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In Reutlingen lagert eine herausragende Sammlung alter Schnitzwerke

Schätze aus dem Hindukusch

Terry Uwe Henderson sammelt seit 25 Jahren einzigartige Holzkunst aus dem Hindukusch. Nun will der Reutlinger mit Hilfe eines Vereins seine außergewöhnlichen Exponate der Öffentlichkeit zeigen. Das ist allerdings ein sehr schwieriges Unterfangen.

17.01.2015
  • Thomas de Marco

Schätze aus dem Hindukusch
Viele Objekte muss Terry Uwe Henderson in Einzelteile zerlegen, um sie lagern zu können. Hier die Seitenwand einer hölzernen Arkade aus Rajasthan.Bilder: Haas

Reutlingen. Behutsam hebt Terry Uwe Henderson, 54, das weiße Leintuch an, wirft es nach hinten und gibt den Blick frei auf ein Meisterwerk aus Holz: eine große Truhe, die mit kunstvoll geschnitzten Ornamenten verziert ist. Mit der Hand streicht der Reutlinger über das Holz, das an einigen Stellen schon starke Gebrauchsspuren aufweist. Das Möbelstück, das 1,80 Meter breit und etwa zwei Meter hoch ist, stammt aus dem Swat-Tal in Pakistan und könnte im 19. Jahrhundert einem Textilhändler gehört haben. Andere Truhen wurden zur Aufbewahrung von Korn oder als Hochzeitskiste für die Mitgift der Braut verwendet.

Um die 55 solcher Truhen in allen Größen hat er in einer Lagerhalle außerhalb von Reutlingen stehen. Dazu kommen hier noch ganz besondere Stücke wie die hölzerne Arkade mit drei Durchgängen, die früher im indischen Bundesstaat Rajasthan entweder vor einem Palast oder einem Fort stand. Über acht Meter lang und viereinhalb Meter hoch ist dieser vierseitig beschnitzte Vorbau, den Henderson nur in Einzelteile zerlegt aufbewahren kann.

Schätze aus dem Hindukusch
Ein Verein will die Kunstwerke der Öffentlichkeit zugänglich machen: Terry Uwe Henderson, Maria Schremf und Klaus Seeger (von links mit einer afghanischen Rabab) gehören zu den Gründungsmitgliedern von Vehonis.

Insgesamt sechs Lager an vier verschiedenen Standorten um Reutlingen braucht der Sammler mittlerweile, um alle seine Schätze, die zumeist aus Zedernholz hergestellt worden sind, unterzubringen. Dazu zählen neben den über 120 Truhen, die teilweise bis zu 600 Jahre alt sind, Arkaden, Erker, Säulen, Türen, Fensterläden, Stühle, Sitzbänke und hölzerne Instrumente. Henderson hat sich von Wissenschaftlern bestätigen lassen, er besitze in Europa die größte Privatsammlung von Holzschnitzkunst aus dem Hindukusch und Tibet, die auch von keinem Museum übertroffen werde. Auch weltweit zähle diese Sammlung zu den größten.

Angefangen hat alles mit zwei Truhen, die der gebürtige Stuttgarter vor 25 Jahren in Reutlingen gekauft hatte. „Ich war fasziniert von ihrer Bauweise und vor allem von den reich beschnitzten Frontseiten“, sagt Henderson. Er wollte mehr darüber erfahren, vertiefte sich in Fachliteratur, war begeistert von der Einzigartigkeit der Objekte, die teilweise in abgeschiedenen und jahrhundertelang von der Außenwelt unbeeinflussten Tälern entstanden sind.

1994 reiste der Reutlinger, der eigentlich aus der Musikbranche kommt, früher ein Tonstudio hatte und Bands managte, erstmals in das Swat-Tal. Nachdem Aufenthalte im pakistanischen Teil des Hindukusch zu gefährlich geworden waren, reiste Henderson nach Nordindien. Insgesamt zehn Mal war er bisher in dieser Region auf Einkaufsfahrten und führte die hölzernen Schmuckstücke mit Schiffscontainern aus (siehe „Mit Engelszungen“).

