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Kunst

Sampeln als Prinzip

Zwischen Comic, Club-Sound und explodierender Collage: 30 Jahre nach seinem Tod zeigt die Frankfurter Schirn Jean-Michel Basquiat als Sohn seiner Zeit.

21.03.2018
  • CLAUDIA REICHERTER

Frankfurt. Am Treppenaufgang zur Ausstellung empfängt uns der Künstler selbst: Jean-Michel Basquiat. Bubenhaft strahlend tanzt er in Übergröße in körnigem Schwarz-Weiß über die Wand. Dabei ist der große multidisziplinäre amerikanische Neoexpressionist schon vor 30 Jahren gestorben, am 12. August 1988 mit 27 an einer Überdosis Heroin und Kokain. Auch die Plakate zu „Basquiat – Boom for Real“ ziert kein Gemälde des Autodidakten, sondern ein Foto. Das zeigt ihn so, wie sich der 1960 in Brooklyn als Sohn eines Haitianers und einer Puerto-Ricanerin geborene Shooting Star der 80er Jahre gern inszenierte: im Armani-Anzug zum Adidas-T-Shirt mit Baseballhelm samt draufgekritzelter Hommage an den schwarzen Spieler Hank Aaron aufm Kopf.

So ist von vornherein klar: Die Überblicksschau mit mehr als 100 Exponaten, die nach dem Londoner Barbican Centre nun in der Frankfurter Schirn zu sehen ist, will mehr als ein paar heute im dreistelligen Millionenbereich gehandelte bunte Bilder zeigen.

Gut 30 Jahre nach Basquiats letzter Einzelausstellung in einer öffentlichen deutschen Institution und acht Jahre nach der großen Retrospektive im schweizerischen Riehen stellen uns die Kuratoren Dieter Buchhart und Eleanor Nairne diesen ungemein produktiven Künstler, der in nur zehn Jahren mehr als 1000 Gemälde und nochmal so viele Zeichnungen schuf, in all seinen Facetten vor: als Sprayer, Maler, mit 21 Jahren jüngstem Documenta-Künstler, Musiker, Lyriker, Model, Schauspieler. Sein Werk zwischen intensiver Linie und explodierender Collage zeigen sie erstmals konsequent im kulturellen Zusammenhang seiner Zeit.

So führt der Rundgang zwar an zahlreichen als Schlüsselwerke geltenden Arbeiten vorbei: „Jimmy Best“ etwa von 1981 mit seinem gern genutzten Spruch „Boom for Real“, das in der „New York/New Wave“-Gruppen-Ausstellung neben Werken von Robert Mapplethorpe, Jenny Holzer und Kiki Smith seinen Aufstieg einläutete; das in nur einer Stunde nach dem ersten Treffen mit Andy Warhol gemalte Doppel-Porträt „Dos Cabezas“, der ikonografische Boxer mit Heiligenschein, den Basquiat wie so oft „Untitled“ ließ, und „A Panel of Experts“ (alle drei von 1982) mit seinen charakteristischen Kronen und Verweisen auf seine sich um ihn zoffenden Freundinnen Suzanne („Venus“) und Madonna im Comicstil.

Dazwischen sind Fotos seiner frühen Graffiti zu sehen, Objekte, Postkarten. An Warhol schrieb er aus Honolulu „HI FREEZING SUCKERS“, versehen mit dem für seine Ängste und seinen Humor gleichermaßen stehenden Copyrightzeichen, das ihn davor bewahren sollte, von Konzernen wie Disney verklagt zu werden. Videos von TV-Auftritten und der Film „Downtown 81“, den Glenn O'Brien und Maripol erst 2000 veröffentlichten, bringen uns den Charakter dieses selbstbewussten und zugleich zweiflerischen Wunderkinds näher.

In Vitrinen liegen Bücher aus, die ihn inspirierten und als Quellenmaterial direkten Niederschlag in seinen Bildern fanden. Magazin-Seiten, Briefe, Zettel mit Kritzeleien, die sein europäischer Galerist Bruno Bischofberger aufbewahrte, und Party-Polaroids spiegeln den Zeitgeist.

Auch der Club gehört dazu

Dazu dient auch die Musik: Seine Band Gray und die von ihm produzierte Single „BeatBop“ seiner Freunde K-Rob und Rammellzee, deren Cover er entwarf, sind ebenso zu hören wie Jazz, den Basquiat bei der Arbeit hörte. Der donnerstags geöffnete „Crown Club“, wo am 3. Mai Daniel Richter und Martin Riedel eine Performance zeigen, ist dem damals prägenden Mudd Club nachempfunden. Und zu seinen lyrischen Notizbuchseiten hinter Glas erklingt der Beginn der Schöpfungsgeschichte, von ihm gelesen – „it was good“ in Endlosschleife.

Das ist gut. Und es lohnt sich, dafür Zeit mitzubringen. Denn Jean-Michel Basquiat ist nicht nur in seinem Kampf gegen Rassismus nach wie vor aktuell. Sondern auch darin, wie er die vielfältig auf ihn einprasselnden Umwelt-Eindrücke in seinem Kopf und Werk sampelnd verarbeitete.

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21.03.2018, 06:00 Uhr

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