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Chansons als kosmopolitische Melange

Sängerin Zaz begeisterte am Samstagabend mit wildem Stilmix

Arabische Gesänge, Salsa, Jazz und einen Chanson von Edith Piaf erklangen am Samstag vor dem Bischofspalais. Isabel Geffroy alias Zaz bediente sich beim Open Air mehrerer Stilrichtungen und begeisterte die 2300 Zuschauer mit ihrer rauchig-markanten Altstimme.

10.08.2014
  • Martin Zimmermann

Rottenburg. Mit orientalisch anmutenden Improvisationen und einer Trommel beginnt Zaz das Konzert. „Wir werden Harlem hören, in den Souks von Amman Tee kochen und im Bett des Senegal-Flusses schwimmen“, singt sie in „On Ira“, einer Hymne, die das Lebensgefühl der Interrail-Generation der Rucksackreisen trifft. Auch in Rottenburg. Es sind vor allem gefühlte Mittdreißigerinnen, selbstbewusste Frauen in Wildlederstiefeln, die jedes Wort der französischen Texte mitsingen können. Die männlichen Begleiter der Frauen tun sich da meist deutlich schwerer.

Unbändige Energie steckt Publikum an

Mit rudernden Handbewegungen fordert Zaz das Publikum immer wieder zum Mitsingen auf. Wie ein hyperaktives Kind hüpft und tanzt sei auf der Bühne herum, springt dem Bassisten auf den Rücken und wirkt mit ihrer unbändigen Energie ansteckend.

Der Funke springt über aufs Publikum, spätestens bei den Refrains. War Chanson bei Edith Piaf noch eine erzählende Musik vor sitzendem Publikum, so ist es bei Zaz eine Form der Kommunikation, bei der sich Sängerin und Publikum gegenseitig stimulieren. Zaz findet Spaß daran, ihre bekannten Lieder in neue Arrangemensts zu verpacken. Sie lässt der Spielfreude ihrer Bandmusiker immer wieder Freiheiten, zieht sich zurück, um dann wieder einzusetzen. Immer wieder dürfen die acht Männer in Instrumentalpassagen miteinander improvisieren. Sie wechseln dabei die Instrumente, setzen mal an der Flamenco-Gitarre, mal am Akkordeon, mal an der Blues-Harp-Mundharmonika und mal am Saxofon Akzente. Einmal holen sie sogar einen Jahrmarkt-Leierkasten hervor.

Die musikalischen Genres ändern sich von Song zu Song. Tanzbare Salsa-Rhythmen wechseln sich ab mit Sinti-Jazz und psychedelischen Synthesizer-Klängen. Die heisere Altstimme von Zaz fügt die einzelnen Nummern zu einem Varietéprogramm zusammen. Während die Bandmusiker jazzen, zieht sich Zaz um.

Sängerin Zaz begeisterte am Samstagabend mit wildem Stilmix
In ihrem Eröffnungssong „On Ira“ haut Zaz auf die Pauke und träumt vom Teekochen in Amman und den Wolkenkratzern von Kyoto. Die Musiker ihrer Begleitband wechselten während des Konzerts mehrfach die Instrumente, der Keyboarder griff sich gleich zu Anfang das Akkordeon.

Sie tauscht das bunte Batik-Hemdchen und den Hosenrock gegen eine rosafarbene Glitzerbluse und ein elegantes kurzes Röckchen, das aus einem Vorhang von Haaren zu bestehen scheint. Aber Zaz will nicht nur tanzen, sie will auch eine Botschaft verbreiten und Geschichten erzählen. Dabei sitzt sie auf einem Barhocker. In einer französischen Ansage erzählt sie von der Zahnfee, die ihr als kleines Mädchen ihr erstes Buch gebracht hat. Im dazugehörigen Lied „La Fée“ singt ihren Traum von einer schutzbedürftigen Fee, die mit ihren verbrannten Flügeln nicht mehr fliegen kann.

Inzwischen wird hinter der Sängerin auf der Bühne die Kulisse eines riesigen Buches aufgebaut. Aufgeklappt verwandelt sich das Buch in eine Tanzbar aus der guten alten Zeit des Jazz in den dreißiger Jahren. Rote Vorhänge vor warmen Backsteinwänden, Vinylschallplatten hängen von der Decke, eine eiserne Wendeltreppe führt zu einem schummrigen Tresen. Ein Jazz-Arrangement, bei dem der Gitarrist zum Banjo greift. Eine enge Atmosphäre, bei der Zaz statt ins tragbare Mikrofon in ein nostalgisches Retro-Standmikrofon singt.