Der Umfang der Sammlung bereitet dem Reutlinger mittlerweile aber große Probleme. Zum einen verschlingt die Lagerung an den sechs Standorten eine Menge Geld, zum anderen möchte Henderson die Stücke geordnet übergeben. „Als ich jünger war, dachte ich immer, es ist dafür noch viel Zeit. Jetzt, da ich älter bin, drängt die Zeit. Sollte mir etwas passieren, wäre niemand in der Lage, die vielen Einzelteile in den Lagern zu identifizieren – geschweige denn, sie jemals wieder zusammenbauen zu können.“

2014 war das Jahr der Rückschläge

Um die Sammlung zu retten und vor allem auch der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, hat sich im Mai vergangenen Jahres Vehonis gegründet – der „Verein für Erforschung und Erhalt ethnographischer Holzschnitzwerke des nordindischen Subkontinents“. Oberstes Ziel sei ein Museum, in dem auf etwa 3000 Quadratmetern die Holzkunst ausgestellt werden kann, sagt Klaus Seeger, ein 65-jähriger Arzt. Er hat vor vielen Jahren bei Henderson einmal eine Truhenfront gekauft, als dieser zwischen 1992 und 1996 eine Galerie in Pfullingen betrieb. Seither ist Seeger, der in seiner Praxis von vielen Patienten auf diese Stück angesprochen wurde, begeistert von den Kunstwerken.

Die Vereinsmitglieder schreiben Leute an, nehmen Kontakt zu Unternehmen auf und versuchen alles, um Interesse für die Sammlung zu wecken. „Wir treffen viele Menschen, die Interesse an den Kunstschätzen haben, aber leider nicht die Mittel, uns zu unterstützen“, sagt die 25-jährige Studentin Maria Schremf.

Vor allem hat die Gruppe um Henderson bei der Suche nach Unterstützung immer wieder herbe Rückschläge einstecken müssen. Während der gesamten Zeit, in der die Sammlung wuchs, hatte der Reutlinger engen Kontakt unterhalten zu Prof. Johannes Kalter, den ehemaligen Leiter der Orientabteilung und stellvertretenden Direktor des Stuttgarter Lindenmuseums. Dieser war auch fachlicher Berater der ebenfalls für die Sammlung gegründeten Vehonis-Stiftung. Er als Wissenschaftler sollte die Suche nach Sponsoren oder Stiftungen begleiten sowie ein Gutachten erstellen. Doch kurz nach Gründung des Unterstützervereins starb Kalter im Juni 2014 (siehe nebenstehenden Artikel).

Dann war Vehonis vor kurzem eine ehemalige Galerie in Reutlingen als Ausstellungsraum zur Verfügung gestellt worden. Doch ein Wasserschaden flutete die Halle – und wieder war eine Hoffnung dahin, einige Exponate der Öffentlichkeit präsentieren zu können.

Noch hat Vehonis die Hoffnung nicht aufgegeben, günstigen Lager- oder gar Ausstellungsraum zu finden. Als Zwischenlösung wäre eine Räumlichkeit mit einer Fläche von 600 Quadratmetern ideal, um die komplette Sammlung aufbauen und für zwei, drei Jahre ausstellen zu können, sagt Henderson. Dann wäre es vielleicht auch leichter, das Interesse von Mäzenen für ein mögliches Museum zu wecken. „Ich habe bisher niemanden getroffen, der nicht von den Stücken begeistert gewesen wäre. Aber man muss sie sehen, um sich dafür begeistern zu können“, sagt der Sammler.

Lagerkosten in fünfstelliger Höhe

Doch eine Lösung ist nicht in Sicht – und die Zeit drängt. Denn jährliche fallen für die Lagerung Kosten in fünfstelliger Höhe an. Deshalb hat der Reutlinger nun 32 Stücke zum Verkauf ausgesucht, vor allem Truhen. Ungern, wie er betont. Damit will der 54-Jährige das Geld dafür zusammenbekommen, um den Kern der Sammlung zu retten. „Hier ist eine umfassende Zusammenstellung, die einmalig ist. Ansonsten gibt es nur Einzelteile in Privathänden oder Museen“, sagt Henderson fast schon wehmütig.

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17.01.2015, 12:00 Uhr

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