Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Masse ist nicht gleich Masse

Sammelband über das Kino von Fritz Lang und F.W. Murnau

Fritz Lang und F.W. Murnau sind unbestrittene Pioniere der Filmkunst. Ihre Filme werden auch heute noch zitiert und gefeiert. Vielleicht liegt es am Medium – den Mühen einer hermeneutischen Bildanalyse werden sie jedoch selten unterzogen. An diese Arbeit macht sich in sehr lesbarer Weise ein Essayband, der aus einem Seminar an der Tübinger Uni entstanden ist.

11.02.2010
  • Ulla Steuernagel

Tübingen. Man kann Fritz Lang (1890 bis 1976) und F.W. Murnau (1888 bis 1931) immer wieder dafür bewundern, dass diese Meisterregisseure Meisterwerke geschaffen haben. So weit, so abgedroschen. Selten aber wird dieses frühe Kino mit geschärfter Aufmerksamkeit – wenn sie denn nicht vom Zeitgenossen und Begründer des filmkritischen Blicks, Siegfried Kracauer, stammt – und mit den Werkzeugen geschulter Textexegeten betrachtet.

Der Inbegriff moderner Großstadt

Der Essayband „Schattenbilder. Lichtgestalten“, herausgegeben von Maik Bozza und Michael Herrmann, brachte eine Reihe von Tübinger Literatur- und Medienwissenschaftlern auf das Kino von Lang und Murnau. Aus einer Veranstaltungsreihe am Deutschen Seminar in Tübingen im Jahr 2005 entstand das jüngst im Bielefelder Transcript Verlag erschienene Buch. Jeder Autor seziert einen einzigen Film, ohne dabei den Leser zu überfordern, der sich sicher nicht mehr an jede einzelne der untersuchten Szenen erinnert. Im Gegenteil, mitunter schaffen es die Kapitel, ein fast vergessenes Werk wieder bildmächtig aufzufrischen.

Wer will, kann sich so für die rekonstruierte Originalfassung von Langs „Metropolis“ präparieren, die am kommenden Freitag auf „Arte“ mit anschließender Dokumentation gezeigt wird. Rekonstruiert wurde der Film mithilfe der Partitur der Originalmusik, die genaue Szenenanweisungen enthält. Nach seiner Uraufführung war „Metropolis“ von der Kritik verrissen und auch vom Publikum nicht gemocht worden. Aus einer einstigen Longfassung (150 Minuten) wurde er zu einer um ein Viertel zusammengeschnittenen Shortversion.

„Metropolis“, der teuerste Film, den ein deutscher Regisseur bis dahin gedreht hatte, wurde dennoch im Laufe der Jahrzehnte zum Urbild der futuristischen Großstadt und einem System aus Ordnung und Chaos, einer massenbewegenden Riesenmaschine. „Kaum eine wissenschaftliche Publikation über Topographie, Architektur und Großstadt im Film, die es sich leisten würde, auf Langs Klassiker zu verzichten“, schreibt der Filmwissenschaftler Sascha Keilholz in seinem Essay. Andererseits wurde der 1927 gedrehten Stadtvision, die zum Science-Fiction-Lehrstück wurde, schon von Zeitgenossen ein zu hohes Maß an Ästhetizismus vorgeworfen. Siegfried Kracauer kritisierte an „Metropolis“, Lang betreibe das Dekorative nicht nur als Selbstzweck, sondern unterlaufe damit die Handlung.

Hitlers Lieblingsfilm soll „Siegfried“ , der erste Teil von Langs „Nibelungen“, gewesen sein. Und Joseph Goebbels machte dem Regisseur das Angebot, die Leitung der Reichsfilmkammer zu übernehmen. Wie groß war die Nähe des Meisterregisseurs zu den Nationalsozialisten? Lang selber habe wohl nicht die Wahrheit gesagt, als er später behauptete, er sei schon kurz nach dem Reichstagsbrand Hals über Kopf aus Berlin geflohen. Erst im Juni 1933 verließ er Deutschland. Von den „Nibelungen“ ausgehend fragt der Kultur- und Literaturwissenschaftler Rainer Schelkle, woran man eine spezifisch faschistische Ästhetik überhaupt erkennt.

In seinem Vergleich zwischen Leni Riefenstahls Parteitagsfilm „Triumph des Willens“ (1934) und Langs „Nibelungen“ kommt er zu dem überzeugenden Ergebnis, dass die ornamentalen Massenbilder bei Riefenstahl affektiv auf einen Führer ausgerichtet sind. Während bei Lang auch die Herrschenden dieser Entmenschlichung unterworfen sind. „Das einzige Prinzip, das über diesen Ornamenten steht und für das sie geformt werden, ist der Blick der Kamera selbst.“ (Schelkle)

Zwischen Fritz Lang und Jean-Luc Godard herrschte Einigkeit darüber, dass „M. Eine Stadt sucht einen Mörder“ der beste Film des Regisseurs ist. 1931 gedreht ist er zugleich Langs erster Tonfilm. Der Ton übernimmt hier eine starke dramaturgische Bedeutung, wie Philipp A. Ostrowicz erklärt. Der Serienmörder (Peter Lorre) wird anhand einer kleinen gepfiffenen Melodie entlarvt und zwar von einem blinden Bettler. Ton und Bild wurden also als Medien thematisiert. Ton müsse sich „zwingend kontrapunktisch zum visuellen Montage-Stück“ verhalten, hatte, so Ostrowicz, die sowjetische Filmavantgarde damals gefordert, Sonst erscheine er überflüssig.

Die erste entfesselte Kamera

Von solchen Ton-Debatten unberührt drehte Friedrich Wilhelm Murnau seine Filme, auch sein letzter Film „Tabu“ blieb stumm. Anhänger des Horrorklassikers „Nosferatu“ werden vielleicht enttäuscht sein, dass der nicht in dem Band besprochen wird, dafür aber „Tartüff“, „Sunrise“, „Tabu“, „Faust“ und „Der letzte Mann“ (1924). Zum ersten Mal wird im „letzten Mann“ „die entfesselte Kamera“ eingesetzt, so schreibt Alfred Stumm. Schon in der ersten Sequenz nehme die Bewegung der Kamera den gesellschaftlichen Abstieg des Protagonisten vorweg.

Auch in diesem Text gibt wieder Siegfried Kracauer den Advocatus diaboli, er sah den Film von Untertanengeist geprägt und warf ihm präfaschistisches Gedankengut vor. Eine These, der Stumm die Ironie der Darstellung und die modernen filmischen Mittel entgegenhält.

Info

Schattenbilder. Lichtgestalten. Das Kino von Fritz Lang und F.W. Murnau, herausgegeben von Maik Bozza und Michael Herrmann ist im Transcript Verlag erschienen, 25.80 Euro.

Sammelband über das Kino von Fritz Lang und F.W. Murnau
Brigitte Helm gibt in „Metropolis“ die doppelte Maria, die vom bösen Erfinder Rotwang als Roboter gegen die aufständischen Arbeiter eingesetzt wird. Wie dieses Bild beweist, haben auch Roboter in Drehpausen unter Durst und Kälte zu leiden.

Sammelband über das Kino von Fritz Lang und F.W. Murnau
Der Jäger wird zum Gejagten. Der Serienmörder (Peter Lorre) wird von seinen Verfolgern, dem Heer der Bettler und Kriminellen, in die Enge getrieben und vor ein Tribunal gestellt. Verleihbild

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

11.02.2010, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball