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Punkrock-Poesie

Sänger Lee Hollis als Geschichtenerzähler

Es ist düster im „Blauen Salon“. Das Licht in der Hausbar des Studentenwohnheims in der Münzgasse ist am Donnerstagabend heruntergedimmt, nur noch eine weihnachtlich anmutende Lichterkette streut gelbes Licht an die Wand. Im Halbdunkel sitzen in akkuraten Stuhlreihen knapp 70 junge Leute, hauptsächlich Studenten. Darüber wacht von einem Poster mit strengem, aber irgendwie auch väterlichem Blick Karl Marx.

30.08.2010

In einer diffusen Aura aus grünem Scheinwerferlicht sitzt Lee Hollis, Punkrocker und Frontmann der Kaiserslauterner Band „Spermbirds“. Im fahlen Schein wirkt der Amerikaner gespenstisch, aber auch ein bisschen verloren. Nervös knetet er mit seinen Händen ein zerknautschtes Stofftaschentuch und tupft sich damit den Schweiß von der Stirn. Er wird es in den nächsten eineinhalb Stunden nur selten loslassen.

Nur schwer kann man sich den Endvierziger mit dem wenigen Haarwuchs und dem karierten H&M-Hemd als den wütenden Punkrock-Sänger vorstellen, der bei Konzerten der „Spermbirds“ zu schnellen Gitarrenriffs seine Wut ins Mikrophon schreit. „I‘ve to wear my fucking glasses“, gibt er unsicher zu Protokoll und setzt sich eine randlose Brille auf. Ein Punkrocker als Geschichtenerzähler.

Mitgebracht hat Hollis eine lose Zettelsammlung mit kurzen Anekdoten, die zwischen Wahrheit und Spinnerei pendeln. Er lüge gerne, sagt Hollis in breitem Englisch und grinst. Seine Kurzgeschichten liest er nicht vor, er erzählt sie. Statt wütende Punk-Parolen loszulassen, lässt Hollis das Publikum dicht an sich heran, erzählt von seinem Leben als Soldat in der US-Army, von seiner Katze, von seinem Großvater, seiner Jugend in Alabama und von den ersten Gehversuchen als Sänger.

Allein seine Wortwahl verrät den Punkrocker in ihn. Immer wieder kokettiert er mit Variationen der englischen Schimpfwörter „shit“ und „fuck“, die so manchem konservativen Amerikaner die Haare zu Berge stehen lassen würden. So erzählt er zum Beispiel von einem Konzert, bei dem seine erste Band namens „Walter Elf“ als Support auftrat. Mit der deutschen Skinhead-Szene der 1980er Jahre nicht vertraut, provozierte Hollis das Publikum mit seinem Gesang dermaßen, dass der Gig in einer üblen Massenschlägerei endete, bei der der Gitarrist der „Walter Elf“ zwei Zuschauer mit seinem Instrument ausknockte. „That was fucking cool“, so Hollis in der Retrospektive, wenngleich er Gewalt als „ugly shit“ generell natürlich ablehne. Das Publikum applaudiert, Hollis guckt peinlich berührt.

Erst nach drei Bier und zwei Zugaben tritt der Punkrocker wieder aus dem grünen Lichtkegel heraus. Als das Deckenlicht wieder angeschaltet wird, ist er sichtlich erleichtert. Ein sympathischer Typ, dieser Hollis.Jennifer Schmidt

Sänger Lee Hollis als Geschichtenerzähler

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30.08.2010, 12:00 Uhr

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