strahlungsdosen ausgesetzt worden, die unter der Gefahrenschwelle lägen, sagte Silkin. Diese töteten trotzdem auch schädliche Insekten. Die Firma "W/O Isotop", die zum staatlichen Nuklearkonzern "Rosatom" gehört, will nun geerntetes Korn vor der Einlagerung bestrahlen, um es so besser zu konservieren. Danach soll das Experiment auch auf andere russische Regionen ausgeweitet werden.

Umweltschützer starteten am Wochenende in Tatarstans Hauptstadt Kasan eine Unterschriftensammlung gegen die Versuche. Auch Wissenschaftler warnen. "Ionisierende Strahlung ist für alle Lebewesen tödlich", sagte der weißrussische Pflanzenbiologe Iwan Nikitschenko dem norwegischen Umweltschutzportal bellona.ru. "Saatgut oder Erdfrüchte, die Gamma-Strahlung ausgesetzt werden, verändern unweigerlich ihre Molekularstruktur." Die Fachzeitschrift Selskoje Chosjajstwo berichtet von Experimenten, die zeigten, dass bestrahlte Agrarprodukte langfristig sogar krankheitsanfälliger seien als unbestrahlte.

Schon in der Sowjetunion hatte man ab 1971 Agrarprodukte mit Gammastrahlen bearbeitet, diese Versuche aber 1986 eingestellt. Ökologen verweisen darauf, dass schon damals mit bestrahlten Kartoffeln gefütterte Mäuse zwei- bis fünfmal häufiger an tödlichen Mutationen erkrankten. "Bevor man das Projekt in Tatarstan startete, hätte man besser zuerst die Ergebnisse der sowjetischen Forscher studiert", sagte der Nuklearfachmann Wladimir Tschuprow von Greenpeace unserer Zeitung. Bellona.ru warnt außerdem vor dem hochradioaktivem Chlorid Zäsium-137, das als Strahlungsstoff verwendet werde und eine Halbwertzeit von 30 Jahren besitze. Bei landesweitem Einsatz würden Kanister mit Zäsium-137 überall in Russland auftauchen. Gerate Zäsiums-137-Pulver in die Hände von Terroristen, so die "Washington Post", eigne es sich bestens als Stoff für eine "schmutzige Atombombe".

Zum Artikel

Erstellt:
27. Oktober 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
27. Oktober 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 27. Oktober 2010, 12:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen