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Design mit Doppelkreuz

Sabine und Günter Katzmann sammeln und restaurieren Bugholzstühle

Die Sitzmöbel sind zeitlos modern, aber nicht bequem. Deshalb stehen sie nicht am Tisch, sondern hängen an der Wand. Sabine und Günter Katzmann aus Ofterdingen sammeln historische Bugholzstühle. „Wir sitzen nur selten darauf. Wir haben keinen Platz und sind auch kein Museum“, sagt Günter Katzmann und fügt hinzu: „Eigentlich ein saublödes Hobby.“

23.08.2012
  • susanne wiedmann

Seine Kufen waren verrottet, die schlangenförmigen Seitenteile gebrochen. Längst war er reif für die Wertstoffsammelstelle. Aber Günter Katzmann sagt: „Er ist der Traum eines jeden Sammlers.“ Ein Schaukelstuhl aus Bugholz, um 1900 gebaut. Mindestens so unbequem wie die Stühle. Noch dazu sperrig. Trotzdem darf er sich in Katzmanns Wohnzimmer breitmachen. Und nicht nur er. Ein grün gepolsterter Kaminsessel aus dem Jahr 1904 ist neben ihm platziert. Noch ein Schaukelstuhl. Ein kleiner Kinderstuhl, ein Ladenstuhl. Ein Ladenstuhl? „Wenn es in einem Geschäft eine lange Schlange gab, konnte man sich draufsetzen“, erklärt Günter Katzmann. Zwischen 1910 und 1930 wurde er gebaut, hoch und schlank wie ein Barhocker.

Die Faszination der Biegerei

An Katzmanns Wänden hängen nicht nur Bugholzstühle, auch filigrane Ladychairs, die im 19. Jahrhundert für elegante Ankleidezimmer hergestellt wurden. Den Esstisch umzingeln Gründerzeitstühle mit Ledersitzen. Von der Decke baumelt ein französischer Lüster. Und wenn Sabine und Günter Katzmann sagen, sie hätten kein Museum, stimmt das nur begrenzt.

Jedenfalls war es nie geplant. Und begann nur zufällig vor zwanzig Jahren mit diesem ersten Stuhl vom Flohmarkt. Er war nicht aus gebogenem Holz, er hatte keinen Sitz und keine Lehne. Deshalb war er günstig. Nicht mehr als zehn Mark. Irgendjemand würde sich finden, der ihm ein Geflecht verpasst.

Aber warum sollten die Katzmanns es eigentlich nicht selbst probieren? Sie besorgten sich ein Fachbuch und Fäden aus Rohtang, flochten mit der bloßen Hand – ohne Schiffchen, ohne Nadel, spannten drei Lagen, durch die sie vier Lagen hindurchwoben, sodass ein Doppelkreuz entstand, dann die Diagonalen. „Ich fand es furchtbar und dachte, es ist das erste und letzte Geflecht“, erinnert sich Sabine Katzmann. Aber es klappte. Zwölf Stunden später war das Wiener Geflecht fertig. Wie ein Wabengewebe schaut es aus. „Wir waren richtig stolz“, sagt die 45-Jährige.

Mittlerweile hat sie sich zu einer Flechtexpertin entwickelt. Und ihr Mann restauriert das Holz. So hat jeder seinen Part. Handwerklich begabt sind sie beide: Er ist Automechaniker. Aber seit jeher arbeitet er gern mit Holz. „Ein schöner Ausgleich. Es hat fast etwas Meditatives.“ Sie ist Medizinisch-technische Assistentin mit einem Faible für Handarbeiten. „Das ist schön zum Abschalten.“ Zugleich finden sie ihr gemeinsames Hobby ungemein spannend. Denn von Flechtern sind sie zu Sammlern geworden und von Sammlern zu Bugholzmöbelspezialisten. „Es ist die Faszination der Biegerei“, betont der 47-Jährige.

Es war Mitte des 19. Jahrhunderts, als es dem Möbeltischler Michael Thonet gelang, unter Wasserdampf massives Holz zu biegen, die Technik industriell zu nutzen und Sitzmöbel in Massen zu produzieren. Nicht nur die klar reduzierte Ästhetik gefiel den Kunden. Die Stühle waren leicht und preiswert. Der Stuhl Nummer 14 begründete Thonets Weltruhm, der traditionelle Wiener Kaffeehausstuhl – ohne Armlehnen und die Rückenlehne schlicht aus zwei gebogenen Buchenholzstäben. Allein bis 1930 wurden weltweit zirka 50 Millionen Stück davon verkauft. Und noch heute wird er produziert.

Das sei doch unglaublich, finden die beiden Ofterdinger. Sie sind begeistert von der Technik und der zeitlosen Form, die nie unmodern werde. „Die waren schon sehr gewieft im Design,“ schwärmt Günter Katzmann. Als er den ersten Thonet-Stuhl aus dem Jahr 1870 ins Haus trug, dauerte es nicht lange, bis sich das Paar mit der Geschichte der Bugholzmöbel beschäftigte, sich Literatur beschaffte, Ausstellungen in Wien und das Thonet-Museum im hessischen Frankenberg besuchte.

Während des Gesprächs erheben sie sich immer wieder von ihren Stühlen, ziehen hier und dort ein Fachbuch aus dem Regal oder aus dem Schrank einen Musterkatalog. „Wir gucken gerne Stühle an“, sagt Günter Katzmann. Deshalb mögen sie es, über Flohmärkte zu bummeln, nur selten kaufen sie im Internet.

Ein Drehstockerl als Computerhocker

Jedenfalls kaufen sie die Sitzmöbel nur nach und nach ein, nur so viele, wie sie zeitnah restaurieren können. 15 waren es bislang. Doch Günter Katzmann sagt etwas Erstaunliches: „Eigentlich sind sie unrestaurierbar.“ Gebogenes Holz zu ergänzen, ist mühsam und kompliziert. „Es ist irrsinnig zeitaufwendig.“ Im Winter verbringt er unzählige Sonntage im Keller, um Stühle zu restaurieren. Er schafft es, sie Stück für Stück auszubessern, sogar die Kufe des Schaukelstuhls hat er neu angesetzt, ohne dass es einem Laien auffällt. Mit Schellack streicht er sie für eine schöne Patina, bevor seine Frau Sitz und Lehne flicht.

Wenigstens gehen die Stühle nicht aus dem Leim, weil sie verschraubt sind. Aber auch das Flechtwerk ist nur begrenzt haltbar, meist bricht es nach fünf bis zehn Jahren. Daher stehen die Bugholzstühle nicht am Tisch. Nicht nur, weil sie nicht besonders bequem sind, sondern auch zu alt, zu schade, zu selten. Nur ein Drehstockerl, ein historischer Musikstuhl ohne Armlehnen, dient als Computerhocker.

Wenn sie durch den Musterkatalog blättern, entdecken sie viele Modelle, die ihnen gefallen würden. „Einige sind genial“, sagt Günter Katzmann. „Unsere Liebe gehört den Bugholzstühlen.“ Und eigentlich sei das ein schönes Hobby.

Sabine und Günter Katzmann sammeln und restaurieren Bugholzstühle
In Arbeit: Einen Ladenstuhl tragen Sabine und Günter Katzmann. Einige Stellen hat er bereits repariert, bevor sie sich an das Flechtwerk macht. An der Wand ihres Wohnzimmers hängen weitere – bereits restaurierte – Bugholzstühle. Bild: Franke

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23.08.2012, 12:00 Uhr

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