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Horb · Botanik

Sattes Grün war einmal

Der Buchsbaumzünsler war vor wenigen Jahren noch unbekannt in der Region. Jetzt frisst er ganze Hecken nieder.

16.07.2019

Von Benjamin Breitmaier

Buchsbaum ist eine der häufigsten Zier- und Nutzpflanzen in Deutschland. In Horb und in der Region fehlen die akkurat getrimmten Hecken und Büsche fast in keinem Garten. Anspruchsvoll ist der Buchsbaum nicht wirklich, dafür setzt er beim ordnungsliebenden Schwaben ungeahnte Kreativkräfte frei. In Millimeter-genauer Präzision lässt sich der Buchs in Kugeln, Kegel und Kunstwerke formen.

Doch das seit Jahrzehnten reibungslos funktionierende Team, Buchsbaum und Schwabe, es steht einer Bedrohung gegenüber, die es so noch nie gab.

Sie kamen aus Ostasien – Japan, Korea, China. Erste Funde gab es in Baden-Württemberg bereits im Jahr 2006. Laut einem Bericht des Bayerischen Rundfunks begann es nahe der Rheinhäfen Kehl und Weil am Rhein. Die Tiere wurden vermutlich über den Handel mit Pflanzen eingeschleppt. Es folgte eine Epidemie, die in kurzer Zeit ganz Mitteleuropa erfasste.

Im Horber Stadtgebiet treibt der Schädling erst seit wenigen Jahren sein unheilvolles Werk. 2019 scheint das bisher schlimmste zu sein. Aus mehreren Teilorten und der Innenstadt sind der SÜDWEST PRESSE Berichte von toten Buchsbäumen bekannt.

Nahezu täglich werden auf der Mülldeponie in Rexingen Plastiksäcke mit verdorrten Buchssträuchern angeliefert. Dahingerafft von diesem neuen Schädling, dem die hiesige Natur bisher nichts entgegenzusetzen wusste.

Fast jeder hat den Namen bereits einmal gehört, sich meistens nicht viel dabei gedacht, bis er in seinem eigenen Garten die ersten trockenen Stellen in seiner geliebten Hecke feststellen musste.

Der Buchsbaumzünsler. Giftig, gefräßig, bisher fast unaufhaltsam. Sechs Zentimeter lang werden die grünen, schwarz-gepunkteten Raupen dieses silbrigen Falters. Er legt seine Eier fast ausschließlich in hiesige Buchssträucher. Dort kleben sie an den Unterseiten der Blätter. Ausgeschlüpft, fressen sich die Raupen vom Innern des Strauchs nach außen. Wer die braunen Stellen entdeckt, für dessen Strauch kann es schon zu spät sein.

Einer der Betroffenen ist Heinz-Werner Böhnke aus Dettingen. Den Garten des Hobbygärtners schirmt seit Jahrzehnten eine riesige Buchshecke ab – ein sattes, tiefgrünes Bollwerk gegen den Verkehr der angrenzenden Straße. Doch die Hecke schien schon dem Untergang geweiht. Wie Feuer in einem trockenen Feld breiteten sich die braunen, dörrigen Stellen in der Hecke aus. Ein Viertel der ausladenden Hecke war bereits verschlungen.

Auf keinen Fall in die Biotonne

Böhnke reagierte jedoch schnell. Von der Baywa holte sich der Hobby-Gärtner ein relativ junges Insektizid, das auf den Buchsbaumzünsler ausgelegt ist – Bienen und anderen Nutzinsekten sollen dabei verschont bleiben.

„Jetzt sieht man schon wieder die ersten Triebe“, meint Böhnke. Doch auch inmitten des neuen Grün sitzt wieder einer der Falter. Im Sonnenlicht glänzen die feinen Fäden – ein weiteres Indiz, dass der Zünsler noch nicht besiegt ist. Nur einige Meter weiter entlang der Straße hat das Tier eine meterlange Hecke quasi dahingerafft.

Experten raten, den befallenen Buchs auf keinen Fall im Biomüll zu entsorgen. Die sicherste Methode: In Plastik einpacken und dann ab in den Hausmüll. Doch die größte Mülltonne macht schlapp, wenn sie eine ganze Hecke aufnehmen soll. Bleibt noch der Gang auf die Deponie (siehe Infokasten).

„Der Buchsbaumzünsler fällt wie eine Naturgewalt über den Buchsbaum her“, sagte Michael Glas vom Landwirtschaftlichen Technologiezentrum Augustenberg (LTZ) in Stuttgart jüngst dem Bayerischen Rundfunk.

Der Experte rät, seinen Buchsbestand regelmäßig zu kontrollieren. Erste Anzeichen seien oft feine Gespinste in der Pflanze. Der Fachmann rät dazu, ein weißes Blatt Papier unter die Pflanze zu halten und mit der Hand gegen den Buchs zu schlagen. Damit würden die Raupen auf das Papier fallen. Beim Kampf gegen die Eier und jungen Larven helfe oft nur der radikale Beschnitt.

Hilfe naht mittlerweile auch von der heimischen Fauna. Der Nabu konnte jüngst beobachten, dass sich Spatzen, Buchfinken und Kohlmeisen langsam an die Raupen heranwagen. Auch einige Wespenarten sollen laut Nabu ihre Speisekarte um Buchsbaumzünsler erweitert haben. So mag es durchaus sein, dass die Natur selbst zum Retter der schwäbischen Gärten wird.

Beim Anblick ihrer verdorrten Buchsbaumbestände kommen so manchem Gartenbesitzer die Tränen. Doch müssen sie nicht nur den Verlust verkraften, sondern sich auch um die Entsorgung kümmern. Denn der vom Zünsler befallene Buchs darf auf keinen Fall in die Biotonne oder den Komposthaufen, sonder muss als Restmüll entsorgt werden, damit keine Verbreitungsgefahr von ihm ausgeht.

Das kann sich allerdings auf den Geldbeutel auswirken: Bei größeren Mengen reicht der Mülleimer kaum aus, zusätzliche Restmüllsäcke kosten 4,80 Euro je Sack. Für die Anlieferung auf den Deponien Bengelbruck und Rexingen werden 22 Euro je 100 Kilogramm berechnet.

Wie stark die Deponien im Landkreis derzeit ausgelastet sind, kann Landratsamtssprecherin Sabine Eisele auf Anfrage der SÜDWEST PRESSE nicht genau beantworten. „Der befalle Buchs wird nicht gesondert erfasst, sondern als Restmüll gewogen. Pauschal kann aber von einer deutlichen Zunahme ausgegangen werden“, sagt sie. Auch die Anfragen nehmen zu, die Hotline des Abfallwirtschaftsbetriebs beantwortet vermehrt Anfragen zu Entsorgungsmöglichkeiten und Gebühren. Ausnahmeregelungen werden derzeit intern geprüft. Kulanz oder Gebührenreduzierungen seien aber nicht geplant, auch wenn dann die Gefahr droht, dass die befallenen Buchsbäume einfach in der Natur „entsorgt“ werden, informiert Eisele: „Eine Kulanz in Form von verminderten Gebühren oder eine Gebührenfreiheit ist aus gebührenrechtlichen Gründen nicht möglich. Die Genehmigung anderer Entsorgungswege ist ebenfalls nicht möglich.“

Dagmar Stepper

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Erstellt:
16. Juli 2019, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
16. Juli 2019, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 16. Juli 2019, 01:00 Uhr

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