Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Beim „Entdeckerfreudentag“ kamen 85 private Filmrollen für die DVD „Tübingen. Der Film“ zusammen

Schätze fürs Stadt-Porträt

„Filmschätze gesucht!“, lautete am Samstag der Aufruf. Rund 100 Besucher kamen ins Rathaus, um Filmmaterial aus dem letzten Jahrhundert anzusehen – und eigene Filmrollen abzugeben: Daraus soll ein Film über die jüngere Stadtgeschichte entstehen.

16.04.2012
  • Madeleine Wegner

Tübingen. Über die Leinwand im Großen Sitzungssaal des Tübinger Rathauses flackerten am Samstag Schwarz-Weiß-Bilder: Mai-Parade 1939 unter Nazi-Flaggen am Lustnauer Tor, oder auch: Studenten 1940 auf der Terrasse eines Verbindungshauses bei Fechtübungen, beim Sonnen und Kartenspielen. Eine nähende alte Frau und spielende Kinder auf einer Tübinger Dachterrasse in der Mühlstraße sind Mitte der 40er-Jahre bereits in Farbe auf Film festgehalten.

Aus Aufnahmen wie diesen soll ein Film über die jüngere Stadtgeschichte entstehen. „Tübingen. Der Film“ heißt das Projekt des Stuttgarter „Hauses des Dokumentarfilms“ in Kooperation mit der Stadt Tübingen, dem Institut für Medienwissenschaft und dem TAGBLATT. „Es soll ein Spaziergang durch die Stadtgeschichte werden“, sagt Filmautorin Anita Bindner.

Der Film soll vor allem das Lebensgefühl der Menschen damals transportieren. Neben Aufnahmen aus Stadtarchiv und Landesfilmsammlung soll deshalb auch privates Material in die Tübingen-DVD einfließen. Am Samstag waren darum alle Hobby-Filmer, Super 8-Sammler und Filmdosen-Besitzer aufgerufen, beim „Entdeckerfreudentag“ im Rathaus ihr privates Filmmaterial abzugeben.

Um gleich in die Filme reinsehen zu können, hatten Reiner Ziegler vom „Haus des Dokumentarfilms“ und sein Team mehrere Projektoren mitgebracht. Einer der Super 8-Projektoren lief knatternd an und warf Aufnahmen vom Stocherkahnrennen im Juli 1975 an die Wand – die Studenten hatten schon damals am Nadelöhr zu kämpfen –, dann Hochseilartisten während des Sommerfestes im gleichen Jahr und großer Flohmarkt auf dem Marktplatz 1976.

„Ich habe schon als Kind gern fotografiert. Dann habe ich mir als Jugendlicher eine ganz billige Video-Kamera gekauft“, erzählt Hans Rist, der gleich mehrere Filmrollen mitgebracht hat. In den siebziger Jahren hat er auf dem Tübinger Marktplatz gewohnt. „Immer, wenn irgendetwas los war, habe ich mit der Kamera draufgehalten“, sagt er. Auch einen rasanten Polizeieinsatz in der damaligen Grabenstraße (heute Stadtgraben) hat er damals gefilmt: Die Polizeifahrzeuge mussten sich ihren Weg mitten durch einen großen Festumzug bahnen.

Unter den 85 am Samstag abgegebenen Filmrollen waren überwiegend stadtgeschichtliche Aufnahmen aus den fünfziger bis siebziger Jahren im Format Normal 8 und Super 8. Außergewöhnliche Aufnahmen brachte die Tübinger Reitgesellschaft: Auf vier Filmrollen zu je zehn Minuten ist ein internationales Reitturnier in Tübingen Mitte der fünfziger Jahre filmisch festgehalten – im Kinoformat von 35 Millimetern.

Gleich eine ganze Kiste voll Material gab es vom Club Voltaire aus den Jahren 1975 und 1976: von Folkfestivals auf der Festwiese, von Theaterspiel und Konzerten in der Stadt. Ebenfalls abgegeben wurden Aufnahmen eines Lehrers, der eine Demonstration der Keppler-Gymnasiasten dokumentierte: 1969 schwappten die Studentenunruhen auch auf die Schüler über, in Folge der Streiks und Demos blieb damals der halbe Jahrgang sitzen.

Sehr viel ruhiger geht es in den Aufnahmen von Karl Schmid zu. Sehr aufwändig hat er die Tiere im Schönbuch in den sechziger Jahren gefilmt. „Bevor die alten Handwerks- und Dienstleistungsberufe aussterben, wollte ich sie auf Film festhalten“, sagt hingegen Arno Ebner.

So hat er 1973 einen Wagner in Tailfingen beim Bau eines Speichenrades gefilmt, außerdem 1979 das letzte Kuh-Gespann in Breitenholz, und er hat die Bäckerei Berner in Altingen mit alten Knetmaschinen auf Super 8 festgehalten. Auch viele Familienaufnahmen sind unter dem abgegebenen Material. „Die sind sehr liebevoll gemacht“, sagt Archivar Reiner Ziegler. Er ist sehr zufrieden mit dem „Entdeckerfreudentag“.

Nun muss das abgegebene Film-Material gesichtet, eine Auswahl getroffen und breit angelegt recherchiert werden. Dabei unterstützt ein Master-Kurs von etwa 30 Medienwissenschaft-Studenten unter Leitung von Meike Uhrig und Kurt Schneider das „Haus des Dokumentarfilms“. Unter anderem recherchieren sie Themen und filmen aktuelle Szenen, um sie den historischen gegenüber zu stellen.

Um das Film-Material weiter verwenden zu können, muss es zunächst digitalisiert werden. „Am Ende ist es ja auch Teil der archivischen Arbeit, das Material wieder zugänglich zu machen“, sagt Filmautorin Bindner. Auch ihr Kollege Ziegler sagt: „Wir möchten das Material nicht nur ins Archiv-Regal stellen, sondern es fließt wieder in neue Produktionen ein.“

Info: Für das Projekt „Tübingen. Der Film“ können noch bis spätestens Juli private Filmaufnahmen im Stadtarchiv abgegeben werden.

Schätze fürs Stadt-Porträt

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

16.04.2012, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball