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Sarkophag für einen Untoten
Foto: SWP GRAFIK
Radioaktivität

Sarkophag für einen Untoten

Morgen wird in Tschernobyl die Montage einer neuen Schützhülle für den ukrainischen GAU-Reaktor vollendet. Die Gefahr ist damit nicht gebannt.

28.11.2016
  • STEFAN SCHOLL

Berlin. Sein Anblick ist monumental. Wie ein gewaltiges, außerirdisches Raumschiff kauert es silbern leuchtend über den Wäldern am Prypjat-Fluß. Industriealpinisten fixieren das 110 Meter hohe Gewölbe mit einer halben Million Schraubbolzen über dem Reaktor, hängen dort winzig wie Ameisen in einer Gletscherwand.

Endmontage in Tschernobyl. Nach sechs Jahren Bauzeit soll am Dienstag die neue Schutzhülle für den Reaktor 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl vollendet werden. Er war im April 1986 explodiert und hatte den ersten GAU in der Geschichte der Atomindustrie verursacht. Ein insgesamt 1,5 Milliarden Euro teures, hermetisches Bauwerk, dessen zwei Hälften man wegen der Radioaktivität vor Ort in 250 Metern Entfernung montierte, und dann auf Schienen über den Reaktor und seine erste, inzwischen brüchige Betonschale schob. Dafür musste vorher mit einem deutschen Spezialkran der 150 Meter hohe und 350 Tonnen schwere Ventilationsturm des Reaktors abgebaut werden

„Das größte bewegliche Bauwerk der Welt“ – die ukrainische Presse ergeht sich in Superlativen. Die Metallhülle wiegt mit 25 000 Tonnen dreimal so viel wie der Eifelturm, mit Unterbau sogar 36 000 Tonnen, ihre Fläche von 86 000 Quadratmetern entspricht zwölf Fußballplätzen. Garantiezeit: 100 Jahre. „NBK“ lautet die Abkürzung, „Neues sicheres Containment“. Es wird auch „Arka“ genannt, das Gewölbe, und „Arka der Völkerfreundschaft“, denn 94 Prozent der Kosten übernahm das Ausland. Oder „Sarkophag II“, nach dem Sarkophag aus Beton und Stahl, mit dem nach dem GAU todesmutige sowjetische Hubschrauberpiloten und Kranfahrer den strahlenden Reaktor abgedichtet hatten.

„Der neue Sarkophag verschließt das AKW Tschernobyl für immer“, titelt das Massenblatt „Komsomolskaja Prawda na Ukraine“. Ein Irrtum. Darunter schläft weiter ein Untoter, der die Welt bedroht. „Beim GAU sind fünf Prozent des radioaktiven Materials aus dem geschmolzenen Reaktorkern entwichen, es hat große Teile Europas nuklear verschmutzt“, sagt Vince Novak, Atomsicherheitsexperte der Europäischen Bank für Wiederaufbau, die die Finanzierung organisierte. 95 Prozent der tödlich strahlenden Masse aber steckten noch in Reaktor 4. Das sind geschätzte 193 Tonnen Uran, Strontium, Cäsium und Plutonium, bei deren Zerfall zum Teil noch gefährlichere Isotope freiwerden. Die Halbwertszeiten schwanken zwischen 14 und 6537 Jahren. Eine nahezu unendliche Gefahr.

Die Radioaktivität im Maschinenraum des Reaktors ist nach wie vor so hoch, dass die ukrainischen Techniker dort nur fünf Minuten arbeiten, genug, um ihre tägliche Strahlendosis von 2,5 Mikrosievert abzubekommen. Auch wenn US-Spezialisten für die Nuklearsicherheit zuständig sind, vielen Arbeitern droht Ähnliches wie den etwa 800 000 sowjetischen „Liquidatoren“, von denen inzwischen mehr als ein Viertel tot ist: Leukämie, grauer Star, Immunschwäche, Siechtum.

Im Inneren strahlt es weiter

Die ukrainische Belegschaft der Baustelle verdient zwischen umgerechnet 270 und 420 Euro im Monat. Obwohl sich Arbeiter wiederholt beschwerten, dass das französische Konsortium Novarka, welches den Bau managt, eigentlich Durchschnittslöhne von 800 Euro überweist. „Ich bin offiziell als Schweißer angestellt, mische aber Beton“, erzählt der Arbeiter Igor Schewtschenko. „Das Essen ist nicht schlecht, wir leben in fünfstöckigen Häusern. Aber wir brauchen doch trotzdem Geld, um unsere Familien zu ernähren.“ Viele, die jetzt hier malochen, kommen aus dem Bürgerkriegsgebiet im Donbass, für sie sind freie Kost und Logis Grund genug, um trotzdem zu bleiben.

Die radioaktive Leiche von Tschernobyl wird zum zweiten Mal beerdigt. Und die Experten streiten, ob man sofort danach versuchen soll, das Innere des Kernreaktors zu entsorgen. Aber es ist unklar, wer das bezahlen wird. Und vor allem woher man die dafür nötige Technologie nimmt. „Der neue Sarkophag ist nur die erste Etappe der Problemlösung“, erklärt Irina Holovka vom Nationalen Ökologischem Zentrum. „Sie schafft nur die Bedingungen für die eigentlichen Liquidierungsarbeiten: die Demontage der gefährlichen Teile des alten Sarkophags und die Beseitigung des radioaktiven Mülls im zerstören Reaktor.“ Aber dafür bedürfe es einer noch nicht existierenden Infrastruktur, vor allem für den Umgang mit dem radioaktiven Material. „Noch weiß niemand auf der Welt, wie man mit diesen Brennstoffen umgehen soll“, sagt auch der Kiewer Kernwissenschaftler Anatoli Nowoski.

Die Experten klagen, es gebe auch noch keine Roboter, die die strahlenden Stoffe aus dem Inneren des Reaktors entfernen könnten, ohne dabei kaputtzugehen. Ukrainische Offizielle aber reden schon von einem neuen Image für Tschernobyl: Vom Mahnmal der Katastrophe zum Symbol für deren Überwindung. Der ukrainische Umweltminister Ostap Sermerjak kündigte an, künftig werde man das Atomkraftwerk mit Sonnenenergie versorgen. Bloß weiß niemand, ob man nicht in 100 Jahren einen noch gigantischeren Sarkophag III über das „Gewölbe“ stülpen muss, um die Welt vor dem drinnen schlummernden Strahlentod zu bewahren.

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28.11.2016, 06:00 Uhr

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