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Reutlinger Maschinenfabrik Gustav Wagner hatte mehr als tausend Beschäftigte

Scharfer Schnitt am Buckel

„Wagner am Buckel“ hatte weltweiten Erfolg mit Sägen. Firmengründer Gustav Wagner war ein Tüftler und Bastler, der in seiner wachsenden Firma auch soziale Standards setzte.

18.08.2012
  • Matthias Reichert

Reutlingen. Der gebürtige Kirchheimer Gustav Wagner machte in Reutlingen seine Lehre bei Dampfmaschinenhersteller Ulrich Kohllöffel. Wie Museumsmitarbeiterin Anke Bächtiger berichtet, ging er über Wien dreieinhalb Jahre nach New York, wo er unter anderem als Eisenbahnschlosser arbeitete. Nach der Reutlinger Militärzeit und einigen Industrie-Stationen machte er sich 1888 in Metzingen selbstständig, anfangs stellte er Backenfutter für Bohrmaschinen her. 1890 zog er nach Reutlingen, wo er am Rand des Schieferbruchs in der Degerschlachter Straße eine halb abgebrannte Spinnerei ausbaute.

Wagner war laut Bächtiger der geborene Konstrukteur. Unter anderem erfand er einen nachgiebigen Vorschub für Kaltsägen. Das hier abgebildete Modell aus dem Jahr 1910, trennte Metall(stangen) ohne Materialerwärmung. Es hat einen breiten Kastenfuß aus Gussstahl und Riemenscheiben für den Transmissionsantrieb. Mit den Rädern an der Oberseite kann man die Apparatur einstellen. Weitere Maschinen folgten: Drehbänke, Gewindeschneide- und Sägeblattschärfmaschinen. Wagner erweiterte die alte Spinnerei und stockte die Belegschaft auf, die am Ende des 19. Jahrhunderts auf hundert Mitarbeiter angewachsen war. Strom für die Maschinen kam wohl von der Wernerschen Mühle in Betzingen, 1895 wurde ein „Lokomobil“, eine Dampfmaschinenanlage mit 20 PS, angeschafft.

20 Tonnen schwere Panzerplattensäge

Der endgültige Durchbruch für Wagners Kaltkreissägen kam mit der Düsseldorfer Messe 1902. Andere Fabriken in der Region zogen nach. Wagner spezialisierte sich auf die Fertigung von Sägeblättern. 1905 folgte der Fabrikneubau auf dem Schieferbuckel nach eigenen Entwürfen. Eine neue Dampfmaschine mit 100 PS wurde angeschafft, die schon 1912 durch eine 250-PS-Maschine ausgetauscht wurde. Dazu kam ab 1921 Wasserkraft aus einer Mühle in Oferdingen.

Bis zum Ersten Weltkrieg wuchs die Firma beständig. Höhepunkt der Kaltkreissägenproduktion war die Herstellung einer 20 Tonnen schweren Panzerplatten-Kaltkreissäge, die mit einem mannshohen Sägeblatt 50 Zentimeter dicken Stahl durchschneiden konnte.

Auch die Belegschaft wuchs an. Für jeden Arbeiter gab es einen eigenen Kleiderschrank und ein eigenes Warmwasserwaschbecken, zusätzlich 15 Duschkabinen für alle. Im neu gebauten Aufenthaltsraum konnten sie sich ihr Mittagessen aufwärmen. Vor dem Ersten Weltkrieg zahlte Wagner die höchsten Löhne im Bezirk, führte als Erster in Reutlingen – vermutlich um 1914 – die freien Samstage ein.

Außerdem gab es Prämien für Mitarbeitervorschläge zur Verbesserung und Leistungssteigerung. Die guten Bedingungen beim Patriarchen führten dazu, dass viele Beschäftigte lang bei Wagner blieben. 1928 waren von damals 575 Mitarbeitern fast ein Viertel seit mehr als 25 Jahren dabei. Lebensversicherungen, Betriebsrenten und Sonderauszahlungen zählten zu den sozialen Errungenschaften. Auch der Bau einer Arbeitersiedlung nach Vorbild des Gmindersdorfs war in der Sickenhäuser Straße geplant, doch der Weltkrieg und der frühe Tod des Firmengründers verhinderten die Umsetzung.

Gustav Wagner starb am 6. August 1919 mit 68 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls. Seine Brüder Christian und Karl übernahmen die Firmenleitung, sie feierten weitere Erfolge mit neuen Technologien: 1928 präsentierte die Firma die erste hydraulische Kaltsäge der Welt, 1930 die erste vollautomatische Maschine. 1928 rückten die Söhne von Gustav Wagner an die Firmenspitze.

Wie ihr Vater, hatten Ernst und Fritz Wagner nach der technischen Grundausbildung Erfahrungen in Amerika gesammelt. 1963 ging die Leitung an die Enkel des Firmengründers, Günther Wagner und Walter Henning. Damals wuchs die Belegschaft auf über tausend Beschäftigte an, doch in den 90ern folgte das Ende der Traditionsfirma (siehe Kasten).

Scharfer Schnitt am Buckel
Eine Kaltkreissäge, 1910 hergestellt von der Maschinenfabrik Gustav Wagner, aus dem Fundus des Industriemagazins.Bild: Bächtiger

Die Gustav Wagner Maschinenfabrik war führend in Hartmetall-Sägetechnologie, im Sägen-Anlagenbau sowie in der Bohr- und Schneidetechnik. Firmengründer Gustav Wagner hatte den Betrieb am 20. Dezember 1890 ins Handelsregister eingetragen. Damals stellte er Zentriermaschinen und Kaltkreissägen her. 1905 erfolgte der Fabrikneubau auf dem Schieferbuckel. Immer wieder brachte Wagner Neuheiten auf den Markt. Über die Weltwirtschaftskrise 1932 retteten die Firma Millionenaufträge aus der Sowjetunion. Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs die Belegschaft auf bis zu 1124 Mitarbeiter im Jahr 1970. Die Firma hatte zahlreiche Töchter im Ausland. Einige Zeit glich die Nachfrage der russischen Stahl- und Aluminiumwerke aus, dass Kunststoffe zunehmend Stahl als Baumaterial verdrängten. Doch mit dem Ende der Sowjetunion kam der Niedergang der Traditionsfirma. Nach dem Konkurs 1993 teilten die Gläubiger den Betrieb in neun Produktionssparten auf, die einzeln verkauft wurden. Anfang 1997 folgte dann das endgültige Aus.

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18.08.2012, 12:00 Uhr

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