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Drohanrufe und Dummköpfe

Russlands Sport scheitert beim trickreichen Vertuschen des Doping-Systems

Die internationalen Doping-Ermittler werfen in ihrem erschütternden Bericht der russischen Leichtathletik systematisches Doping vor und fordern Russlands Sperre für Olympia 2016 in Rio. Die Russen sind empört.

11.11.2015

Von STEFAN SCHOLL

Moskau Er wurde stundenlang verhört, dann bauten sich Polizisten vor seinem Zimmer auf. "Ich verließ das Hotel nachts durchs Fenster, ließ das Licht und den Fernseher an, damit sie glaubten, ich sei noch drinnen." Kein Kalter-Kriegs-Spion, sondern ein russischer Dopingkontrolleur, der schildert, wie er in Saransk genommene Proben außer Landes schmuggelte. Vorbei auch an den Polizisten, die ihn auf dem Moskauer Bahnhof erwarteten, um sicher zu stellen, dass die Proben in einem Moskauer Laboratorium landeten, wo man "wusste, was zu tun war". Dem Fahnder gelang es, die Proben nach Lausanne zu schicken. "Vier waren positiv getestet, meine Mutter aber erhielt Drohanrufe."

Eine Episode aus dem Alltag an Russlands Doping-Front, die eine unabhängige Kommission der Welt-Antidoping-Agentur Wada in einem 323-Seiten-Bericht über Doping in der russischen Leichtathletik dokumentiert hat. Der Bericht stützt sich auf zahlreiche Dopingproben, auf die Berichte von Kontrolleuren, Interviews mit Sportlern, Medizinern und Trainern, auch auf anonymisierte Aussagen Beteiligter. Das Gesamtbild, das das Ermittlerteam unter Leitung des kanadischen Juristen Richard Pound zeichnet, ist erschreckend: Funktionäre des russischen Leichtathletikverbandes und der nationalen Doping-Kontrollbehörde, Trainer und Ärzte versorgen ihre Athleten umfassend mit leistungssteigernden Mitteln, haben ein flächendeckendes Warnsystem aufgebaut, um Kontrollen zu vermeiden. Wo das nicht gelingt, werden Dopingkontrolleure belogen, behindert, bedroht. Genommene Proben werden vernichtet, im schlimmsten Fall fließen Schmiergelder, um positive Tests zu vertuschen.

Die Autoren beklagen eine "tief verwurzelte Kultur des Betrugs" und eine flächendeckende Doping-Infrastruktur in Russland. Eines der Zentren sei das Allrussische Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport. Dessen Vizedirektor Sergei Portugalow, der in Russland als Anti-Doping-Fachmann gilt, soll Doping-Pläne für Athleten geschrieben haben, sie mit verbotenen Mitteln versorgt und auch selbst gespritzt haben. Nach Aussagen von Sportlern kassierte er dafür fünf Prozent ihrer Siegprämien. Auch das bei der Wada akkreditierte Moskauer Anti-Doping-Labor soll sich an Manipulationen beteiligt haben. Laborchef Grigori Rodschenkow verlangte angeblich Schmiergelder, um verdächtige Testergebnisse zu schönen. Er ließ über 1400 Proben vernichten. Beamte des Inlandsgeheimdienstes FSB sollen in dem Labor ein- und ausgegangen sein. Außerdem gab es in Moskau ein Zweitlabor, in dem Dopingproben offenbar vorgetestet wurden. Und angesichts früherer Dopingvorwürfe habe das Sportministerium der russischen Anti-Doping-Agentur gestattet, sich selbst zu überprüfen.

Schlussfolgerung der Wada-Ermittler: Erstens empfehlen sie dem Leichtathletik-Weltverband IAAF, fünf russische Athleten und weitere fünf Funktionäre lebenslang zu sperren, darunter Marina Sawinowa, 800-Meter-Olympiasiegerin in London. Zweitens, den russischen Verband 2016 für alle Wettkämpfe zu sperren, also auch für die Olympischen Spiele in Brasilien.

Russland, nicht nur Leichtathletik-Russland, ist empört. Die bisher "grandioseste Attacke auf den vaterländischen Sport" bellt die ansonsten liberale Zeitung Kommersant. Kremlsprecher Dmitri Peskow behauptet, die Wada habe keine Beweise, sondern "ziemlich fadenscheinige Anschuldigungen" geliefert. "Drei Dummköpfe, die keine Ahnung von Laboratorien haben", schimpft der Moskauer Laborchef Rodschenkow über die Ermittler. Funktionäre, Athleten und Politiker klagen unisono, die Wada verunglimpfe aus politischen Gründen saubere russische Sportler. "Dahinter steht der Großangriff auf Russland an allen Fronten", so Skilanglauf-Verbandschefin Jelena Välbe.

Andere russische Experten geben sich weniger überrascht. "Dieses Doping-System besteht seit langem, der Staat ist beteiligt", sagt Aleksei Lebedjew, Moderator von Radio Sport FM dieser Zeitung. Von 100 Sportlern sei vielleicht einer sauber. Aber der habe keine Chance, in die Nationalmannschaft zu kommen. "Aber es krankt ja nicht nur unser Sport an Doping."

Ein Großteil der russischen Fachwelt glaubt, es gehe ohne Doping nicht. "Die Trainer versichern ihren Sportlern, alle Nationen folgten illegalen Trainingsmethoden", bestätigt auch der Wada-Bericht. "Deshalb sei Doping und Vertuschung Wettkampfnotwendigkeit - und vielleicht sogar patriotische Pflicht."

Schlimmer Verdacht: Marina Sawinowa (links), 800-Meter-Olympiasiegerin 2012 in London, soll trotz positiver Dopingprobe gelaufen sein. Foto: dpa

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Erstellt:
11. November 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
11. November 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 11. November 2015, 12:00 Uhr

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