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Aristion lebte in Attika

Schatz des Monats Januar: Grabmal für einen attischen Krieger

Drei Dinge braucht der Mann: Geschlechtsorgan, Waffen und Bart. Jedenfalls im Menschenbild Attikas, wie jene Stele zeigt, die im Rittersaal des Schlosses Hohentübingen in einer schönen Rekonstruktion bestaunt werden kann.

03.01.2015

Von Kathrin B. Zimmer

Tübingen. Die selbst in fragmentiertem Zustand noch etwas über zwei Meter hohe, schlanke Grabstele zeigt in flachem Relief einen gewappneten Krieger. Der bärtige Mann erscheint vollständig im Profil nach rechts, und die Lanze in seiner Linken, die rechte Hand zur Faust geschlossen, den linken Fuß leicht vorgesetzt füllt die aufrechte Gestalt das Bildfeld fast vollständig aus. Den Oberkörper bekleidet ein schwerer Brustpanzer mit Lederlaschen am unteren Abschluss, unter dem Panzer trägt der Krieger einen extrem kurzen Chiton aus einem sehr feinen gemusterten Stoff, und die Schienbeine sind von Beinschienen geschützt. Die Inschrift auf der erhaltenen – im Gips aber nicht mit abgegossenen – Basis überliefert den Namen des Verstorbenen im Genitiv: Er hieß Aristion. Die Inschrift auf der schmalen, das Bildfeld nach unten abschließenden Leiste gibt über den Namen des Bildhauers Aufschluss: Die Stele ist ein Werk des Aristokles.

1839 in Velanideza in Attika gefunden, birgt die um 510 v. Chr. gefertigte Stele aus Pentelischem Marmor einige Merkwürdigkeiten: Der Krieger trägt auf seinem Kopf nicht den üblichen Bronzehelm, sondern lediglich die darunter liegende Polsterung, und im Nacken ist deutlich ein längliches Loch zu erkennen, das zur Anstückung gedient haben muss. Darüber hinaus sind sowohl seine Bartspitze als auch das Geschlecht des Mannes nicht vollständig ausgearbeitet, sondern an beiden Stellen ist die Marmorfläche grob geglättet und für eine Anstückung vorbereitet.

Ikonographische Vergleiche lassen den Helm als unverzichtbar erscheinen, dieser war offenbar an dem erwähnten Loch in Bronze angesetzt. Ebenso in Metall angesetzt und damit optisch stark hervorgehoben, kann man sich Bartspitze und Glied des Mannes denken. Die 2005 in Tübingen unter Leitung von Thomas Schäfer gefertigte Rekonstruktion von Sönmez Alemdar und Klaus von Woyski gibt diese drei Teile ebenso bronzefarben wieder wie die Lanzenspitze im ergänzten oberen Abschnitt der Stele. Die Bekrönung des Grabmals mit einer Palmette erfolgte nach zeitgleichen Parallelen.

Die farbige Rekonstruktion kann sich auf unterschiedlich gut erhaltene Reste von Farbpigmenten am Original im Athener Nationalmuseum stützen. Sind unter anderem das Blau des Helmpolsters, das Rot des Reliefgrundes oder die farbigen Ornamente auf dem Panzer eindeutig zu belegen, so stützt sich die blaue Farbe der Beinschienen auf ein vergleichbares Exemplar in New York. Die um 510 v. Chr. gefertigte Stele betont durch die Bronzeapplikationen die zentralen Elemente des Mannes: Entsprechend dem archaischen Menschenbild zeichnen neben dem Geschlechtsorgan vor allem die Waffen und sein Bart den Mann aus.

Welche optische Wirkung durch einen Materialwechsel beziehungsweise die Kombination von Marmor und Bronze erzielt werden konnte, vermag die Rekonstruktion im Rittersaal des Schlosses Hohentübingen deutlich vor Augen zu führen.

Heute tragen nur noch Fußballspieler Schienbeinschützer, aber Aristion war kein beinharter Abwehrrecke, sondern Krieger.

Das Museum der Universität Tübingen MUT vereint die größte Zahl an Unisammlungen im deutschsprachigen Raum. Nach einer Modernisierung zeigt das MUT die Alten Kulturen auf Schloss Hohentübingen in neuem Licht. Hier werden derzeit etwa 4000 Objekte von der Urgeschichte bis zur Klassischen Antike präsentiert. In der Reihe „Schatz des Monats“ präsentieren die Kustod(inn)en des Museums die besten Stücke der Dauerausstellung Alte Kulturen. Das Schloss-Museum ist dienstags bis sonntags (auch am 1. und am 6. Januar) von 10 bis 17 Uhr, donnerstags darüber hinaus bis 19 Uhr geöffnet. Info und Führungen: 07071/29-77384

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Erstellt:
3. Januar 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
3. Januar 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 3. Januar 2015, 12:00 Uhr

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