Ansagen, die ihr wichtig sind, liest Zaz auf Deutsch vom Blatt ab. Sie tut dies mit starkem Akzent, aber sie wird verstanden. Die Legende vom Kolibri etwa, der versucht, den Waldbrand zu löschen. Zaz hat sie in einem ihrer Chansons verarbeitet. Andere lyrische Textzeilen verpasst der Teil des Publikums, der des Französischen nicht mächtig ist oder ihren Akzent nicht versteht. „Von unseren durchgekifften Nächten bleibt nur Asche“ heißt es etwa in dem im Stil einer Rockballade präsentierten „Eblouie par la nuit“ (zu deutsch: Geblendet von der Nacht).

Sängerin Zaz begeisterte am Samstagabend mit wildem Stilmix
Die Frauen waren bei dem Konzert auf dem Eugen-Bolz-Platz deutlich in der Überzahl und erwiesen sich als textsicherer als die Männer im Publikum. Viele Besucher und Besucherinnen kamen von auswärts.

An Pink Floyd erinnern die sphärischen Synthesizer-Klänge in „La Pluie“, während die Lala-Improvisationen der Sängerin vom Mikrofon verzerrten werden.

Den programmatischen Refrain des Hits „Je veux“: „Ich will Liebe, Freude, gute Laune / Euer Geld macht mich nicht glücklich“ singen fast alle Zuschauer mit. Zaz trompetet in ihre Hand und klingt wie ein Kazoo oder eine gestopfte Trompete. Sie bläst zum Aufbruch. Lasst uns die Welt retten. Oder zumindest davon träumen.

Als Zugabe ein Chanson von Edith Piaf

Als Zugabe gibt es ein Chanson von Edith Piaf. „Dans ma rue“ aus dem Jahr 1946 erzählt von den Ängsten einer Armutsprostituierten auf dem Montmartre. In diesem Chanson klingt Zaz tatsächlich ein wenig wie Piaf. Melancholische Stimme, melancholischer Blick, nur begleitet vom Klavier. Sie hat sich diesen Vergleich verdient. Aber er wird der 34-jährigen nicht mehr gerecht, weil sie den erzählenden Chanson weiterentwickelt hat zur kosmopolitischen Stil-Melange. Nach 90 Minuten ist das Konzert um halb elf etwas zu früh zu Ende. Einige der Fans haben noch eine weite Heimfahrt, etwa nach Konstanz.

Zaz und ihre Vorgruppe Joe Bel waren bis ins Weggental zu hören, berichtete Jacek Wozniak, der dort seinen 56. Geburtstag im eigenen Schrebergarten feierte. Manche Besucher verfolgten das Konzert kostenlos vor der Absperrung am Haupteingang mit, andere setzten sich vor die „Brunnenstube“, und wieder andere postierten sich im Burggraben, der entgegen seinem Namen nicht tiefer liegt, sondern hochführt Richtung Parkdeck Alte Welt.

Die Französin Joe Bel hatte es als Auftaktkünstlerin schwer, das Publikum, das auf den Haupt-Act wartete zollte ihr lediglich höfliche Aufmerksamkeit. Nur wenige Besucher in der vorderen Reihen wippten zum Takt der Musik mit.

Das änderte sich, als Zaz auf die Bühne kam. Die 34-jährige tanzte bei den schnelleren Nummern fast durchgängig mit, während sie sang. Viele Besucher tanzten mit. Dass Zaz bei der Übersetzung ihrer französichen Überleitungen ins Deutsche kleine Grammatikfehler einbaute, empfand das Publikum als charmant, so wie Romanistikstudentin Celina Rein die mit ihrer Familie auf dem Konzert war. Rein studiert in Konstanz, ist großer Zaz-Fan und war extra für das Konzert mit dem Auto nach Rottenburg angereist.

Die Medizinstudentin Stefanie Walter und ihre Schwester konnten von Tübingen aus bequem den Zug nehmen. „Wir finden es toll, dass Zaz bei ihrer Deutschlandtournee auch bei uns in der Nähe aufgetreten ist“, so die Schwestern.

Auch Boris Palmer hatte den Weg nach Rottenburg gefunden. Während der Tübinger Oberbürgermeister (in grünem Tübinger Stadtwerke-T-Shirt) sich mitten im Gedränge mit seinem Rottenburger Amtskollegen Stephan Neher amüsierte, tanzte Nehers Freundin Federica Maier ganz vorne in der zweiten Reihe mit.

Ganz glücklich waren die Veranstalter am Samstagabend nicht: Rund 2300 Karten hatten sie zwar verkauft, aber 5000 Leute hätten auf den Platz gepasst. Bei Dieter Thomas Kuhn vor einem Jahr war das anders – der Lokalmatador und übrigens auchSilbermond am zweiten Open-Air-Tag – füllte den Eugen-Bolz-Platz bis zum Überlaufen.kto

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10.08.2014, 12:00 Uhr

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